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Berlin Schöne Tassen

Millionen staatlicher Subventionen verbrauchte bislang das West-Berliner »Internationale Design-Zentrum«, das für eine »humane Umwelt« sorgen sollte, dieses Ziel aber nicht einmal ansteuerte.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Zwischen den »Eden«-Apartments (Quadratmeter-Miete pro Monat bis zu 25 Mark) und dem »Palace«-Hotel (Einzelzimmerpreis bis zu 166 Mark), mitten im teuren Herzen West-Berlins, schlugen kleine Kinder großen Krach.

Sie krabbelten, unbekümmert um schockierte Passanten, über ausrangierte Autoreifen, hangelten an Seilnetzen innerhalb eines meterhohen Spielturms und brüllten dabei vergnügt aus Leibeskräften. Ein Anrainer: »Wie Affen im Brotbaum.«

Was den Kindern hier, wo sie sonst zwischen Nobel-Läden und Luxus-Herbergen nichts zu suchen haben, so sehr gefiel, war das Werk der Mitarbeiter des im »Eden«-Parterre residierenden »Internationalen Design-Zentrums« (IDZ). Anhand neuartiger Spielobjekte wollten die Designer dartun, was Teilnehmern einer von IDZ organisierten Ausschreibung zum Thema »Kind und Umwelt« eingefallen und was dabei an »Produktgestaltung als Ergebnis weiterführender Oberlegungen herausgekommen ist.

Vor dieser Ausstellung freilich hatte das 1970 gegründete IDZ kaum von sich reden gemacht. Das Zentrum erreichte vor allem eins: Es verbrauchte bislang 2,5 Millionen Mark an staatlichen Subventionen.

Zwar hatte noch 1970 der Gründungsvorstand -- Senatsbeamte und Repräsentanten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie -- einem Arbeits-Programm des IDZ zugestimmt, das über die Vermittlung »der Form schöner Kaffeetassen hinausgehen« sollte. Das Zentrum. so die damalige Zielvorstellung, sollte sich auch um eine bessere Welt bemühen, um saubere Luft, reines Trinkwasser, schönes Wohnen und adrette Städte. Kurzum: Der Begriff »Design« sollte zum Signum für »die Gestaltung einer humanen Umwelt« werden.

Doch die Praxis sah anders aus. Das IDZ präsentierte seinen spärlichen Besuchern zum Teil längst käufliche Produkte. Selbst das Hausblatt der Berliner Industrie- und Handelskammer, »Die Berliner Wirtschaft«, fand schließlich, die ursprüngliche IDZ-Idee sei »von Anfang an unbewußt, noch mehr bewußt, mißverstanden« worden »als Schaufenster gutgestalteter Industrie-Produkte«.

Anfang letzten Jahres endlich kamen denn auch dem sogenannten »Themakreis« -- provisorischer Programmausschuß des als gemeinnützig eingetragenen IDZ-Vereins -- Zweifel an der Zukunft des Unternehmens. Die Mitglieder, unter ihnen Pädagogen und Architekten, bekundeten: »Der Themakreis kann ... dem fahrlässigen Umgang mit öffentlichen Geldern nicht weiter dienlich sein -- und traten unter Protest zurück.

Daß die Berlin-Designer danach ihr Haus noch immer nicht schließen mußten, verdankten sie Industriespenden von über 200 000 Mark für das Jahr 1971 und einem als progressiv geltenden Mann. dem gebürtigen Schweizer und vormaligen Leiter des Hamburger Kunsthauses François Burkhardt, 35, der im August die Leitung des Zentrums übernahm. Er startete das »Kind und Umwelt«-Projekt als eine Art Wiederbelebungsversuch, ließ jüngst eine Ausstellung preisgekrönten Spielzeugs folgen und plant mit einem sechsköpfigen »Arbeitsrat« Vorhaben wie den »Versuch einer exemplarischen Darstellung der Methoden der Werbung am Beispiel eines Großplakates der Zigarettenindustrie«.

Vom Erfolg solcher Pläne wird abhängen, ob dem Design-Zentrum künftig noch etwas zu gestalten bleiben wird. Burkhardt: »Ich habe drei Chancen. dem Senat als Hauptgeldgeber was zu zeigen. Dann wird eine Bestandsaufnahme gemacht.«

Die Grenzen für die IDZ-Leute sind eng gezogen. Die »Berliner Wirtschaft« steckte sie namens der Berliner Wirtschaft ab: »Es bleibt zu hoffen, daß nicht die utopischen Theoretisierer die Oberhand über die Praktiker gewinnen.« Design oder Nichtsein -- das ist die Frage.

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