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Kriminalität Schnell zugelangt

Die Mehrzahl der Ostdeutschen fühlt sich vor Kriminellen nicht sicher. Dabei ist die Zahl der Kapitalverbrechen in der Ex-DDR seit der Wende kaum gestiegen.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Wenn der sächsische Innenminister Heinz Eggert den Briefen glauben soll, die täglich in seinem Büro eingehen, dann leben die Sachsen in Angst und Schrecken.

»Die Menschen hier sind entsetzt«, berichtet ein Bürger aus Leipzig, »ohne Kontrolle kann heute jeder an alle Mordwaffen heran, bandenmäßig werden Autos geraubt, Sparkassen geplündert, Frauen und Männer zusammengeschlagen, beraubt, getreten.« Er reise »oft und gern«, schreibt ein Dresdner Universitätsangestellter, »aber ob in London, Wien oder Barcelona« - überall habe er »ein größeres Gefühl der Sicherheit« als in seiner Heimatstadt.

Ein anderer Briefschreiber trauert den alten Zeiten nach: »Bei Hitler und bei Honecker konnten wir ruhig auf die Straße gehen, nun nicht mehr.«

Die Klagen zeigen, wie empfindlich die Ostdeutschen auf eine ansteigende Kriminalität reagieren und wie wenig sie sich von Polizei und Justiz geschützt fühlen. Ein »enorm hohes Bedrohungsempfinden« hat der Leipziger Kriminalsoziologe Wolfgang Brück ausgemacht. Viele hätten den Eindruck gewonnen, die Wiedervereinigung habe zu »einer Explosion des Verbrechens« geführt und sie seien »den Straftätern hilflos ausgeliefert«.

Tatsächlich bleibt der Osten bei vielen Deliktarten noch immer weit unterhalb des westdeutschen Standards. Die besonders sozialschädliche Beschaffungs- und Drogenkriminalität beispielsweise wird, entgegen düsteren Prognosen, von der Polizei bislang kaum registriert; das organisierte Verbrechen hat sich erst in Ansätzen entwickelt.

Die »irrational erscheinenden Ängste« der Ostler, urteilt Christdemokrat Eggert, seien »Ausdruck einer generellen Verunsicherung durch den Umbruch«. Viele Menschen sähen sich »insgesamt mit Gewalt an die Wand gedrückt«, jeder Handtaschenraub werde da »äußerst sensibel« wahrgenommen. Eggert: »Die Nerven liegen bloß.«

Welches Ausmaß die Kriminalitätsfurcht in den neuen Ländern angenommen hat, belegt jetzt eine noch unveröffentlichte Gemeinschaftsstudie von Kriminologen aus Hamburg, Tübingen und Berlin. Ein Drittel der Bewohner ostdeutscher Großstädte fühlt sich, so ermittelten die Forscher, »abends allein auf den Straßen im eigenen Viertel sehr unsicher«. Nur 3,7 Prozent der Befragten schätzen ihren Stadtteil als »sehr sicher« ein. Vor der Wende, das ergab eine sogenannte Retrospektivfrage, war das Verhältnis genau umgekehrt.

Die Angst der Ostler, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, ist fast doppelt so hoch wie bei den westdeutschen Nachbarn. Selbst in amerikanischen Verbrechensmetropolen wie New York oder Chicago konnten ähnlich dramatische Werte nicht gemessen werden.

Knapp 30 Prozent der Neubundesbürger halten es für »sehr wahrscheinlich« oder »wahrscheinlich«, daß sie in den nächsten zwölf Monaten Opfer eines Raubes oder Diebstahls werden - Ergebnis einer letzte Woche bekanntgewordenen Untersuchung des Bundeskriminalamtes und des Freiburger Max-Planck-Instituts. 14,7 Prozent der Ostdeutschen erwarten, daß sie demnächst von Rowdies zusammengeschlagen werden.

Die Kriminologen sehen, wie Eggert, in allgemeiner Zukunftsangst den Hauptgrund dafür, daß sich so viele Ostdeutsche ständig bedroht fühlen. »Wer sich eh schon als Wende-Opfer sieht«, sagt Uwe Ewald von der Kriminologischen Forschungsstelle in Berlin, »der glaubt auch schneller, er sei bald das Opfer eines Überfalls.«

Hinzu kommt, daß die meisten Ostler ihrer schlecht gerüsteten Polizei nichts zutrauen. Kein Wunder, daß in den neuen Ländern die Sicherheitsindustrie boomt, Türspione und Alarmanlagen, Patentschlösser und Waffen aller Art der Renner sind.

Entscheidend befördert wird die diffuse Kriminalitätsfurcht von der Boulevardpresse. Die Ostbürger, die zu DDR-Zeiten allenfalls mal einen Fünfzeiler über die Fahndung nach einem Sexualtäter zu lesen bekamen, können nun in allen Details das unheilvolle Wirken des »Würgers von Halle« oder der »Bestie von Beelitz« verfolgen. Die auflagenträchtige Botschaft: Keiner ist mehr sicher.

Dabei werden Kapitalverbrechen wie Mord oder Totschlag kaum häufiger verübt als vor der Wende. Die Anzeigen bei Sittlichkeitsdelikten sind sogar rückläufig. Eine deutliche Zunahme verzeichnen die Polizeibehörden nur bei Diebstahl, Einbruch und Raub. »Die Ex-DDR ist offensichtlich ordentlicher als ihr Ruf«, sagt der Hannoveraner Kriminalwissenschaftler Christian Pfeiffer.

Auch die Einschätzung, in der DDR habe es praktisch keine Kriminalität gegeben, ist nach der Wende durch Fakten widerlegt worden. Die offizielle Statistik war erheblich geschönt. So wurden im SED-Staat zwar pro Jahr rund 100 000 Fahrräder gestohlen, die Delikte von der Polizei aber nicht als Straftat erfaßt. Auch kleinere Diebstähle tauchten in keiner Statistik auf - sie galten als »Verfehlungen«, die von sogenannten Gesellschaftlichen Gerichten geahndet wurden.

Daß die DDR keineswegs nur die Heimat ehrlicher Leute war, belegt eine weitere Untersuchung des Max-Planck-Instituts. Bürger in Ost und West wurden kurz vor der Vereinigung befragt, ob sie in den vergangenen fünf Jahren einer Straftat zum Opfer gefallen seien. Einen Einbruch beispielsweise beklagten 2,5 Prozent der Westler und immerhin 2,1 Prozent der Ostler. Fazit der Erhebung: »Diebstahl und Aggressionsdelikte gehörten auch in der DDR zum Kriminalitätsalltag.«

»Wirklich frappierend« finden Experten wie der Leiter des Dresdner Landeskriminalamtes (LKA), Peter Raisch, nur die »erschreckende Gewaltbereitschaft« der Täter. Der Polizeiführer, zuvor Terroristenfahnder in Stuttgart, ist verblüfft, »wie schnell im Osten zugelangt und geschossen wird«.

Typisch ist der Fall einer Torgauer Studentin, die abends an einer Straßenbahnhaltestelle plötzlich von einem Unbekannten zur Herausgabe ihrer Umhängetasche aufgefordert wird. Als sie sich weigert, hält ihr der Räuber eine Gaspistole vors Gesicht und drückt ab. Beute: eine Geldbörse mit zwei Mark, ein Reisepaß und ein Regenschirm. In Halle traktierten Gangster kürzlich einen jungen Mann wegen einer Büchse Bier mit einem ausziehbaren Schlagstock und brachen ihm den Unterkiefer.

Eine »rasante Entwicklung hin zu mehr Brutalität« (Raisch) beobachtet die Polizei auch bei Schwerkriminellen. Der Leipziger Kripo gelang es Mitte Mai, vier Gangster zu stellen, die im Osten insgesamt neun Sparkassen überfallen hatten. Wo sie auftauchten, ballerten die Räuber erst mal in die Decke; einen Bankkunden, der ihnen nicht schnell genug aus dem Weg ging, schossen sie kurzerhand nieder.

Bei der Festnahme hoben die Ermittler ein regelrechtes Waffenlager aus: Sie fanden eine Maschinenpistole, tschechische Revolver und ein amerikanisches Pump-action-Gewehr.

Doch solche Fahndungserfolge können das Vertrauen der Ostdeutschen in die Staatsorgane kaum stärken: Die Strafen bleiben meist weit hinter den Erwartungen der Ostler zurück, die von den SED-Gerichten rigide Sanktionen für Fehlverhalten gewöhnt sind.

»Völliges Unverständnis« riefen die vergleichsweise milden Urteile der rechtsstaatlich gewendeten Justiz hervor, berichtet Wolfgang Helbig, seit einem Jahr Vorsitzender einer großen Strafkammer in Leipzig. Die Zimmerwirtin, bei der er zur Miete wohne, rate ihm, »endlich mal durchzugreifen«.

Auch die geänderte Strafprozeßordnung und die neuen Bundesgesetze sind dem Ansehen der Justiz abträglich. Daß sich etwa ein Alkoholrausch strafmildernd vor Gericht auswirken kann, »versteht hier kein Mensch«, weiß der Jurist. Daß zumeist Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestehen muß, damit ein Täter in Untersuchungshaft wandert, sei vielen Ostlern unbegreiflich. »Die Leute hier empfinden die neue Rechtsordnung sehr intensiv als Täterschutz«, so Helbigs Beobachtung.

Mit Sorge registrieren Juristen den Vertrauensschwund in der Bevölkerung. »Wenn wir nicht zeigen können, daß ein Rechtsstaat stark ist, treiben wir den Radikalen die Hasen in die Küche«, fürchtet der Schweriner Generalstaatsanwalt Alexander Prechtel. Er hat nun seine Staatsanwälte angewiesen, bei allen Gewaltdelikten innerhalb von vier Wochen Anklage zu erheben.

Ostdeutsche Politiker fordern generell härtere Strafen. Er könne die Richter »nur ermuntern«, sagt etwa der sächsische Justizminister Steffen Heitmann (CDU), »bei der Strafzumessung im Zweifelsfall mal einige Monate draufzulegen«. Die »generalpräventive Wirkung von Sanktionen«, so Heitmann, sei »nicht zu unterschätzen«.

Polizeipraktiker wie Jürgen Dzuiba vom brandenburgischen LKA setzen bei ihren Mitbürgern auf einen Gewöhnungseffekt. »Die Westler haben auch mit der Kriminalität zu leben gelernt«, sagt der Ex-Volkspolizist. Dzuiba: »Bei denen ist ein Autoaufbruch doch inzwischen Teil des allgemeinen Lebensrisikos in einer freien Gesellschaft.«

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