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ATOMKRAFT Schnelles Versagen

Der neue Druckwasserreaktor in Brokdorf wird von der CDU als der sicherste der Welt gepriesen. Experten zweifeln. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Das Atomkraftwerk in Brokdorf ist, ginge es nach der schleswig-holsteinischen Landesregierung reif für das Guinness-Buch der Rekorde.

Der Meiler an der Unterelbe repräsentiere den »neuesten Stand von Wissenschaft und Technik«, sagt CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel. Eine zusätzliche »Druckbegrenzungseinrichtung« verleihe der Anlage einen einmaligen Sicherheitsstandard. Kurzum: Mit Brokdorf verfüge Deutschlands Norden über »den modernsten und sichersten Druckwasserreaktor der Welt«.

Bei der Aufzählung der Superlative hat Barschel allerdings wesentliche Neuerungen unterschlagen. Der Meiler in der Wilstermarsch ist der erste westdeutsche Reaktor, in dem zunächst nur die problematischen Hochabbrand-Brennelemente verwendet werden. Und zum ersten Mal auch ist ein deutscher Atomreaktor ans Netz gegangen, der gegen einen plötzlichen Bruch der Hauptkühlmittelleitung nicht mehr besonders gesichert ist.

Darüber redet Barschel nur ungern. Denn beide Änderungen bedeuten, so gutachtet das Freiburger Öko-Institut, in Wahrheit »ein deutliches Zurückgehen hinter den bereits erreichten« Sicherheitsstand deutscher Kernkraftwerke.

Hochabbrand-Elemente enthalten mehr spaltbares Uran und können daher länger im Reaktorkern bleiben als die bisher üblichen Brennstäbe - vier statt drei Jahre. Dadurch wird das Atomkraftwerk, meinen die Freiburger Experten näher an die Grenze der Belastbarkeit gefahren, schon im Normalbetrieb seien die Sicherheitsmargen geringer. So müßten etwa die metallenen Hüllrohre, in denen die Hochabbrand-Elemente stecken, höheren Druck aushalten. Und da sie zudem Wärme nur schlecht leiten, sei auch mit schnellerem »Hüllrohr-Versagen« zu rechnen. Hinzu kommt noch ein _(Im Oktober 1986. )

weiteres Risiko. Früher mußten die Betreiber von Atomkraftwerken die Hauptkühlleitung, die unter hohem Druck steht, mit besonderen Halterungen sichern. Sinn dieser Vorkehrung: Die Rohre sollten nicht, wenn sie unerwartet brechen und abreißen, wie wildgewordene Gartenschläuche durchs Gebäude schlagen können.

Solche Vorsicht schien angebracht. Im Reaktor Grafenrheinfeld war, so das Gutachten, schon einmal eine Leitung im Not- und Nachkühlsystem abgerissen.

Gleichwohl änderte die Bundesregierung bis 1983 die Störfall-Leitlinien und die Grundsätze der Reaktorsicherheits-Kommission für Druckwasserreaktoren: Der Bruch einer Hauptkühlleitung galt fortan nicht mehr als möglicher Störfall. Schließlich sei, so ein Argument, ein solcher Schaden unwahrscheinlich geworden, weil die Rohre inzwischen aus verbessertem Stahl gefertigt würden.

Deshalb ersparten sich die Brokdorf-Bauer erstmals die früher vorgeschriebene, kostspielige »Ausschlag-Sicherung« der Leitung. Der Bremer Atomphysiker Jens Scheer: »Ein ganz dramatischer Vorgang, den man da einfach wegdiskutiert.« Auch der vielgepriesene neue »anlageninterne Notfallschutz« (Barschel) in Brokdorf erweise sich, kritisiert Klaus Rave von der Kieler SPD-Opposition, »als großer Bluff«.

Der Bonner Umweltminister Walter Wallmann hatte, um Kernkraftkritiker nach dem GAU von Tschernobyl zu besänftigen, den Einbau spezieller Ventile in Atomreaktoren empfohlen (SPIEGEL 35/1986). Sie sollen durch »kontrollierten Druckabbau« verhindern, daß die Sicherheitshülle eines Meilers im Fall einer Kernschmelze unter dem hohen Druck von Gasen und Dämpfen zerbirst.

In Brokdorf aber griff die Betreiber-Firma PreußenElektra zu einer handgestrickten Lösung. Das angebliche Druckabbau-Ventil entpuppt sich lediglich als eine »fliegende Leitung«, wie Firmensprecher Udo Janssen sagt, bestehend aus einem Schlauch und einem Filter.

Diese Notausrüstung wird obendrein nur »vorgehalten« und soll erst »im Bedarfsfall«, wie es im Genehmigungsbescheid heißt, »binnen 24 Stunden« montiert werden. Ob der Einbau dann auch klappt während im Reaktor schon alles brodelt, hängt vom kühlen Kopf und vom Geschick der Techniker ab. Immerhin, so die Kieler Sozialministerin Ursula Gräfin Brockdorff, werde »der Einbau in regelmäßigen Abständen mit der vorgesehenen Mannschaft« geübt.

Daß Zweifel an der Sicherheit des »sichersten Reaktors« berechtigt sind, zeigte sich bereits im Dezember. Brokdorf hing gerade zwei Monate am Netz und lief noch nicht einmal mit Höchstlast, als das erste »betriebliche Vorkommnis« gemeldet wurde.

Der Störfall ereignete sich ausgerechnet im Rohrsystem mit der vielgepriesenen Spezialstahl-Legierung. Aus einem Haarriß entwichen rund 100 Liter radioaktives Kühlmittel. Der Schaden wurde stundenlang nicht entdeckt, so daß die radioaktiven Edelgase Krypton und Xenon über den Kamin des Kraftwerkes in die Luft gelangten.

Zwar handelte es sich nur um eine »geringe Abgabe«, wie das zuständige Ministerium abwiegelte. Doch daß das ausgelaufene Kühlmittel überhaupt radioaktiv strahlte, kann sich Physiker Scheer »nur durch eine Leckage an den Brennstäben erklären« - Haarrisse in den Metallhüllen etwa.

Die seien nach längerer Betriebsdauer schon mal möglich, sagt Stephan Kohler vom Öko-Institut. Daß sie aber in Brokdorf offenbar schon nach wenigen Betriebstagen aufgetreten sind, findet er »wirklich verwunderlich«.

Im Oktober 1986.

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