Zur Ausgabe
Artikel 3 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Schneller, breiter, größer«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über das DDR-Selbstbewußtsein *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 36/1987

Viele Worte macht Joachim Stuth nicht über Selbstverständlichkeiten. Er ist Mecklenburger und Bauer, 57 Jahre alt. Wie er das findet, daß Erich Honecker nun in die Bundesrepublik reist? Gut natürlich, normal.

Über Joachim Stuth ist zunächst einmal zu lernen, daß er nicht einfach Bauer ist, obwohl er so aussieht, sondern eigentlich mehr Fabrikant, »umprofiliert« zum Leiter der »LPG Tierproduktion« in der Kreisstadt Demmin bei Neubrandenburg. Zur Zeit ist er Chef von 580 Beschäftigten, verantwortlich für hochempfindliches Zucht- und Ernährungsmaterial, 8300 Rinder, 4500 Schweine.

Mit dem Daumen deutet Stuth über die Schulter auf seinen Kollegen Siegfried Kussmann, der noch mecklenburgischer aussieht und noch bäuerischer. »Dem kauf'' ich im Jahr für 21 Millionen Mark seine Erzeugnisse ab.« Kussmann ist seit 25 Jahren gewählter Vorsitzender der »LPG Pflanzenproduktion« mit 430 Bäuerinnen und Bauern.

Kein Zweifel, Stuth und Kussmann sind wer. Beide strahlen - auftragsgemäß zwar, doch ungekünstelt - jenes sozialistische Einheitsgefühl Deutschlands aus, das Erich Honecker in der nächsten Woche auf seiner Reise durch die Bundesrepublik tragen wird: ein strammes Selbstbewußtsein.

Mit diesem Selbstbewußtsein drängen die Genossen der Staatspartei - und nicht nur sie - auf »mehr Normalität« im Verhältnis zwischen beiden deutschen Staaten. Mal knapp und ungeduldig, wie Außenminister Oskar Fischer in Berlin: »Es wäre an der Zeit«; mal gelassen, wie Dieter Strobel, Pressechef des Schiffbaukombinats der DDR in Stralsund: »Na ja, das geht doch gar nicht anders. Man kann doch nicht immer so nebeneinander herleben.«

Keinem der zehn Journalisten aus der Bundesrepublik, die letzte Woche als offizielle Gäste die DDR bereisten, kann an den Revers ihrer hochrangigen Gesprächspartner der Punkt entgangen sein, in dem deren Welt sich bündelt - das SED-Parteiabzeichen. Aber niemand kann verkennen, daß das demonstrierte Selbstbewußtsein ein stabiler Gemütszustand ist, keine inszenierte Begeisterung.

Sie wissen, wie wenig die anderen Deutschen von ihnen wissen. Aber nur noch wenige empfinden das als Beweis für eigene Unzulänglichkeiten. Spitz höhnt Hans Lütke, Experte des Umweltministeriums in Berlin, als er bei der Aufzählung der Flüsse Saale, Pleiße, Weiße Elster blankes Nichtverstehen entdeckt: »Das wird Ihnen im Moment nicht so geläufig sein. Das geht uns auch manchmal so, wenn wir in fremden Ländern sind.«

Und als sich ein Westler in Dresden erkundigt, ob denn auch die Bundesrepublik am Aufbau der stolz vorgeführten Semper-Oper beteiligt sei, sagt der stellvertretende Intendant Dieter Uhlmann kühl: »Gewiß, ein paar Eimer Farbe.«

Die günstigen Wirtschaftsdaten, der gestiegene Lebensstandard, das internationale Flair im aufgeputzten 750-Jahre-Festspiel Berlins, der außenpolitische Spielraum, den sie von Moskau erhalten oder sich nehmen, die abrüstungsfreundliche Großwetterlage und die Person Erich Honecker ("Erich währt am längsten«, spottet liebevoll das Berliner Kabarett »Die Distel") - das alles verdichtet sich in der DDR zu einem Hochgefühl, das Dresdens stellvertretender Bürgermeister Andre Lang »neue sozialistische Nationalkultur« nennt.

Max Schmidt, Direktor des Internationalen Instituts für Politik und Wirtschaft, der Ost-Berliner Denkfabrik, hat es ermittelt: Die Aussicht, »nach vorn zu gehen in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten, ist ausgesprochen günstig. Die Chancen sind noch nie so groß gewesen wie heute«.

Das Selbstbewußtsein der SED-Tonangeber pocht daher auf strikte Abgrenzung - nachbarliche Beziehungen ja, aber entlang einer Grenze, die »zwei Welten« trennt (Fischer). Dabei entgeht ihnen freilich, daß gerade jene Lebenshaltung, auf der ihr Stolz so üppig sprießt, ein sehr fragwürdiges Stück deutscher Gemeinsamkeit ist - der feste Glaube an deutsche Tüchtigkeit.

Eigentlich müßten sich SED-Funktionäre erschrecken, würden sie diese deutsch-deutschen Gemeinsamkeiten entdecken - mit den konservativsten, ja reaktionärsten Kräften der Union. Wer sie so selbstzufrieden reden hört über Leistung, Ordnung, Pflicht und Disziplin, der wähnt sich manchmal auf einer Kundgebung mit Alfred Dregger.

Das gilt natürlich nicht für Themen wie Abrüstung und Frieden, und schon gar nicht für die Haltung zur Nazi-Vergangenheit. Wohl aber gilt es, speziell im Jahr nach Tschernobyl, für eine Haltung zum technokratischen Fortschritt, wirtschaftlichem Wachstum und zu eine, gesellschaftlichen Leistungsbesessenheit.

Tschernobyl ist Warnung, Mahnung, Auftrag«, erklärt Max Schmidt. Doch ist _(Mit DDR-Ministerpräsident Stoph, Ehefrau ) _(Alice und Ost-Berlins OB Krack (r.). )

das nur als Warnung vor dem Krieg gemeint, nicht vor dem Atom als Symbol des Machbarkeitswahns. Schmidt, die Umweltexperten der DDR und auch Physiker Manfred von Ardenne, 80, in Dresden, versichern unerschütterlich deutsche Kernkraftwerke - im Gegensatz offenbar zu sowjetischen - seien sicher. Kernenergie bleibt nötig, um den Wachstumshunger der DDR zu stillen der gerade erst zu erwachen scheint.

Warnung? Mahnung? Auftrag? »In der Wirtschaft ist es doch wie im Sport«, schwadroniert fröhlich Karl Dittmann, Generaldirektor der VEB Volkswerft in Stralsund, »höher, schneller, breiter, größer.« Es mag an sich ja traurig sein, daß der Fisch ausstirbt in den verdreckten Meeren. Aber »fischereischiffsbaumäßig« ist das ein Vorteil: »Wir leben doch davon, daß weniger Fische da sind. Um so mehr Schiffe werden gebraucht, sie zu fangen.«

»Leistungssteigerung« ist auch für die LPG-Bauern Stuth und Kussmann oberstes Ziel. Ja, dafür hantieren sie auch ein bißchen mehr mit chemischen Stoffen aber nicht viel. Ja die Gülle aus den Massenställen macht natürlich Schwierigkeiten. Aber man muß sie eben im Winter auf höheres Land kippen, wo das Trinkwasser nicht gefährdet wird.

Tschernobyl als Warnung? Mahnung? Auftrag? In der DDR lebt der Mensch - ginge es nach den SED-Kadern - allein, um zu arbeiten. Wachstumszweifel finden nicht statt, Fortschrittsskepsis gibt es nur als Rhetorik. Alles ist berechenbar, der Planungsstaat geizt nicht mit materiellen Anreizen. »Warum denn auch nicht?« fragt Friedrich Wokurka, der Generaldirektor des Computer-Kombinates Robotron. Bei Honeckers Gesprächspartnern in Bonn heißt das: »Leistung muß sich wieder lohnen.«

Aber darüber werden sie wohl nicht reden nächste Woche. Noch nicht.

Mit DDR-Ministerpräsident Stoph, Ehefrau Alice und Ost-Berlins OBKrack (r.).

Zur Ausgabe
Artikel 3 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.