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TALKSHOWS Schöner als Roger

Eine Frau aus dem Osten macht Sabine Christiansen Konkurrenz: Maybrit Illner wird den neuen ZDF-Polit-Talk »Berlin Mitte« moderieren.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 39/1999

Verehrter Nikolai Sergejewitsch«, so hob in grauer Fernseh-Vorzeit TV-Urgestein Werner Höfer sonntags gern im »Internationalen Frühschoppen« an, wandte sich an den russischen Kollegen und drehte dabei sein gut gefülltes Rieslingglas mindestens um 90 Grad, »wäre die Sowjetunion denn bereit, ihre SS-20-Atomraketen zurückzuziehen, wenn der Westen bestimmte Zugeständnisse machen würde?«

Journalismus im Angesicht des Weltuntergangs - jeden Sonntag war High Noon. Helmut Schmidt war Bundeskanzler und Erich Honecker Staatsratsvorsitzender der DDR, es herrschte Kalter Krieg, und Maybrit Illner ging noch brav zur Schule im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshain.

Wenige Jahre später revolutionierte das private Fernsehen die Sehgewohnheiten der Menschen in Ost und West mit »Tutti Frutti«, »Glücksrad« und »Jodeln in der Lederhose«. Kurz darauf fiel die Berliner Mauer, und das Fernsehen wurde zum großen Kommunikator des historischen Ereignisses - doch nicht lange, denn dann kam die Talkshow-Revolution über die Deutschen. Plötzlich konnten sie gar nicht genug kriegen von brennenden Themen des Alltags wie »Meine Schwester, die Schlampe«, »Schafft die Männer ab - die nerven doch nur!« und »Jetzt reicht's, du Ferkel!«.

Nun steht eine neue Revolution vor der Studiotür: Am 14. Oktober wird »Berlin Mitte« starten, die neue politische Talkshow des ZDF - jeden Donnerstagabend live aus dem »Haus Sommer« direkt neben dem Brandenburger Tor. In der Tradition der einst renommierten ZDF-Polit-Talkrunde aus der Frankfurter Alten Oper soll sie ohne Krawall auskommen, ohne neckische Einspielungen, halb nackte Sektglasträger, Video-Gimmicks und anderen Tele-Nippes.

Während jeweils vier Gäste über ein aktuelles Thema reden, das noch am Donnerstagmorgen auf den Tisch kommen kann, ist das Publikum im Studio zum Schweigen verdammt. Ruhig und seriös will man, in bester humanistisch-aufklärerischer Absicht, »komplizierte Vorgänge transparent machen«.

Das jedenfalls sagt Maybrit Illner, 34, Moderatorin von »Berlin Mitte«, die diese notorische Herausforderung zuvor sechs Jahre lang als Moderatorin des ZDF-»Morgenmagazins« (neben Cherno Jobatey) und beim kurzfristigen Einspringen für Ulrich Kienzle in »Frontal« zu bestehen hatte. Inmitten der »kommerziellen Verdummungsmaschine Fernsehen« (Illner) - und in sportlicher Konkurrenz zu Sabine Christiansens sonntäglichem Polit-Konklave - will sie »mit Leichtigkeit und Ironie«, dabei hart in der Sache, jenem Verdruss an Politik entgegenwirken, der auch von Unkenntnis und buchstäblich mangelnder Einsicht herrührt.

Ihre eigene Einsicht in das aufregende Wesen von Freiheit und Demokratie begann vor zehn Jahren, als der DDR-Sozialismus kollabierte. Von 1984 bis 1988 war sie im »Roten Kloster« zu Leipzig eingeschrieben, der einzigen Journalistenschule der DDR, von 1986 bis 1989 - unter dem Eindruck von Gorbatschows »Perestroika« - Mitglied der SED.

Eben noch für den Sport im DDR-Fernsehen aktiv, kam sie rasch im Westen an. Manchem Beobachter schien der Wechsel allzu atemraubend - oder allzu konsequent, je nachdem. Bis heute vermag sie keinen dramatischen Bruch zwischen Ost und West zu erkennen, allenfalls eine merkwürdige Gemeinsamkeit: Ost- wie Westdeutsche hielten sich jeweils für die besseren Exemplare der Gattung Mensch.

Sie selbst ist ein wahres Glückskind der »Wende«, ein Paradefall des deutschdeutschen Journalismus. Als habe sie sich bis auf den i-Punkt vorbereitet, schnurrt sie beim Kräuteromelett den ökonomischen Dreisprung von Steuerreform, Lohnnebenkosten und Wirtschaftswachstum herunter und kritisiert das Chaos der rotgrünen Reformpolitik. Da hätte sie auch an Hans Eichel die eine oder andere Frage zu Gegenfinanzierung, Rentenreform und Haushaltskonsolidierung. Überhaupt: Fragen. Es werde viel zu wenig gefragt und viel zu viel herumbramarbasiert, meint Maybrit Illner. Besserwisser überall: Statement-Demokratie statt Debattenkultur.

Der letzte Versuch des ZDF unter dem Titel »Tacheles« war vor allem an der Allwissenheit des Moderators Johannes Gross gescheitert.

Maybrit Illner glaubt im Übrigen fest daran, dass Frauen mehr und bessere Fragen stellen als Männer. Freilich liegen ihr durchaus auch Antworten, die sie, jedenfalls gegenüber der neugierigen Presse, gern schon mal mehrfach verwendet, etwa jenes Aperçu, dass man Frauen auf dem Bildschirm einfach nicht älter werden lasse - »dabei sehen die meisten mit 50 besser aus als Roger Willemsen mit 12.«

Illner sieht nicht nur im Vergleich mit Roger Willemsen gut aus. Doch ihr Erfolg, der Erfolg ihrer Talkshow »Berlin Mitte« wird davon abhängen, ob ihrer Gesprächsrunde ein Schuss jener altertümlichen Konzentration und Ernsthaftigkeit anhaftet, die Werner Höfer selig am Ende fröhlich auf die Rettung der Welt anstoßen ließen - bis zur nächsten Sendung. REINHARD MOHR

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