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BUNDESBAHN Schönes Stück

Ein arbeitsloser Lehrer in Baden-Württemberg korrigiert Schwachstellen in Fahrplänen, belebt den Zugverkehr und läßt ganze Bahnhöfe versetzen. *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Allenfalls 3000 Kilometer jährlich bewältigt der 32jährige Tübinger Ulrich Grosse mit dem Auto, jedoch mindestens 50000, mitunter bis zu 80000 Kilometer mit Zügen und Omnibussen der Bundesbahn.

Grosse reist nicht zum Vergnügen. Er fährt vorzugsweise auf Nebenlinien in Baden-Württemberg, etwa auf de schwäbsche Eisebahne - trulla, trulla, trullala -, bis in die hintersten Winkel der Alb. Ausgerüstet mit Photoapparat, Stoppuhr sowie einem Aktenkoffer voller Fahrpläne und Tabellen, notiert Grosse von Station zu Station Fahr- und Halteminuten, Rangiermanöver, zeitliche und örtliche Fluktuation der Bahnbenutzer. Seine Berechnungen landen auf den Schreibtischen württembergischer und badischer Landräte, die über Investitionen und Nutzeffekt der Nebenstrecken wachen müssen - sonst knipst ihnen die Bundesbahn ein Stück ab.

Die Landratsämter und die jeweils für die Verkehrsplanung mehrerer Kreise zuständigen Regionalverbände traktieren dann damit bei jährlich zweimal angesetzten Fahrplankonferenzen die Bundesbahn, sie weisen Kursbuch-Lücken nach und zeigen Verbesserungsmöglichkeiten auf. Die Erfolge des »Schwachstellen-Analytikers«, wie Grosse bei Bahn und Behörden anerkennend tituliert wird, sind einzigartig im Netz der Deutschen Bundesbahn.

Der Tuttlinger Landrat Hans Volle etwa, einer von denen, für die Grosse reist und rechnet, sieht seine ganze Region verkehrsmäßig »neu belebt« und freut sich, daß die Ideen »eines Außenseiters auch von der Bundesbahn aufgegriffen und realisiert werden«.

Die Bundesbahn-Verwaltung selber geizt nicht mit Anerkennung für den Mann, der vor allem ihre Schwächen bloßlegt. Grosse sei, lobt der Planungsdezernent der Bundesbahndirektion Stuttgart, Gunter Allwanger, ein »Fahrplangenie«, dem es zu verdanken sei, »daß wir auch etwas für Strecken tun können, deren Benutzung nicht mehr unseren Erwartungen entsprach«. Grosse habe mehrfach »den Verkehr von der Straße auf die Bahn zurückgeholt«.

Musterbeispiele für die »Anregungen von draußen« (Allwanger) sind die Gemeinden Balingen und Laufen in Südwürttemberg. Als Grosse festgestellt hatte, daß der Fußmarsch vom Bahnhof Balingen zum Schulzentrum 1,5 Kilometer weit war, obwohl die Bahngleise dicht bei den Schulgebäuden verlaufen, ließ er nicht locker, bis 1984 in Schulnähe eine neue Haltestation mit einem 120 Meter langen Bahnsteig ("Balingen-Süd") eröffnet wurde.

Saßen vorher allenfalls dreißig Schüler aus Richtung Ebingen in den Zugabteilen, so waren es alsbald rund 270. Und als Grosse noch nachwies, daß ein wichtiger Zug in Balingen-Süd just zehn Minuten vor Schulschluß abfuhr, ließ die Bundesbahn ihren Fahrplan korrigieren. Inzwischen gibt es 450 Bahnfahrer. Motorräder und Mopeds bleiben daheim.

In Albstadt-Laufen an der Eyach wurde auf Grosses Drängen gleich der ganze Bahnhof verlegt, der zwei Kilometer vom Ortskern entfernt war, was einen entsprechenden Fußmarsch bei Wind und Wetter erforderte. Folge: Die Züge waren leer, parallel fahrende Omnibusse »knallvoll« (Grosse).

Für 120000 Mark ließen Landkreis und Bundesbahn nahe der Ortsmitte von Laufen eine neue Station bauen, die jüngst, mit Beginn des Sommerfahrplans am 2. Juni, in Betrieb genommen wurde. Jetzt sind die Züge von und nach Ebingen oder Balingen eng besetzt.

Bahnplaner Grosse, zuvor Lehrer für Mathematik und Physik an einer Privatschule im Schwarzwaldstädtchen Calw, machte sein Fahrplan-Hobby zum Fulltime-Job, als die Schule mangels Nachfrage dichtmachen mußte. Erste Fahrplan-Erfahrungen hatte er bereits im Nagoldtalbahn-Ausschuß gesammelt, wo Delegierten von Kommunen und Kreisen, Wirtschaft und Fremdenverkehr am Erhalt der Nebenstrecke Pforzheim-Calw-Horb gelegen war. Sie war unrentabel und schlecht angebunden an weiterführende Bahnlinien.

Bürgermeister, Handelskammer-Vertreter und Hoteliers aus der Provinz schaffen es heute kaum, die Bundesbahn für einen neuen Anschluß oder ein dichteres Zugsystem zu gewinnen. Grosse erinnert sich denn auch: »Wenn man sich für eine kleine Station einsetzte, sagten die zuerst nur: Wo liegt denn das?«

Grosse allerdings, von einem Bürgermeister nominiert, drängte die Bundesbahn-Beamten mit detaillierten Zeitkalkulationen und Zugläufen in die Defensive, zumal er darauf bedacht war, »keine oder nur geringe Kosten zu verursachen«. Der Erfolg des Nagoldtalbahn-Ausschusses, der heute auch von der Bundesbahn als »Modell« vorgezeigt wird, sprach sich rasch herum: Während der Regionalverkehr überall rückläufig war, stieg im Nagoldtal die Zahl der Fahrgäste nach der Kursbuch-Korrektur um bis zu zwanzig Prozent.

Grosse hatte beispielsweise vorgerechnet, daß Kreuzungs- und Anschlußtermine über Jahre hinweg willkürlich zementiert worden waren, daß Rangier- und Wartezeiten zu hoch angesetzt und Bahnbusse unnötig im Pendel- statt im Kreisverkehr eingesetzt worden waren.

Danach holte der Regionalverband Nordschwarzwald den arbeitslosen Lehrer zu Hilfe, der nun gegen Industrie- und Bahnvertreter um Vorrang für die Schiene stritt. »Die Firmen-Lobby«, so Grosse, »hatte natürlich mehr Interesse am Straßen- und Speditionsverkehr.«

Als im August 1983 in Baden-Württemberg die Kompetenzen für den Nahverkehr, aber auch die Investitionskosten von den vier Regierungspräsidien an die 35 Landkreise delegiert wurden, stand für Grosse »das Signal endgültig auf Grün«. Mit akribischen Rentabilitäts- und Nutzungsexpertisen lieferte er den Landräten »Schwachstellen-Analysen aus der Sicht des Bahnbenützers«.

Die Kreisverwaltungen von Tuttlingen, Rottweil, Balingen und Villingen-Schwenningen beauftragten Grosse, direkt mit der Bundesbahn zu verhandeln. Fernzüge, Intercity-Takte und günstige Verbindungen in die Schweiz wurden so für die Ländler gut erreichbar, und es gab verbilligte Sonntagsausflüge in die Landeshauptstadt Stuttgart.

Mitunter arbeitet Grosse für acht Landratsämter gleichzeitig. Seine Zielgruppen-Programme etwa für Pendler, Schüler oder Marktbesucher brachten Fahrgast-Steigerungsraten auf einzelnen Strecken von dreißig bis sechzig Prozent.

Im Zollern-Alb-Kreis wurde auf Vorschlag von Grosse die »Fahrlage« - Zeiten und Verbindungsdichte - von 150 Bahn- und Auftragsbussen geändert, die zum Teil parallel zu leeren Zügen verkehrten. Die neuen Fahrpläne wurden nach Schul- und Bürozeiten oder Fabrikschichten ausgerichtet.

Dahinsiechende oder bereits geschlossene »Bahnhofswirtschäftle« (Grosse) freuen sich neuerdings über Besucherzulauf. Immer weniger Autos verpesten beispielsweise das romantische Donautal zwischen Sigmaringen und Tuttlingen, seit dort, vorbei am Kloster Beuron, wieder Bummelzüge verkehren, die bedarfsweise an zehn Stationen stoppen.

»Man sieht täglich den Erfolg«, sagt der schlaue Schwabe Grosse, »und hat als Nebeneffekt ein schönes Stück Umweltschutz.« Die Wochenenden verbringt der Junggeselle meist auf der Bahn - mit Kamera und Aktenkoffer.

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