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VATIKAN / Pius XII. Schöne Note

aus DER SPIEGEL 35/1967

Vier Jesuiten halfen Hochhuth -- freilich ohne es zu wollen. Die Patres Pierre Blet, Robert A. Graham, Angelo Martini und Burkhart Schneider gaben den dritten Band einer Dokumentensammlung heraus, mit dem Rom eigentlich Papst Pius XII. gegen den Vorwurf des deutschen Dramatikers Hochhuth verteidigen wollte, er habe die Nazi-Verbrechen gekannt, aber geschwiegen*.

Mit insgesamt 606 bislang geheimen päpstlichen Dokumenten aus den Vatikan-Archiven belegen die vier frommen Wissenschaftler:

> Pius XII. war über die Vorgänge in den besetzten Gebieten und in den Konzentrationslagern von Kriegsbeginn an umfassend unterrichtet.

> Das päpstliche Staatssekretariat wollte wiederholt zugunsten der Polen intervenieren, wurde aber von Pius XII. gebremst.

Am 3. November 1941 hatte der Erzbischof von Krakau, Adam Stephan Sapieha, einen zornigen Brief nach Rom geschickt. Die Qualen des polnischen Volkes, schrieb der Kirchenfürst an Kardinalstaatssekretär Maglione, machten »ein Wort des Protestes und Tadels von seiten des Heiligen Stuhles unerläßlich«.

* »Le Samt Siège et la situation religieuse en Pologne et dans les Pays Baltes, 19391945«. (secrétairerie d'Etat de Sa Sainteté. Actes et documents du Samt Siège relatifs à la Seconde Guerre Mondiale, édités par Pierre Blet, Robert A. Graham, Angelo Martini et Burkhart Schneider. vol. III.) Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano; 964 Seiten; 8000 Lire.

Der nach Lourdes geflohene Kardinal Hlond, Erzbischof von Gnesen und Posen, verlangte eine »päpstliche Erklärung«; sonst werde man der Kirche vorwerfen, »die Unterdrückungspolitik Hitlers und Mussolinis gestützt zu haben«. Monsignore Radonsky, Bischof von Wloclawek, warnte, Polens Gläubige könnten sich immer mehr von Rom entfernen. Denn: »Das all seiner Habe beraubte Volk stirbt vor Hunger, und der Papst schweigt.«

Im Außenamt des päpstlichen Staatssekretariats wurde aufmerksam registriert, daß sich die Beziehungen zwischen dem Vatikan und den polnischen Katholiken von Monat zu Monat verschlechterten. Monsignore Montini, der heutige Papst Paul VI., regte eine Sendefolge in Radio Vatikan über die Lage der Kirche in Polen an. Pius XII. ließ die Sendung jedoch abbrechen, als die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl Einspruch erhob.

Der Papst hatte es von Kriegsbeginn an ängstlich vermieden, Hitlers Verbrechen anzuprangern oder auch nur zu kritisieren (SPIEGEL 47/1964). Den Polen ließ er drei päpstliche Rundfunkreden aus dem Jahr 1940 schicken, deren schärfster Satz lautete: »In gewissen Teilen der katholischen Welt sind die Gläubigen in so schlimmer Weise verfolgt worden, daß man schwere Befürchtungen für die Zukunft ihres Glaubens hegen muß.«

Da die Sowjets seit 1939 den Ostteil Polens besetzt hielten, konnten die Papst-Worte auch auf sie gemünzt sein.

Selbst in geheimen Memoranden an die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl und an das Reichsaußenministerium protestierte der Vatikan lediglich gegen die Behinderung des katholischen Gottesdienstes, die Beschlagnahme kirchlichen Eigentums oder die Verhaftung katholischer Geistlicher.

Im März 1943 gab Erzbischof Sapieha die Hoffnung auf ein Protestwort des Papstes auf. Er schlug daher vor, der Heilige Vater möge wenigstens in einem Brief an den polnischen Episkopat alles zusammenfassen, was er für Polen getan habe.

Das Schreiben wurde vom Staatssekretariat entworfen und dem Papst -- zwei Monate später -- vorgelegt. Inhalt: Der Vatikan habe alles unternommen, um den Krieg zu verhindern und seine Auswirkungen zu mildern.

Doch selbst dieser relativ harmlose Brief erschien dem Pacelli-Papst nicht opportun. Er verwarf ihn und beschloß statt dessen, zum Fest eines Namenspatrons, des Heiligen Eugenius, selber über die Lage »in Polen zu sprechen.

In der Rede versicherte er dann, daß er die Opfer des Krieges niemals vergessen werde, vor allem nicht »das von mächtigen Nationen umgebene polnische Volk ... dessen stilles Heldentum und dessen Leiden im Lauf der Jahrhunderte zur Entwicklung und Erhaltung eines christlichen Europa beigetragen haben«. Die deutschen Besatzer erwähnte er nicht.

Die wichtigste Initiative des Vatikans in Sachen Polen -- eine Note Kardinalstaatssekretärs Maglione an Außenminister Ribbentrop -- reifte ebenfalls im Frühjahr 1943 heran. Nach Meinung der vier Dokumenten-Herausgeber enthielt diese Note »ein fast endgültiges Urteil über das nationalsozialistische Regime«. Auch habe sie »das Terrain für einen eventuellen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Reich vorbereitet«.

Mit Rücksicht auf deutsche Repressalien sollte sie jedoch -- so der spätere Kardinal Tardini -- »eine schöne diplomatische Note« sein, »überlegen, nobel und behutsam in der Form, aber doch schrecklich in der Substanz«.

Tardini: »Die Note wird die Deutschen nicht aufhalten. Aber sie wird, wenn sie eines Tages ans Licht kommt, ein Dokument sein, das Zeugnis ablegt für die Umsicht und die Standhaftigkeit des Heiligen Stuhls.«

Die Vorbereitung der schönen Note dauerte neuneinhalb Monate. 17 Fassungen mußte der damalige Minutant und heutige Kardinal Samoré anfertigen, bevor der Text am 2. März 1943 als Brief an Außenminister Ribbentrop abgeschickt wurde. Tardini zu Samoré: »Wenn uns Berlin auch nur eine Ungenauigkeit nachweist, bist du verantwortlich.«

In dem Brief zeigte sich der Vatikan »außerordentlich besorgt über die ernsten und systematischen Schwierigkeiten«, die in den besetzten Ostgebieten einer freien Ausübung der Religion entgegenständen. Alle kirchenfeindlichen Maßnahmen der NS-Behörden wurden aufgezählt. Nicht wenige Priester seien »erschossen worden oder sonstwie zu Tode gekommen«.

Abschließend fordert Kardinalstaatssekretär Maglione, diese »so peinvolle Situation« zu beenden und die Religionsfreiheit in den besetzten Gebieten wiederherzustellen.

Der Protestbrief des Vatikans erreichte die Führer des Dritten Reichs nicht; das Reichsaußenministerium verweigerte die Annahme, weil der Inhalt Polen und nicht Deutschland betreffe. Von einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan war nie die Rede.

Der Dokumentar-Band, der Plus XII. reinwaschen sollte, klagt ihn im Grunde genau jener Verfehlungen an, die Hochhuth ihm vorwirft -- dafür brach der Vatikan mit seiner Tradition, Papst-Dokumente frühestens 100 Jahre nach den Ereignissen zu veröffentlichen.

Weshalb die vier geistlichen Herausgeber zu Helfern Hochhuths wurden, ist unbekannt. Wahrscheinlich gaben sie die Dokumente heraus in der Überzeugung, Papst Pius XII. zu entlasten und den Heiligen Stuhl von den Beschuldigungen reinzuwaschen, oder sie hatten wissenschaftliche Skrupel, das eine oder andere Dokument wegzulassen.

Vatikan-Pressesprecher Monsignore Vallainc: »Es ist kein apologetisches, sondern ein objektives, historisches Buch.«

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