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GEHEIMDIENSTE Schnapp und greif

Mit Zeitungsinseraten fahndet ein mysteriöses »internationales Konsortium« nach Terroristen. Wer steckt dahinter? *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Die Belohnung die in großformatigen Zeitungsanzeigen ausgelobt wird, ist verlockend. Versprochen werden »bis zu 1 Million Schweizer Franken«, rund 1,22 Millionen Mark.

Das Geld ist nicht leicht zu verdienen. Gezahlt wird laut Annoncentext nur für Informationen, »die zur Ergreifung von Terroristen führen« - bei Wahrung »absoluter Anonymität«.

Im Format 14 mal 16 Zentimeter werden Terroranschläge aus aller Welt aufgelistet: der blutige Überfall auf die türkische Botschaft in Lissabon vom Juli 1983, bei dem sieben Menschen starben; die Ermordung des US-Diplomaten Leamon Hunt, Direktor der Sinai-Friedenstruppe, in Rom im Februar 1984; die Erschießung des konservativen griechischen Zeitungsverlegers Nikos Momferatos im Februar 1985 in Athen.

Die Anzeigenkampagne, gestartet im Zürcher »Tages-Anzeiger«, der Bonner »Welt« und dem »Hamburger Abendblatt«, ist der neueste Versuch, mit einem alten Rezept Erfolge bei der Terrorfahndung zu erzielen: Auslobung von Millionenbeträgen, um politische Gewalttäter oder deren Helfer zu Ausstieg und Verrat zu bewegen.

Verantwortlich für die Inserate zeichnet ein »internationales Konsortium von Privatunternehmen und Stiftungen gegen weltweiten Terror«. Internationalität signalisieren auch die im Anzeigentext aufgeführten Telephonnummern, die in Luxemburg, Frankreich, den Niederlanden, der Türkei und in den USA bei Bedarf von Informanten angewählt werden sollen.

Bei Anwahl des Anschlusses in Frankreich (Paris) geraten Anrufer mal in eine tote Leitung, mal quäkt eine Stimme vom Band: »Diese Nummer ist nicht mehr besetzt.« Dann wieder ertönen geheimnisvolle Geräusche. Nach einem merkwürdigen Knacken meldet sich eine Frauenstimme, die auf Französisch mit amerikanischem Akzent versichert, daß eine »private Organisation privater Bürger« initiativ geworden sei, »lauter Geschäftsleute«.

In den USA (Atlanta) schaltet sich nach 60 Sekunden Knacken und Schweigen meist ein telephonischer Anrufbeantworter ein ("You have reached the International Anti-Terrorist Consortium. The office is closed now"). Zu den Bürozeiten (montags bis freitags von 7 bis 13 Uhr) forscht ein energisch klingender Mann in barschem Tonfall nach Informationen. Die würden zwei Tage lang überprüft, dann werde man weitersehen.

Westdeutsche Anlaufstelle ist Bonn. Anrufer der im Anzeigentext aufgeführten Nummer (0228) 485221 erwartet zunächst eine ungewöhnliche Prozedur: Sie werden automatisch zu einer Geheimnummer weiterverbunden: »Hier Anrufweiterschalter, ihr Anruf wird weitergeschaltet.« Dann meldet sich eine männliche Stimme mit »Hallo«.

Gegenüber dem SPIEGEL mochte der Unbekannte seinen Namen nicht verraten, »aus Sicherheitsgründen«. Er sei jedoch in die Terrorismus-Problematik »eingeweiht« und daher »sachkundig«. Auch andere Mitarbeiter des »privaten Konsortiums« verstünden etwas vom Thema. Ein »privates Gremium«, das sich ein »gewisses Wissen« angeeignet habe, würde allen Hinweisen nachgehen. Das Geld liege abrufbereit.

Gegenüber Tip-Gebern beteuert der Mann am andern Ende den »privaten Charakter« der Organisation. Alle Angaben würden »selbst überprüft«. Konspirative Treffen seien jedoch nur möglich, wenn bereits am Telephon »konkretere Angaben« gemacht würden: »Sonst tappen wir noch in eine Falle.«

Daß die Anrufer selber hereingelegt werden könnten, etwa durch Aufzeichnung ihrer Stimme auf Band, schließt der anonyme Gesprächspartner trotz verdächtiger Knackgeräusche aus. Und er versichert hoch und heilig: »Wir arbeiten nicht mit Behörden zusammen.«

Das kann so nicht stimmen. Nach Informationen des SPIEGEL wurde die Anzeigenkampagne vor mehr als einem Jahr im Bonner Innenministerium erörtert. Mitbeteiligt war zunächst das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA), später das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV).

Ausgegangen war die Initiative von einem ausländischen Geheimdienst: der amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA). Das Bundesamt für Verfassungsschutz leistet dem US-Geheimdienst, wie ein ranghoher Sicherheitsexperte verrät, derzeit nur Amtshilfe. Privatfirmen sind - entgegen dem Anzeigentext - offenbar nicht beteiligt.

Die Anzeigen, die über diverse Werbeagenturen aufgegeben worden sind wurden nicht nur in der Bundesrepublik sondern - mit gleichlautendem Text - auch in anderen Ländern Westeuropas und den USA geschaltet. Sogar im Nahen Osten lief die Aktion - etwa in der kuweitischen Zeitung »El-Kabas«. Auch sind womöglich weitere Geheimdienste eingeschaltet; im arabischen Raum soll der israelische Mossad den Amerikanern zuarbeiten.

Die Initiative ist Teil einer globalen US-Strategie. Schon 1984 hatte Präsident Ronald Reagan den »Krieg gegen den Terror« in aller Welt angekündigt. Im Mai 1985 meldete die »New York Times«, Militärs und Geheimdienstler hätten damit begonnen, »Gruppen in befreundeten Ländern« auszubilden, zu finanzieren »und sonstwie zu unterstützen, um die Terroristen zu bekämpfen«.

Im Februar 1987 berichtete »The Times«, Reagan habe die CIA insgeheim ermächtigt, mutmaßliche Terroristen im Ausland ausfindig zu machen und zu entführen, damit sie in den USA vor Gericht gestellt werden könnten. Als Zeugen der geplanten »Schnapp-, Greif- und Auslieferungsaktion« benannte die Zeitung »Geheimdienstangehörige und Justizbeamte der Administration«.

Die Bundesrepublik ist nach Zeugnis ehemaliger CIA-Mitarbeiter die »größte CIA-Außenstation« der Welt. Hunderte von Mitarbeitern sammeln in rund 75 westdeutschen Orten legal oder illegal Nachrichten. In geheimen Ausbildungslagern werden Agenten im Gebrauch von Sprengstoffen und Schußwaffen unterwiesen, etwa afghanische Widerstandskämpfer oder Ostblockflüchtlinge.

Der Schlüssel zu der Anzeigenaktion liegt womöglich in der Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental und dem anschließenden Bombenattentat auf die Rhein-Main-Air-Base im August 1985 - dem einzigen im Annoncentext aufgeführten Terrorakt, der in der Bundesrepublik verübt wurde.

Pimental, 20, war in der Wiesbadener Diskothek »Western Saloon« von einer Frau angesprochen und mit falschen Versprechungen in den Wald gelockt worden, wo der Soldat hinterrücks erschossen wurde. Mit Hilfe seines Dienstausweises gelangten tags darauf Unbekannte auf den militärischen Teil des Frankfurter Flughafens, wo sie in einem metallicgrünen VW Passat sechs Autobomben mit Zeitzünder deponierten. Bei der Explosion wurden zwei US-Bürger getötet und 20 weitere verletzt.

Zu dem Anschlag bekannten sich die westdeutsche Rote Armee Fraktion (RAF) und die französische Terrororganisation »action directe«. Das »Geheimdienstnest«

auf dem Luftstützpunkt hieß es in einem von Experten als »authentisch« eingeschätzten Brief, sei »mit dem Kommando George Jackson« angegriffen worden.

Durch die Bomben und die Toten gerieten Sicherheitsbehörden und Bundesregierung unter Druck. Die Amerikaner, deren Army-Angehörige schon wiederholt Opfer terroristischer Gewalttaten geworden waren, wollten endlich Fahndungserfolge sehen, die Bonn nicht vorweisen konnte. Washington avisierte Ermittlungshilfe.

Schon im Frühjahr 1985 hatte die CIA den deutschen Verfassungsschutz für Geldangebote per Inserat zu erwärmen versucht. Hauptargument: In den USA seien mit großzügigen Belohnungen gute Erfolge gegen Drogenhändler und die Mafia erzielt worden.

Doch die Kölner, heißt es in Bonner Sicherheitskreisen, sperrten sich anfangs mit dem Hinweis, amerikanische Profi-Kriminelle und deutsche Terroristen könnten nicht miteinander verglichen werden. Auch die BKA-Spitzen seien skeptisch gewesen.

Insider sind sicher, daß das spätere Zusammenspiel von Gerhard Boeden forciert wurde, der bis Ende Februar 1987 Vizepräsident des BKA war und wenige Wochen nach seiner altersbedingten Versetzung in den Ruhestand von Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann zum Chef des Bundesverfassungsschutzes berufen wurde. Schon als BKA-Vize hatte Boeden für die Ausschreibungen hoher Belohnungen plädiert. Die CIA-Aktion, vermuten ehemalige Mitarbeiter, sei ganz nach dem Geschmack des neuen Verfassungsschutzchefs.

Reine Geldangebote sind jedoch in den Reihen westdeutscher Terrorismusverfolger umstritten. Selbst Millionenbeträge stellen nach Überzeugung des Hamburger Verfassungsschutz-Chefs Christian Lochte für politisch motivierte Straftäter »keine Versuchung dar, im Gegenteil«. Durch solche - nach ihrem Verständnis »typisch kapitalistischen« - Maßnahmen werde, so Lochte, etwa die RAF eher zusammengeschweißt und in ihrem Wahn bestärkt, das marode System sei bereits am Kippen und versuche verzweifelt, sich mit »schnödem Mammon« (Lochte) zu retten.

Tatsächlich waren bislang alle Versuche vergeblich, RAF-Mitglieder oder Unterstützer mit Geld zu ködern. Schon 1980 hatten HUK-Verband, Dresdner Bank, Veba-Konzern und Flick dem Bundesnachrichtendienst 400000 Mark zur Terrorismusbekämpfung spendiert - ohne Erfolg. Nach dem RAF-Mord an Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts machten der betroffene Konzern und andere Industrie-Unternehmen auf Betreiben von Generalbundesanwalt Kurt Rebmann sogar drei Millionen Mark locker - ebenfalls Fehlanzeige.

Auch eine sogenannte Briefkastenaktion des Verfassungsschutzes blieb ohne jedes Echo. Staatsschützer hatten einigen Bewohnern der Düsseldorfer Kiefernstraße, die seit Jahr und Tag im Verdacht stehen, zum »legalen Arm« der RAF zu gehören, klammheimlich persönliche Schreiben in die Briefkästen geworfen. Inhalt: das Angebot hoher Belohnungen gegen Informationen. Reaktion: keine.

Einige hohe westdeutsche Sicherheitsexperten befürchten, daß Aktionen wie die CIA-Anzeigenkampagne geeignet seien, eine mittlerweile gestartete Bonner Anti-Terror-»Offensive auf politischer Ebene« zu gefährden. Dazu zählt das über Mittelsmänner lancierte Angebot des Verfassungsschutzes, potentiellen RAF-Aussteigern »Hilfestellungen für den Aufbau neuer Existenzen« anzubieten. Bei »glaubhafter Abkehr« vom Terrorismus sollen Umkehrwillige mit Geld und neuer Identität ausgestattet werden; eine »denunziatorische Lebensbeichte«, versichert das Amt, sei nicht erforderlich.

Doch während dieses heikle Experiment vor allem Vertrauen zwischen Behörden und Szene voraussetzt, säen die US-Anzeigen Mißtrauen: Sie appellieren an mögliche Verräter, Komplizen gegen Geld zu verpfeifen.

Die deutschen Behörden zieren sich deshalb, die Zusammenarbeit mit der CIA einzuräumen. Immerhin: Beim BKA, dessen Amtsspitze nur zu Anfangserörterungen in Bonn zugezogen worden war, wird dezent auf eine »andere kompetente staatliche Stelle« in Köln verwiesen.

Und in der Tat: Die Bonner Telephonnummer weist zur Kölner Verfassungsschutzzentrale. Deren Sprecher Hans-Gert Lange gibt sich jedoch gänzlich ahnungslos: »Wir haben wirklich nichts damit zu tun.«

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