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SICHERHEIT »Schnäppchen im Netz«

Diese Woche präsentiert Innenminister Schäuble die Kriminalstatistik 2006. Auch wenn die Zahl der Delikte weiter abnimmt: Jugendgewalt und Internet-Betrug breiten sich bedrohlich aus.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Das Fachgeschäft »Babyland« in Singen am Bodensee galt gemeinhin nicht als klassisches Ziel für Einbrecher. So konnte es sich Ladeninhaber Patrick Osann auch nicht erklären, dass in der Nacht zum Dreikönigstag Diebe bei ihm eindrangen - und nichts mitnahmen außer dem Lesegerät für die EC-Karten an der Kasse. Selbst die Polizei wunderte sich.

Eine Woche später war Osann klüger. Da meldeten sich die ersten Banken bei ihm, weil mit den Daten seiner Kunden viel Geld abgehoben worden war - in Frankreich und in Spanien. Bis die Karten gesperrt wurden, waren knapp 200 000 Euro weg. Und vom Täter fehlt jede Spur.

Die Polizei weiß noch nicht mal, wie der Beutezug genau funktioniert hat. Möglicherweise, so eine Hypothese der Fahnder, hatte sich der Täter nachts einschließen lassen und die Elektronik manipuliert. Auf einem zusätzlich angebrachten Chip könnten die Daten der EC-Karten gespeichert und nach dem Einbruch zur Herstellung von Dubletten benutzt worden sein. Mittlerweile hat das Bundeskriminalamt (BKA) den Fall übernommen - ein Zeichen dafür, wie ernst die Ermittler die Sache nehmen.

Der Betrug mit EC- und Kreditkarten wächst sich allmählich zu einem Massenphänomen aus. In mehr als 40 000 Fällen sind 2006 allein im Ausland solche Dubletten eingesetzt worden, eine Steigerung von rund 40 Prozent im Vergleich zu 2005. Deshalb wird Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, wenn er an diesem Dienstag in Berlin die Polizeiliche Kriminalstatistik 2006 vorstellt, auch auf die Gefahren beim Einkauf mit Plastikgeld - ob im Kaufhaus oder im Internet - mit ernster Miene hinweisen.

Deutschland sei noch sicherer geworden, kann der Christdemokrat zwar berichten - die Fallzahlen sanken erneut, diesmal um rund 1,4 Prozent auf 6,3 Millionen. Aber: Bei rechtsextremen Straftaten, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Gewaltverbrechen steigen die Zahlen - vor allem unter Jugendlichen, vor allem in den Ballungsräumen.

So registrierte die Berliner Polizei allein bei 14- bis 17-Jährigen 2006 zehn Prozent mehr Fälle von Körperverletzung (3733 Taten), bei den 18- bis 20-Jährigen wurde ein Plus von 8,3 Prozent verzeichnet. Und während in der Hauptstadt von Jugendlichen mit deutschem Pass jeder Zehnte durch eine Straftat auffiel, war es unter Ausländern jeder Fünfte.

Ende des Monats befassen sich auch die Innenminister von Bund und Ländern mit dem Problem. »Wir wollen nicht stigmatisieren, aber wir müssen dieses Thema angehen«, sagt der Bremer Innensenator Thomas Röwekamp (CDU). Denn in manche Viertel, beklagt der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch im SPIEGEL-Streitgespräch

mit dem Strafrechtler Bernd-Rüdeger Sonnen, »traut sich selbst die Polizei kaum noch« (Seite 38).

Überraschend deutlich dagegen, um mehr als sechs Prozent, sanken die Drogendelikte. »Da wird einfach nicht mehr so viel kontrolliert«, vermutet Konrad Freiberg von der Gewerkschaft der Polizei. Zur vergleichsweise positiven Gesamtentwicklung trug auch bei, dass Einbrecher, Räuber und Autodiebe auf dem Rückzug sind.

Umso unangenehmer ist der neue Tätertypus, der mehr und mehr auftaucht. Denn er ist eine unsichtbare Gefahr. Mit moderner Technik und dem Know-how eines Programmierers lauert er versteckt im Internet und an elektronischen Kassen. Er bemächtigt sich erst der Identität seiner Opfer - und dann ihres Geldes.

Die Ganoven von heute nutzen die Gutgläubigkeit der rund 46 Millionen Computerbenutzer in Deutschland oder der Millionen Kunden, die elektronisch bezahlen. Die Täter haben geringe Gegenwehr zu erwarten, denn bislang sind bundesweit gerade mal rund 350 Internet-Fahnder im Einsatz, von denen die meisten nach Pädophilen oder Terroristen suchen.

Da ist zum Beispiel das Phishing, ein Begriff, der sich aus den englischen Wörtern Password und Fishing zusammensetzt: Betrüger versuchen im Netz auf alle erdenkliche Weise, an Daten von Bankkunden zu gelangen. »90 Prozent der in den letzten beiden Jahren eingegangenen Fälle im Bereich Computerkriminalität betrafen Phishing«, sagt Jürgen Maurer, Abteilungspräsident im BKA.

Allein im Dezember 2006 spürten die Fahnder im Netz 28 000 Phishing-Seiten auf. Betrügerische E-Mails enthalten oft sogenannte Trojaner-Programme, die sich auf dem PC installieren und etwa InternetAktivitäten melden - also auch Banküberweisungen und Buchbestellungen. »Der Käufer«, so Maurer, »bemerkt die Infizierung seines Rechners oft gar nicht.«

Selbst Hersteller von Anti-Viren-Software kommen den ständig verfeinerten Tricks kaum hinterher. Kriminalist Maurer beobachtet einen »regelrechten Rüstungswettlauf zwischen Tätern und der Industrie«.

Doch selbst wer die altmodische Barzahlung bevorzugt, muss die Scheine irgendwo in Empfang nehmen - und landet am Geldautomaten. In Niedersachsen kann das derzeit unangenehme Folgen haben. Dort stülpen Ganoven hauchdünne Tastaturen über das Original und bauen falsche Kartenschächte ein - alles täuschend echt. Sie kopieren die Daten und fertigen damit Duplikate an, mit denen sie die Konten räumen. Allein Bankkunden in Braunschweig entstand seit Februar ein Schaden von rund 100 000 Euro.

Das Auslesen von Karten ist heute ein Kinderspiel, Dubletten lassen sich mit handelsüblichen Geräten für ein paar Cent herstellen. In München überredete ein Neapolitaner die Kellner italienischer Restaurants, die Kreditkarten ihrer Kunden zusätzlich in ein kleines Gerät zu stecken, das er ihnen lieferte. Mit den Daten von mehr als 50 Gästen ging er anschließend einkaufen. »Am sichersten ist es, seine Kreditkarte stets im Blick zu behalten«, rät Wolfgang Schneider vom Fraunhofer-Institut. Wie hoch die Zahl der Betrugsfälle ist, darüber schweigen Banken wie Kartenemittenten. Die Kunden, denen ihr Schaden meist generös ersetzt wird, sollen das Vertrauen ins Plastikgeld nicht verlieren.

Dass auch Shoppen im Netz teuer werden kann, verrät der Anstieg der Fallzahlen bei der Internet-Kriminalität von knapp 120 000 (2005) auf etwa 160 000 in 2006. »Der Jagdinstinkt, der einsetzt, wenn man glaubt, im Netz ein Schnäppchen gefunden zu haben, lässt viele Kunden jede Vorsicht vergessen«, beobachtet ADAC-Jurist Ulrich May. So fand ein 19-Jähriger auf einer Autoseite einen Audi A4 für nur 5200 Euro. Laut Gebrauchtwagenliste wäre der Wagen knapp 20 000 Euro wert gewesen.

Auf Anfrage meldete sich eine sympathische Carolyn aus London. Der Audi sei das Erbe ihres verstorbenen Bruders aus München, der links gesteuerte Wagen in England aber unverkäuflich und deshalb so billig - um ihn zu bekommen, müsse er nur schnell 1500 Euro anzahlen. Als Carolyn nach Zahlungseingang dieselbe Summe noch mal verlangte, dämmerte dem jungen Mann, dass der Traum vom Audi geplatzt und er 1500 Euro ärmer war.

Auch beim Verkauf eines Gebrauchtwagens lauern Gefahren. Der Verkäufer, erklärt ADAC-Fachmann May, »erhält oft einen Scheck von einer ausländischen Bank über eine weit höhere Summe als ausgemacht«. Der Käufer entschuldigt sich für das Missgeschick und bittet, die Differenz per Western Union zurückzuschicken. Kurz darauf platzt der Scheck. Der Verkäufer bleibt auf dem alten Wagen sitzen und hat zudem viel Geld verloren. Denn zu belangen sind die Täter, wenn sie etwa irgendwo in der Ukraine sitzen, so gut wie nie.

Experten sehen deshalb Politiker wie Schäuble gefordert, den Verbraucher besser zu schützen. »Die rechtlichen Probleme im internationalen Computerbetrug sind auf politischer Ebene noch nicht einmal diskutiert worden«, kritisiert Klaus Jansen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Die Kriminalistenvereinigung ist gerade selbst Opfer geworden: Vor gut einem Monat knackten Hacker ihren Rechner und legten den gesamten Datenbestand lahm. Tagelang quälten sich Experten durch die Programme, und immer wenn sie glaubten, das Problem sei endlich beseitigt, tauchte ein neues auf. Jansen: »Ein mittelständisches Unternehmen wäre auf diese Weise an den Rand des Ruins getrieben worden.«

SIMONE KAISER, ANDREAS ULRICH

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