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»Schöne Gruße an die Kinder in Deutschland«

aus DER SPIEGEL 32/1972

Das kleine rote Buch mit den Worten des Vorsitzenden Mao hätte ich zu Hause lassen können. Niemand wedelte mehr damit, wohin wir in China auch kamen. Außerdem ist es nicht mehr auf dem neuesten Stand. In den Hallen der Hotels für Ausländer liegt eine neue Version zur Lektüre bereit. Daraus ist das Vorwort des Genossen Lin Piao. der den Zitatenschatz als Maos getreuer Armeeminister für die Armee -- und, in der Kulturrevolution. auch fürs Volk hatte fertigen lassen. verschwunden -- wie sein Autor aus der Öffentlichkeit.

Auch was die bildhafte Allgegenwart des Vorsitzenden angeht, sind die Jetzt erreichbaren Darstellungen westlicher Chinabesucher eindeutig überholt. Die Fülle der Mao-Gesichter ist reduziert auf ein Quantum. das man, gemessen an sozialistischer Sichtwerbung anderswo auf der Welt. fast normal nennen möchte. Das gilt mit Einschränkung auch für die Plakatierung der revolutionären Parolen. In einem der heiteren Haine von Sutschou. wo das alte China der feudalistischen Liebeskultur wenigstens optisch noch ganz gegenwärtig ist. fanden sich sogar Spuren dieser Demontage. Zwischen verspielten Pagoden lehnten ein paar abgeschraubte Schriftzeichen eines Mao-Spruchs.

Der Mao-Kult verwandelt sich allem Anschein nach in eine Art Verklärung: Die »revolutionären Massen« sollen ihren großen Führer und Lehrer nicht mehr als Big Brother sehen, der von allen Wänden Wache über die Seinen hält, sondern sie sollen ihn sozusagen verinnerlichen als den Allvater der immerwährenden Revolution. den großen Gründer einer Gesellschaft neuer Menschen. die zu verwirklichen seinen Nach fahren aufgegeben bleibt.

Das ist nur ein Eindruck. eine These. denn für diese müßte ich die Beweise schuldig bleiben. Noch immer sprechen die Chinesen mit einem Fremden nicht offen darüber, was nach Mao werden soll. Allenfalls ergehen sie sich in der Versicherung. der Vorsitzende sei bei bester Gesundheit und das Banner der Revolution werde auf alle Fälle hochgehalten. Doch selbst ein flüchtiger Beobachter kann heute erkennen, daß sie zwar niemals davon reden, aber immer häufiger daran denken.

Der Eindruck verstärkt sich. wenn man in die Provinz kommt, in diesen, Falle in die alte Mandschurei, die zu bereisen Gerhard Schröder samt Begleitung letzte Woche den Vorzug hatte. Mehr als in Peking oder selbst in dem immer noch (und sei es auch nur als Handelshafen) westwärts gewandten Schanghai fällt in dieser nordöstlichen Provinz die Mäßigung im plakativen Gebrauch des Monuments Mao ins Auge. Häufiger als Bild oder Büste ziert die Handschrift des Vorsitzenden öffentliche Plätze, Fabrikhallen und Gemeinschaftsräume. Und es sind keineswegs nur die revolutionären Leitsätze, die in gerahmten. oft gigantisch vergrößerten Kalligraphien der dekorativen Erbauung dienen, sondern es ist auch die Lyrik des Dichters und Denkers, der sich den Aufzeichnungen seines verstorbenen Vertrauten Edgar Snow zufolge als einen einsamen Mönch sieht, »der durch die Welt zieht mit einem undichten Regenschirm«.

Auf den Plakaten jedenfalls, die Maos -neuen Menschen überlebensgroß und stets in heldischer Pose als Vorbild für alle an immer mehr Wände werfen, lebt Mao selber nur noch im Geist und in der Geste. Die Arbeiter. Bauern und Soldaten auf diesen bombastischen Bildern halten häufig einen Band seiner gesammelten Werke nebst Schraubenschlüsseln. Schnellfeuergewehren oder landwirtschaftlichem Gerät in den schwieligen Fäusten und lauschen hingerissen himmelwärts, als empfingen sie verzückt die Weisung eines Verewigten.

Es gibt solche Menschen auch in Rotchina einstweilen nur auf Plakaten. Die Menschen, jedenfalls die ich getroffen habe, arbeiteten schwer und steckten voll sprungbereiter Energie, aber sie hatten so gar nichts Heldisches. Dennoch mag sein, daß solche Plakate das Selbstbewußtsein dieser Menschen genauer beschreiben als ein Angehöriger der Konsumgesellschaft sich das vorstellen kann.

Ich weiß nicht, ob sie glücklich sind. Unglücklich sind sie bestimmt nicht. Sie sind ungeheuer intensiv mit sich selber und mit ihrer Zukunft beschäftigt. Den meisten geht es weit besser als vor der Revolution. Sie haben nicht viel, aber das Wenige haben sie sicher. Sie sind genügsam, geduldig und sauber. Sie müßten der Traum eines jeden Law-and-order-Propheten sein. Sie sind so züchtig. daß man sich fragt, ob Dung Ping Meh wirklich jemals etwas mit China zu tun gehabt haben kann. Sie gehen mit umgerechnet 80 Mark Monatslohn (auf dem Lande ist es weniger) schaulustig durch ein Warenangebot, das an Fülle und Farbigkeit dem sowjetischen überlegen ist, und empfinden offensichtlich keinerlei Drang, über ihre lächerlich geringen Möglichkeiten hinaus zu konsumieren, Sie lesen vaterländische Comic-Strips und erfahren so gut wie nichts von der Welt. In ihren Zeitungen finden sie (zum Beispiel letzte Woche in Schanghai) Nachdrucke aus der Pekinger »Volkszeitung«. überschrieben mit der Schlagzeile »Zwei gute. kurz und deutlich geschriebene Untersuchungsberichte.

Und doch sind sie neugierig. In der Provinz Liaoning ließ die mehr als ein -- Dutzend Autos zählende Schröder-Kavalkade Tausende von Menschen an den Straßenrändern zusammenlaufen -- jenes drängende, nimmermüde Staunen in den Gesichtern. das außerhalb offiziell arrangierter Anlässe unser ständiger Begleiter war. Wir wurden zu Schaustücken, wohl auch zu lebenden, aber dennoch unverständlichen Signalen aus einer Welt, von der diese Menschen bestenfalls wissen, daß es sie gibt.

Die Amerikaner. die mit Nixon in China waren, haben allenfalls in Peking und Schanghai karge Spuren hinterlassen. Unter einem zierlichen chinesischen Beisetztisch in Nixons Schanghaier Quartier, wo letzte Woche Gerhard Schröder wohnte, klebte noch ein Kaugummi. Aber im Nordosten waren Amerikaner nur als Einzelreisende und Europäer, vollends westliche Europäer, auch das schon lange nicht mehr. Die Leute auf dem Lande dort, die nicht wußten, wer da in den Autos saß, hielten uns, wenn man sie fragte, für Albaner. Denn andere Weiße haben sie zumindest so zahlreich kaum je gesehen.

Drei Deutsche genügten, um in Schenjang (immerhin einer Viermillionenstadt) den Verkehr der Fahrräder. der Fußgänger und der Lastkarren zum Erliegen zu bringen. Die Menschen zogen hinter uns her als wären wir Rattenfänger, drängelten und schubsten. um an uns heranzukommen, wichen unsicher zurück, wenn wir sie photographierten, und waren sofort wieder da, wenn wir weitergingen. Wir Fremde, die in China einst Barbaren genannt wurden und dann als Eroberer und Unterdrücker kamen, gelten den Chinesen von heute offenbar nicht mehr als Feinde.

Mir scheint, daß sie das Ende ihrer Weltabgeschlossenheit gekommen fühlen, daß sie jedenfalls wünschen, der an viele Wände gemalte Spruch »Unsere Freunde sind überall auf der Welt« möge Gestalt annehmen, möge lebendige, faßbare Wirklichkeit werden.

Das setzt gestiegenes Selbstbewußtsein voraus, und dieses wiederum bedeutet in einer Gesellschaft, in der mindestens theoretisch alle gleich sein sollen. notwendigerweise politisches Bewußtsein. Ganz gewiß ist dieses Bewußtsein manipuliert. Orwells Phantasie reicht nicht hin, die Manipulierbarkeit der »revolutionären Massen« Chinas auszumalen. Auch der Beifall. der den deutschen Langnasen gelegentlich von chinesischen Passanten »spontan« gespendet wurde. mag in Wahrheit manipuliert gewesen sein, Desgleichen zum Beispiel die drängende Freundlichkeit, mit der uns bestimmte Bewohner der modernen Schanghaier Arbeitersiedlung Fung Schen zur Besichtigung ihrer Behausungen baten. Gemessen an unserem Lebensstandard haben diese billigen Wohnungen (knapp 40 Pfennig pro Monat und Quadratmeter Miete) in puncto Komfort und Belegungsdichte ungefähr das Niveau gehobener Gastarbeiterquartiere. Aber nach den Begriffen des Entwicklungslandes China sind sie Spitzenklasse und berechtigen zu einem Stolz, der nicht manipuliert ist und auch nicht manipuliert zu werden braucht.

Der Kurs jedenfalls, den die großen Steuermänner in Peking gegenüber der Bundesrepublik Deutschland festgelegt haben, heißt Freundschaft. Die Vorzugsbehandlung, die Gerhard Schröder und seine Begleitung zwei Wochen lang in China erfahren haben, ist anders nicht zu deuten, Schröder. der sein geneigtes Interesse für die Hervorbringung der Diktatur des Proletariats bis zur letzten Besichtigung und seine physische Hochform bis zum letzten starkprozentigen bast halten konnte, hat diese Deutung nach Kräften unterstützt. Weniger. was er zu sehen bekam, eher. wie er es zu sehen bekam, wurde für ihn zum zukunftsträchtigen Ereignis.

Gleichwohl ist es nicht ohne hintergründige Symbolkraft, daß der größte Vorzug. der dem Christdemokraten Schröder in China eingeräumt wurde. eine Demonstration dessen war, was er selber in seinem Abschiedstrinkspruch mit »Landesverteidigung« bezeichnete: das Scharfschießen der 179. Division der Volksbefreiung in den grünen Hügeln bei Nanking -- einschließlich einer in Exerzierform ausgeführten und von animalischen Schreien begleiteten Darstellung des Nahkampfes bis aufs Messer und bis zum letzten Mann.

Hinter der Insistenz, mit der man uns allerorten immer wieder chinesische Kindergärten zeigte, mag die Absicht gesteckt haben, solche martialischen Eindrücke vermittels der lieben Kleinen ein bißchen zu verniedlichen. So sahen wir denn als Ausgleich hochgradig gedrillte Vierjährige, die vor den Bildern der deutschen Bartträger Marx und Engels fließend über »revolutionäre Theorie und »Solidarität der Arbeiterklasse« zu reden verstanden.

Die heldische Pose der Plakatmenschen von morgen macht Schule. Oberall in diesem riesigen roten Reich verwandeln sich die Vorschulkinder. wenn Besuch kommt, tanzend und singend in lebende Miniaturen der modernen revolutionären Peking-Oper, in der Ideologie und Ballett sich zur totalen Indoktrination verbinden.

Die »kleinen roten Soldaten der Stadt Peking« zum Beispiel tanzten uns unter anderem eine Szene vor, in der tibetanische Mädchen einen Soldaten der Volksbefreiungsarmee umgarnen. aber nur, weil sie zum Dank für die Befreiung unbedingt seine Hemden waschen wollen. In einem Musterkindergarten von Schenjang simulierten Fünfjährige als Piloten verkleidet unter lautem Jubel den Abschuß »feindlicher Flug zeuge« und bestellten den applaudieren den Gästen anschließend schöne Grüße an die Kinder drüben in Deutschland.

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