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Nachlässe Schöne Pleite

Im brandenburgischen Caputh streiten Kommunal- und Landespolitiker um die Vermarktung von Albert Einsteins Sommerhaus.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Ein verträumtes Fischerdorf, sechs Kilometer südlich von Potsdam - für den genialen Physiker Albert Einstein war Caputh »das Paradies«.

An einem Wiesenhang mit prachtvoller Aussicht auf den Templiner See hatte sich der Nobelpreisträger in dem Örtchen 1929 ein elegantes Sommerhaus errichten lassen. Hier verbrachte der kauzige jüdische Professor soviel Zeit wie nur möglich.

Doch den Caputhern galt der weltberühmte Mitbewohner wenig.

Wenn Einstein sockenlos in groben Sandalen, ausgebeulter Trainingshose, mit schlohweißen Zotteln, einen Pilzkorb in der Hand aus dem Wald trat, »waren wir geschockt«, erinnert sich Elfriede Munzel, 78, Tochter des örtlichen Käsermeisters. Bootshausbesitzer Willi Schumann, 64, bei dessen Vater der leidenschaftliche Segler Einstein sein Schiff, den Jollenkreuzer »Tümmler«, liegen hatte, kroch als Bub ängstlich in die Waschküche, wenn sich der Nachbar näherte. »Der Penner kommt«, schrie der Kleine nur.

An solcherlei Schmähungen und Ignoranz erinnern sich die Gemeindeverordneten des 3500-Seelen-Ortes im Havelland heute nicht mehr so genau. Statt dessen drängt es die aufstrebende Ferienkommune jetzt, »unseren Ehrenbürger« zu vermarkten. Denn der jüdische Wissenschaftler, den die Nazis 1933 aus dem Lande vertrieben, hat sein luftiges Holzhaus an der Waldstraße hinterlassen - eine einmalige touristische Attraktion.

Davon erhofft sich Friedrich-Karl Grütte, 63, Bürgermeister von Caputh und Fremdenverkehrschef in Personalunion, nun den Aufschwung. Zugleich erheben jedoch eine Nachfahrin des Nobelpreisträgers sowie das Land Brandenburg Ansprüche auf das Häuschen.

Schon laufen wochenends bis zu 200 Besucher über knarrende Holzdielenböden, kaufen im Gartenhaus Postkarten und Souvenirs. In bunten Prospekten werben Hotels wie das örtliche Märkische Gildehaus mit der Sehenswürdigkeit - immerhin der einzige Bau im Lande, der an das Leben der Kultfigur deutscher Wissenschaft erinnert.

Bilder an den Wänden zeigen den stets leger in zerknautschte Leinenanzüge gekleideten Einstein glücklich mit Familie, vergnügt beim Segeln oder musisch mit der Geige. Dem letzten Willen Einsteins entspricht es nicht, wie sein Sommersitz nun zur Schau gestellt wird.

Der Entdecker der Relativitätstheorie hatte sich jede touristische Ausschlachtung seines Nachlasses strikt verbeten. Er wollte nicht einmal ein Grab, seine Asche ließ er an unbekanntem Ort in der Luft verstreuen: »Keinen Personenkultus«.

Auch sein Haus in Princeton im US-Staat New Jersey, das er im Exil bezog und bis zu seinem Tod 1955 bewohnte, ist für die Öffentlichkeit bis heute geschlossen. Hitlers Machtübernahme hatte Einstein 1933 während seiner Vorlesungszeit in den USA überrascht. Aus Abscheu gegen das »Land der Massenmörder« war der Physiker, auf den die Nazis ein Kopfgeld ausgesetzt hatten, nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Wenigstens sein Boot aber, auf dem Frauenfreund Einstein mit wechselnden Damen viele anregende Stunden verbrachte, wollte der Vertriebene ins Ausland retten. Ein Versuch, das »herrliche Schiff« (Einstein) nach Holland zu schaffen, scheiterte jedoch. Bootshausbesitzer Schumann, dessen Vater seinerzeit über Mittelsmänner der heikle Auftrag ereilte, weiß: »Das war ihm zu heiß.«

Bereits 1935 war Einstein »zu Gunsten des Landes Preußen« enteignet worden. Die Caputher machten dabei ein schönes Schnäppchen: Zum Spottpreis von 5000 Reichsmark erwarb die Gemeinde das von dem Holzbauarchitekten Konrad Wachsmann konstruierte Gebäude. Fortan hauste dort die Hitlerjugend, dann der Bund Deutscher Mädel, später Luftwaffenoffiziere.

Ausgerechnet auf die Rechtsgrundlage aus der NS-Zeit stützt Bürgermeister Grütte nun die Ansprüche der Gemeinde: »Wir standen damals nun mal im Grundbuch.«

Über das Leben im »Landhäusl« hatte Einsteins Frau Elsa im September 1930 geschrieben: »Albert arbeitet wie kaum je zuvor, er strahlt und leuchtet.« Weniger Freude bereitete der Hausherrin ihres Gatten Schwäche für schöne Frauen. Auf die zahlreichen weiblichen Besucher in Caputh wirkte der mopsige Mann mit dem Schnauzbart und dem verwegenen Haarbusch »wie ein Magnet auf Eisenpulver«, so der Einstein-Vertraute Wachsmann.

Einen ganzen Sommer lang räumte die gedemütigte Elsa jede Woche einen Tag bis spät in die Nacht das schmucke Blockhaus - für eine junge, bis heute namentlich unbekannte Blondine mit Wiener Dialekt und tiefem Dekollete. »Sie war lustig, hat viel gelacht, wie der Professor ja auch«, erinnert sich die frühere Haushälterin Herta Schiefelbein.

Auch die Intelligenz, von Max von Laue bis Heinrich Mann, suchte regelmäßig das Idyll von Caputh. Indessen hatten völkische Kollegen Einsteins Theorie über Raum und Zeit längst als Teil einer jüdischen Verschwörung gegen die Naturwissenschaften ausgemacht.

So war auch schon der Plan des damaligen Berliner Oberbürgermeisters, Gustav Böß, »dem größten Genie unseres Jahrhunderts« zu dessen 50. Geburtstag im März 1929 ein Haus am See zu schenken, von antisemitischen Stadtverordneten hintertrieben worden. Am Ende hatte Einstein den aufwendigen Hausbau selbst finanziert. »Das Häuschen«, tröstete er sich seinerzeit, »ist zwar eine Pleite, aber eine sehr schöne.«

Nach dem Krieg führte die DDR den unrühmlichen Umgang mit dem großen Denker nahtlos fort. Das »Häusle« wurde nie an ein Familienmitglied Einsteins zurückgegeben. Der Bau verkam, »die Mieter saßen mit Regenschirmen drin«, erinnert sich ein Nachbar.

Erst als sich aus dem großen Namen wieder Kapital schlagen ließ, zum 100. Geburtstag Albert Einsteins, erinnerten sich die SED-Machthaber an das Holzhaus am Hügel von Caputh. Der heruntergekommene Sommersitz wurde von Grund auf renoviert.

Bald nutzte die Akademie der Wissenschaften die Waldstraße 7 als Gästehaus. Der Leiter des ehemaligen »Einstein-Laboratoriums für Theoretische Physik«, Hans-Jürgen Treder, 66, lange Jahre die Nobelpreishoffnung der untergehenden DDR, verbrachte dort gern seine Wochenenden - gewissermaßen als geistiger Enkel Einsteins.

Beerben wollen das werbewirksame Genie nun viele in Caputh. Die Eigentumsverhältnisse zu klären könnte jedoch fast so kompliziert werden wie die Relativitätstheorie.

Im Testament von Stieftochter Margot Einstein sind insgesamt zwölf Personen und Organisationen, darunter etwa die »Amerikanische Gesellschaft zur Verhinderung von Tierquälerei (mit 0,29069767 Prozent) oder der Verein »Freunde der Musik« in Princeton (mit etwas über einem Prozent) bedacht.

Den Löwenanteil an dem Haus hält jedoch Einsteins letzte lebende Anverwandte, Eva Kayser, zweite Frau seines Schwiegersohns Rudolf. Die 84jährige lebt in einer kleinen Wohnung in New York und möchte den Erberlös lieber heute als morgen auf ihr Konto buchen.

Aber auch eine vom Land Brandenburg geförderte Stiftung, das von dem jüdischen Deutsch-Amerikaner Gary Smith, 40, geleitete »Einstein Forum« in Potsdam, ist am Nachlaßpoker beteiligt. Die elitäre Organisation bemüht sich um Ankauf oder Schenkung der Erbanteile. Sie will das Haus zur wissenschaftlichen Begegnungsstätte machen.

Dann sollen in den holzvertäfelten Räumen von Caputh wieder hochgelehrte Köpfe um den Kamin sitzen und wie einst bei Einstein ihre Gedanken austauschen.

Den profaneren Bedürfnissen der Caputher kam das Brandenburger Kultusministerium jetzt mit einem Kompromißvorschlag entgegen: Bleibt das Haus nur am Wochenende für den Tourismus geöffnet, trägt das Land die Unterhaltungskosten von immerhin 212 000 Mark im Jahr.

Den größten Teil davon kassiert ein privater Wachdienst. Vorsichtshalber wird die einstige Bleibe des größten deutschen Naturwissenschaftlers dieses Jahrhunderts seit gut drei Jahren rund um die Uhr observiert - aus Angst vor einem Anschlag neuer Nazis. Y

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