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FORSTER Schnurrbart mit Weltschmerz

aus DER SPIEGEL 38/1950

Rudolf Forster war unendlich betrübt. Er drahtete es von Bamberg nach Hannover. Hier war die Uraufführung des ersten Nachkriegs-Forster-Films »Der Mann, der zweimal leben wollte« Dort saß Forster bei Dreharbeiten unabkömmlich fest Daher die telegrafisch übermittelte unendliche Betrübnis.

Die Neue Deutsche Filmgesellschaft hatte ihren schon dritten Film zur Premiere nach Hannover gegeben, weil man, sagte NDF-Dramaturg Heinz Pauck, dort so filmaufgeschlossen sei, Publikum und Presse. Geschürt von Robert Billerbecks in der Filmbranche gerühmtem Talent, einen Start aufzuziehen, massierte sich auch diesmal Begeisterung vor und in den »Weltspielen«

Vier Teilhaber des Films, Olga Tschechowa, Ilse Steppat, Marianne Koch, Rolf v. Nauckhoff, nahmen die Huldigungen entgegen, Blumen, Applaus, Spalier, Wochenschau, Autogrammanie.

Zusammen mit Harald Braun hat Heinz Pauck den neuen NDF-Film gedrehbucht. Vorher hatte man den »neuralgischen Punkt, der die Leute schon vom Thema her neugierig gemacht«, gesucht. Man fand ihn in »Der Mann, der zweimal leben wollte« von Fred Andreas, der in seinen Romanen die literarische Spaltenbreite der einstigen »Berliner Illustrierten« so genau traf.

Heinz Pauck war mit Ehrgeiz darauf aus, dem Thema aus dem rein Abenteuerlichen einen Schubs ins Höhere zu geben. Der große Arzt, der seines leergewordenen Lebens überdrüssig geworden ist, seinen Namen in den amtlichen Registern löscht und ein zweites Leben beginnen will, sollte in eine seelische Situation transponiert werden, die in der Zeit der Flüchtlinge für viele bezeichnend sei, erklärt Heinz Pauck.

Sie haben sich eingekapselt, eine Mauer um sich gezogen und dann doch Verlangen nach dem Leben, das draußen vorbeiläuft. Sie wollen von vorn anfangen, ein zweites Mal leben, kommen nicht los von alten Bindungen, scheitern. Wie der derart seelisch bepackte Professor Heß des Films, den der Zuschauer am Ende im Nebel unbefriedigender Ungewißheit entschwinden sieht.

Die Kamera hat es vor solchen inwendigen Zuständen und Vorgängen nicht so leicht, wie sie es gehabt hätte, wenn der Fall des Professors Hesse als eine spannende, schnell bewegte Abenteurerei von Flucht und Verfolgung in Gang gebracht wäre. Sie muß, um den ehrgeizig erstrebten seelischen Tiefgang zu demonstrieren, die unsichtbare Stimme des Gewissens zu Hilfe holen und tritt derweil auf der Stelle.

Und verläßt sich dabei auf Rudolf Forster. Elegante Melancholie und hochkultivierte Reserviertheit, leise gespielt, waren immer seine Spezialität. Er bewahrt sie auch hinter dem flüchtlingsmäßig hochgeschlagenen Mantelkragen seiner neuen ersten Rolle. Er ist der »Herr« des deutschen Films, auch ohne Schlips. Und auch, wenn er ein umständlich zerklüftetes Innenleben vorzutragen hat.

Victor Tourjansky, mit vielen Filmwassern gewaschen, hier Regisseur seines 99. Films, konnte nichts Besseres tun, als den deklamierenden Teil des Films meterlang auf das Gesicht Rudolf Forsters zu konzentrieren. Es ist eines der interessantesten Gesichter, wahrscheinlich das interessanteste der deutschen Leinwand. Es sagt etwas, auch wenn der Film nichts sagt.

Es zeigte sich, daß Forster es doch wohl ironisch meinte, als er, sehr pressescheu, einem Interviewer sagte, er verdanke seine Erfolge in fünfundzwanzig Jahren Film in erster Linie zwei Männern: dem Schneider, der ihm die klassischen Fracks geschneidert habe, und dem Friseur, der seinem Schnurrbart die weltschmerzliche Fasson gegeben habe. »Sonst war es noch der seidene Abendschal, der meine Erfolge begründete.«

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