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Briefe

Schönes Märchen
aus DER SPIEGEL 37/1993

Schönes Märchen

(Nr. 35/1993, Sozialpolitik: Deutschland, eine Nation der Rentner)

Sie lamentieren über das Los der Senioren im Jahre 2020, so als ob auf dieser Welt sich nichts ändern würde außer der Altersstruktur unseres Volkes. Jede Sekunde leben drei Menschen mehr auf der Erde - das sind pro Jahr 90 Millionen Menschen mehr. Hier kann das von den Sozialexperten beklagte »Geburtendefizit« der Deutschen doch nur die einzig vernünftige Antwort sein. *UNTERSCHRIFT: Bad Pyrmont DR. HANFRIT GUHT

Ich frage mich, ob mein Leben zwischen dem 30. bis 50. Lebensjahr (2006 bis 2026) nur aus finanziellen Versorgungsleistungen für Rentner, Kinder und Jugendliche besteht. Welches Recht auf Leben besitzt meine Generation? Welche Funktion haben wir, außer anderen Bequemlichkeit zu ermöglichen? *UNTERSCHRIFT: Langen EVELYN BIER 17 Jahre

Die Grundthese von der Vergreisung ist irreführend. Gesundheitszustand, Fitneß, Aktivität und Selbständigkeit haben sich in den Altersgruppen zwischen 60 und 75 in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verbessert. Bei angemessener gesellschaftlicher Beteiligung (darunter auch Arbeit) und einer altersbewußten Lebensführung sind die Chancen eines »gestreckten« erfüllten Lebens unausgeschöpft. *UNTERSCHRIFT: Wien PROF. LEOPOLD ROSENMAYR

Familien mit Kindern werden in diesem Sozialstaat doppelt benachteiligt: In der Erziehungszeit fällt mit nur geringem finanziellen Ausgleich ein Einkommen weg, und im Alter fehlt diese Einzahlungszeit bei der Rente (meist der Frauen), während die großgezogenen Kinder die Rente für die ehemaligen, kinderlosen Doppelverdiener einbringen müssen. Da lob' ich mir Afrika, da sind die zahlreichen Kinder auch für die Altersversorgung ihrer eigenen Familie zuständig. *UNTERSCHRIFT: Blieskastel (Saarland) RUTH NIEDER

Herrn Kohl und Herrn Blüm sei gedankt. Die Senioren dürfen auch in Zukunft völlig sorgenfrei ihre Rente »verzehren« - goldene Aussichten für die »Goldenen Oldies«. Ab 65 beginnt also endlich das Leben im Luxus. Ein schönes Märchen. Das Happy-End sieht in der Realität anders aus: Die »Republik der Alten« ist auch zunehmend eine »Republik der Kranken«. Die Zahl der Pflegebedürftigen liegt heute bereits bei weit über zwei Millionen, 35 Prozent der über 80jährigen müssen von Angehörigen oder Pflegern rund um die Uhr versorgt werden. Egal, Hauptsache, das Sparschwein ist wohl ernährt und gesund. *UNTERSCHRIFT: Bonn ANDREA PAULINY Deutsche Seniorenliga e.V.

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