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Geheimdienste Schnüffeln, im Wortsinne

Kaum zu glauben: In Einweckgläsern sammelte der Stasi-Staat systematisch Duftproben von Kriminellen und Oppositionellen.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Die Ost-Berliner Studentin Susanne Boeden, 21, und ihre Schwester Marianne, 12, hatten gerade begonnen, die ersten ihrer selbstgefertigten Aufrufe ("Werdet aktiv!") gegen die »greise, starre Regierung« der SED zu verteilen, da griffen auch schon die Häscher zu. Wegen »Herabwürdigung der DDR« nahmen Sicherheitskräfte in Zivil die jungen Frauen fest.

Auf der Volkspolizei-Inspektion Prenzlauer Berg wurden die Wende-Vorkämpferinnen wie Schwerkriminelle stundenlang verhört, Ermittler machten Fotos und nahmen Fingerabdrücke.

Bevor Marianne wieder nach Hause geschickt und ihre ältere Schwester in Einzelhaft gesteckt wurde, stand den beiden Politaktivistinnen eine erkennungsdienstliche Behandlung besonderer Art bevor: Minutenlang mußten sich die Schwestern einen Stoffstreifen zwischen die nackten Schenkel klemmen.

Grund, kaum zu fassen: Die Polizisten sammelten für ein Geruchsarchiv Duftproben von Oppositionellen. Diese weltweit wohl einzigartige Fahndungsmethode wurde am letzten Sonntag von SPIEGEL TV publik gemacht.

Noch bis zur Wende im November und womöglich darüber hinaus schnüffelten, durchaus im Wortsinn, Kripo und vor allem Agenten des allmächtigen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hinter Hunderten von Regimegegnern her.

In republikweit angelegten Duftdepots horteten Vopo und Stasi in luftdicht verschlossenen und sorgsam beschrifteten Gläsern Geruchskonserven von Kriminellen und auch von Oppositionellen. Speziell ausgebildete Spürhunde waren darauf gedrillt, Staatsfeinde nach Schnuppern an den deponierten Stoffetzen aufzustöbern.

Die tierische Schnüffelstaffel ist der jüngste Beleg für die Perfidie, mit der sich das alte SED-Regime gegen den Volkswillen an der Macht halten wollte - landesweite Internierungslager inklusive. Die Veröffentlichung geheimer Stasi-Dokumente hatte vor kurzem ans Licht gebracht, daß Organisatoren und Wortführer der Wende nach südamerikanischer Diktatorenart interniert werden sollten (SPIEGEL 30/1990). Von Rostock bis Gera hatten Mitarbeiter des MfS-Chefs Erich Mielke, heute 82, zu diesem Zweck vor Jahren alte Burgen oder versteckt gelegene Betriebserholungsheime ausgekundschaftet.

Für die jetzt enthüllte Schnüffelstrategie gegen SED-Gegner nutzte der ostdeutsche Sicherheitsapparat ein spezielles Hundetalent: den ausgeprägten Spürsinn der Vierbeiner. Denn mit ihren rund 225 Millionen Riechzellen - der Mensch bringt's nur auf fünf bis acht Millionen - machen die Tiere noch feinste Duftdifferenzen aus.

Auf Rauschgifte gedrillte Zollhunde etwa erstöbern auch Haschischpakete oder Heroinbeutel, die, in Plastikfolie eingeschweißt, im stinkigen Benzintank eines Schmugglerwagens versteckt sind. Suchhunde der Rettungsdienste wiederum, auf Menschengeruch trainiert, schlagen bei Erdbebenunglücken selbst dann noch an, wenn Verschüttete unter bis zu sieben Meter hohen Trümmermassen liegen.

Ähnlich wie den ganz besonderen Duft einer Droge können Hunde auch gezielt Individuen erschnüffeln: Durch die körpereigenen Sekrete hat jeder Mensch, dem Fingerabdruck gleich, einen einzigartigen Geruch. Und den wittern trainierte Polizeihunde, wenn sie ihn etwa bei flüchtigen Einbrechern oder entsprungenen Häftlingen aufgenommen haben, immer wieder heraus.

Daß in der DDR Duftkataster seit etlichen Jahren zum Polizeialltag gehören, belegen jetzt publik gewordene »interne Dienstanweisungen«. Danach mußten Vopos »Geruchskonserven« etwa bei der »Tatortarbeit zu schweren Straftaten«, in »Brennpunkten der Kriminalität« und bei »politisch und operativ bedeutsamen Sachverhalten sichern«.

Unabhängig von aktuellen Vorfällen sollten zudem »Vergleichsgeruchskonserven von bekannten aktiven Tätern« gesammelt werden. Dafür empfiehlt eine vertrauliche Ausbildungsanleitung, einem Verdächtigen auf dem Revier ein »sterilisiertes Staubtuch« für »circa zehn Minuten« beispielsweise »seitlich in den Hosenbund« zu stecken.

Zwischen Tatortproben und gehorteten Duftmarken solle dann der Hund als »Biodetektor« (Dienstanweisung) den möglichen Täter herausschnüffeln. In die Ermittlungsordner gelangten Angaben über die Dufttests so gut wie nie. »Alle Unterlagen über die Arbeit mit Geruchsspur und Vergleichsspur«, so wurden die Vopos per Dienstanweisung vergattert, »sind nicht in die Untersuchungsakte aufzunehmen.«

Die aktivsten Schnüffler waren die Überwachungsfanatiker der Stasi, die regimekritischen Bürgern nachspürten. In einer »geheimen Verschlußsache für die Ausbildung« hatte das MfS aufgeführt, wo die Proben von Verdächtigen am besten heimlich entnommen werden könnten. Zu empfehlen seien vor allem »Bekleidungsgegenstände wie Strümpfe, Schuhwerk, Handschuhe, Kopfbedeckungen, Unterwäsche, Taschentücher und ähnliches«. Gehortet wurden die Duftproben, etwa in Ost-Berlin und in Leipzig, in versteckt gelegenen alten Schuppen, wo bisher weit über 1000 Einweckgläser entdeckt wurden.

Auf den Etiketten stehen, neben verantwortlicher Dienststelle und der DDR-Personenkennzahl des Schnüffel-Opfers, nur Stichworte oder Stasi-Kürzel: »Prof. K., Arbeitskittel, Achselprobe«, »Prähofer, Janek, öffentliche Herabwürdigung«, »Günter Kruse, operative Personenkontrolle, Boykott, Stuhlprobe« oder »Lindemann, Verdacht der pazifistischen Losungen«.

In einer bei Pretzsch gelegenen Hunde-»Spezialschule des Inneren« bildete die DDR sogenannte »Differenzierungshunde« aus. Mit ihrer feinen Nase können die Tiere gehortete Duftproben bestimmten Personen oder Tatorten zuordnen. Zum Aufspüren von Gerüchen wurden besonders talentierte Fährtenverfolger als »Aufenthaltsortsuchhunde« abgerichtet. Die Tiere sollten die Witterung von Gesuchten, wenn die erst einmal in einem bestimmten Stadtteil geortet waren, bis zur Haustür verfolgen können.

Als »letztes Mittel vor der Waffe« (Hundeschule) galten Meuten von scharfen Spezialhunden: Die Tiere, darunter 50 Kilo schwere Schäferhunde, waren darauf trainiert, ihren Opfern fast lautlos an die Kehle zu springen.

Gegen Oppositionelle sollen die Killerhunde allerdings nie eingesetzt worden sein. Die tödlichen Beißer, berichtet der Pretzscher Meutentrainer, Hauptkommissar Jörg Schulz, seien auf bewaffnete sowjetische Deserteure gehetzt worden, die sich in die Wälder geschlagen hätten.

In solchen Fällen, meint Schultz, sei der Einsatz der Hunde noch »das Ökonomischste« gewesen.

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