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Presse Schnelle Eingreiftruppe

Für angeblich 300 Millionen Mark haben der Verlag Gruner + Jahr und der Brite Robert Maxwell den (Ost-)Berliner Verlag gekauft - eine teure Fehlinvestition?
aus DER SPIEGEL 51/1990

Der Ossi ist ein Zellenmensch. In seinem kümmerlichen Büro, vollgestopft mit Produkten der sozialistischen Möbelindustrie, Material: folienbeklebte Hartfaserplatte, kann Klaus Liedtke seit ein paar Wochen die Häme der Wessis hautnah ausleben.

Seit September muß der Chefkorrespondent der Hamburger Illustrierten Stern in der 13. Etage des Berliner Verlages am Ost-Berliner Alexanderplatz sitzen und fühlt sich dennoch nicht ins triste Wolkenkuckucksheim abkommandiert. Liedtke leistet als sogenannter Berater Entwicklungshilfe bei der Neuen Berliner Illustrierten (NBI), dem Ost-Stern aus alten SED-Zeiten.

Der Auftrag hier sei viel zu »unique«, doziert Liedtke hinter Papierbergen hervor. Tristesse könne da erst gar nicht aufkommen, eher so ein Gefühl von Pioniergeist.

Pionier Liedtke muß dieses Abenteuer mit einigen Dutzend anderen Wessis teilen, die in den letzten Wochen und Monaten ihren Arbeitsplatz in das Haus am Alexanderplatz verlegt haben.

Zwei Etagen unter Liedtke sitzt eine weitere Beraterin in gleichem Ambiente. Seit Wochen versucht Ruth Glodschey der Frauenzeitschrift Für Dich mit strenger Hand ein Tina-Kleid überzuziehen. Von derartigem Zuschnitt versteht sie einiges, stand doch Ruth Glodschey der gleichnamigen Frauenillustrierten des Hamburger Bauer-Verlages als stellvertretende Chefredakteurin vor.

In der vierten Etage desselben Gebäudes residiert Ex-SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme als Herausgeber der Berliner Zeitung, der nach dem Niedergang des Neuen Deutschland nun auflagenstärksten überregionalen Tageszeitung (etwa 400 000 Exemplare) in den neuen Bundesländern. Böhme hat sich sein Live-Erlebnis freiwillig und selbst verschafft. Der Daimler-Fahrer ist zeitweise auf einen Wartburg aus dem verlagseigenen Fuhrpark umgestiegen - »Was wollt ihr denn, der rollt doch!«

Die Herrschaften sind nicht umsonst dort. Das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr (G+J) hat vor wenigen Wochen gleich den ganzen Berliner Verlag gekauft. Und seit die Wessis die Ossis das Zeitungsmachen lehren wollen, herrscht Unruhe unter den mehr als 1000 Mitarbeitern des Hauses. Liedtke verspürt sie fast täglich. Dabei sei er hier eigentlich nur angetreten, um mit freundlichen Absichten westliches Know-how zu vermitteln.

Diese Illusion ist längst dahin. »Die Uhren ticken hier anders, das zumindest habe ich mittlerweile begriffen.« Vor allem aber: »Zum Blattmacher gehört hier noch ein Therapeut.« Seit der Wende bemühten sich die Ost-Redakteure, den Lauf der Welt an ihren Schreibmaschinen zu klären. Das sei zwar eine gute Therapie für das angeschlagene Seelenleben dieser Leute, nur verkaufe sich das Ergebnis nun mal schlecht beim Publikum.

Rausgehen, recherchieren, am Thema dranbleiben, Bericht erstatten - Liedtke ist versucht, das kleine Einmaleins des Journalismus in den Stand einer Predigt zu erheben. Dafür erntet er das Gemurmel seiner Mitstreiter. Mehr aber auch nicht.

Denn das Problem sitzt tiefer. Die Wende hatte auch den Journalisten aus der Ex-DDR den schon nicht mehr für möglich gehaltenen Aufbruch gebracht. Als willfährig und hörig stigmatisiert, hatten sie jahrelang in einer Bunkergemeinschaft vor sich hin gedümpelt.

Plötzlich wurden die Luken geöffnet, der Mief abgelassen. Doch wie geht einer um mit der neugewonnenen Freiheit, mit Tabus, die auf einmal keine mehr sind? Hinterfragen, grübeln, reflektieren - und doch immer noch die Schere im Kopf: »Wir haben geackert wie ein Gaul und darüber den Leser vergessen. Im Grunde genommen haben wir ihn nie gekannt.« Sabine Langer schüttelt den Kopf. Die Kulturredakteurin ist trotz aller Bemühungen des vergangenen Jahres ernüchtert: »Vielleicht war alles nur ein neuer Selbstbetrug?«

Grenzöffnung, Währungsunion, Beitritt - der Crash-Kurs hat die NBI genauso getroffen wie die meisten Ex-DDR-Betriebe auch. Früher wurden etwa 800 000 Exemplare verkauft, heute nicht einmal mehr ein Drittel davon.

Nun also ist Liedtke da und mit ihm ein knappes Dutzend anderer Wessis: Layouter, Bild- und Endredakteure, Reporter, zumeist junge Leute von G + J.

»Und wie sie da sind«, sagt eine, die nun ständig mit ihnen zu tun bekommt und darum ihren Namen nicht nennen will. »Die reden anders, die riechen anders, die gehen anders - so selbstbewußt, immer so präsent.«

Manche fühlen sich von ihnen in die Ecke gedrängt, Ältere meinen sich ausgegrenzt - wer wollte da noch mithalten? Aber auch neues Selbstbewußtsein wächst: Die kochten auch nur mit Wasser, nur der Topf sei eben größer.

»Bei denen«, orakelt ein Wessi, »droht das mühsam geflickte Koordinatensystem schon wieder zu reißen - nach der dumpfen Lüge jetzt der schillernde Betrug. Und: Welche Werte haben wir ihnen anzubieten, außer Geld?«

Heft 49 liegt auf Liedtkes Tisch. Die sichere Handschrift des Stern-Machers und seines Wessi-Teams stylt das dürre Heft. Viel nackte Haut zwischen Fernweh (Karibik) und Trallalala (Popsängerin Cher) enthält die neue Metamorphose der NBI. Der kleine Stern ist aufgegangen - Liedtkes Meisterstück? »Wir sind auf dem Weg, uns wieder Gehör zu verschaffen«, da ist sich Liedtke sicher.

Das allerdings findet die alte Mannschaft überhaupt nicht. Als zwei Tage später das Heft zur Diskussion gestellt wird, bleibt die Zustimmung dürr. Dagegen schwillt Gemurmel zur harschen Kritik: Meisterstück? Das kann's doch wohl nicht sein! Die Befindlichkeit des Ossi-Lesers verlange nach anderen Themen. »Was wir brauchen, wird am Kiosk entschieden«, ist Liedtkes letztes Argument.

Nach dem Verlust einer Utopie, die keiner von ihnen so recht beschreiben kann, laufen nicht nur NBI-Redakteure scheinbar rat- und orientierungslos durch das Haus. Seit G+J den Verlag übernommen hat und immer mehr Wessis Einzug halten, knirscht es in fast allen Redaktionen. Und nicht überall wird an den Blättern nur geschmirgelt, es wird auch kräftig gehobelt.

»Bei Inge Lange wird uns bange!« hatten Für Dich-Redakteurinnen auf ihr Plakat gepinselt und waren zur November-Demo gegangen. Die eiserne Dame aus dem alten SED-Politbüro, die ihre Redaktion so lange geschurigelt hatte, sie sind sie schnell losgeworden.

»Danach begann eigentlich unsere schönste Zeit«, sagt eine, die unbedingt anonym bleiben will und dennoch erzählt: »Wir haben die Röcke zusammengerafft und sind los. Dabei wollten wir weiß Gott keine Ost-Emma machen, aber endlich ein Blatt ohne Tabus - für die selbstbewußte berufstätige Frau in der DDR. Das ist uns gründlich danebengegangen.«

Die Auflage der Für Dich sank ins Bodenlose, und es war kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Schließlich schickte G+J Ruth Glodschey mit ihrem Konzept. Die Frau von Tina hat sich schnell durchgesetzt. »Wenn Apfelkuchen bessergeht als Emanzipation, drucken wir eben Backrezepte, ohne die sozialen Probleme ganz aus dem Blatt zu verbannen«, sagt die Beraterin in der Chefetage.

Und so wahnsinnig anders sei ihr Konzept ja gar nicht, würde es sonst die gesamte Chefredaktion mittragen?

Für Jutta Arnold etwa, stellvertretende Chefredakteurin, macht die Umprofilierung schon Sinn: »Wir müssen kompakter werden und zielgerichteter Lebenshilfe leisten. Von sozialer Tristesse haben die Frauen erst einmal genug.«

Einsicht bei der Chefredaktion hin oder her: In den Zimmern und auf den Fluren wollte das Rumoren einfach nicht verstummen. So haben Ruth Glodschey und die Damen aus der Redaktionsleitung jedes Redaktionsmitglied ganz einfach einzeln vor die Wahl gestellt: Wollten sie das neue Konzept mittragen oder kündigen? Die wenigsten sind gegangen. Seitdem herrscht Stille auf der Etage. Nur ein neues Feindbild geistert durch die Köpfe einiger Frauen.

Mit Erich Böhme ist das anders. Still hatte der Ex-SPIEGEL-Chefredakteur seine Wabe in der vierten Etage bezogen. Derweil studierte die Chefredaktion nebenan einschlägige Literatur, um endlich herauszufinden, was denn ein Herausgeber tut.

Die Berliner Zeitung hat mit weniger Blessuren als andere Blätter des Hauses die Wende überstanden und ihre Auflage im Ostteil der Stadt fast halten können. Das Anzeigengeschäft geht gut, das Blatt schreibt schwarze Zahlen.

Natürlich will Böhme mehr, ein Blatt für den gesamten Berliner Raum und darüber hinaus. Vielleicht die Frankfurter Rundschau des Ostens?

»Ich bin für euch der Puffer gegenüber G + J«, hat er in seiner Antrittsrede den Redakteuren eingepaukt und ihnen seine Vision von einem linksliberalen Blatt eröffnet - von Ossis und Wessis gemeinsam gemacht.

Seitdem läuft Böhme mit einem Heiligenschein über die Etage, und die Redakteure hoffen, daß ihnen der Mann noch lange erhalten bleibt.

Ansonsten herrscht im Berliner Verlagshaus Arbeit zwischen Hoffnung und Angst. Fast jeder Tag bringt neue Nachrichten. Quasi über Nacht wurde in der siebenten Etage die gesamte Redaktionsleitung des Boulevard-Abendblattes BZ am Abend (BZA) entmachtet und durch eine schnelle Eingreiftruppe von G+J ersetzt. Und nur zwei Wochen später, am Tag nach der Wahl, kurvten bereits Rollschuhläuferinnen über den Alexanderplatz und versuchten, dem treuen Häuflein von BZ-Lesern etwas scheinbar Neues zu verkaufen: den Berliner Kurier am Abend. Die Neue ist jedoch nur die Blaupause von der Dresdner und Chemnitzer Morgenpost, die von G + J in Sachsen mit einigem Erfolg auf den Markt geworfen wurde. Und der millionenschwere Werbefeldzug in Berlin hat sich bereits nach wenigen Tagen festgefahren.

Auf dem Hof stapeln sich die unverkauften Exemplare, und die BZA-Redaktion mosert: »Das ist ja schlimmer als in alten SED-Zeiten.« Schon geht das Gerücht, demnächst würden die ersten Titel ganz verschwinden.

Als G + J gemeinsam mit dem britischen Verleger Robert Maxwell den Zuschlag für den Berliner Verlag erhielt, erklärten sie sich zu großzügigen Sozialleistungen bereit. Kernstück: eine dreijährige Beschäftigungsgarantie für alle 1000 Mitarbeiter. Noch im Bertelsmann-Report 201, dem Hausblatt des Hauptaktionärs von G + J, war zu lesen: »Der mit Gruner + Jahr und Robert Maxwell geschlossene Vertrag gibt ihnen drei Jahre eine Beschäftigungsgarantie - eine große Chance, sich am Markt zu bewähren.«

Nun aber ist plötzlich keine Rede mehr davon. Im Vertrag, so Geschäftsführer Bernd Klosterfelde, tauche nur das Wort Gehaltsgarantie auf.

Der Streit um den Begriffswechsel hat es in sich. Bleibt es nun bei Klosterfeldes Deutung, kann die Geschäftsführung ohne weiteres Entlassungen vornehmen. Und sie kommt billig dabei weg. Sieht doch die Gehaltsgarantie nur den Ausgleich für mögliche Einkommensverluste bei Entlassung vor, berechnet nach den alten Tarifen vom September 1990.

Der Streit brodelt weiter. Die Ossis fühlen sich von den Wessis über den Tisch gezogen. Logisch, daß Geschäftsführer Klosterfelde die Sache ganz anders sieht: »Jeder Verlag muß seine Rechnung bezahlen können. So einfach sind die Gesetze der Marktwirtschaft.«

Seit Juli versucht Klosterfelde den Berliner Verlag auf Marktwirtschaft zu trimmen. Bislang nur mit mäßigem Erfolg. Im Vertrieb regiert das Chaos, mit dem Computersatz gibt es Schwierigkeiten, Anzeigen- und Textverarbeitungssystem taugen für die Tageszeitungen nicht.

»Wer schnelles Geld abzocken will, dem rate ich ab, hier einzusteigen«, sagt der noch immer von Pioniergeist beseelte Geschäftsführer. Klosterfelde bleibt optimistisch: »Wir haben einen langen Atem.«

Vor wenigen Wochen ist Christian Nienhaus an seine Seite gerückt. Der ehemalige Geschäftsführer der Hamburger Morgenpost ("Die habe ich nach oben gepuscht") widmet sich nun mit Vehemenz den Tageszeitungen im Hause. Die Aktion Kurier war sein erster Streich.

Und der zweite? »Ich brauche Leute, die Eigendynamik entwickeln«, sagt Nienhaus so forsch wie unbestimmt. Das diktiere nun mal das Geschäft.

Nienhaus schaut ungeduldig in die Runde: »Die Revolution ist vorbei. Wann gewöhnen sich die Leute hier endlich an die neue Ordnung? Wenn der Russe bis zum Rhein gekommen wäre, hätten wir das schließlich auch getan.« o

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