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ITALIEN / LANDGUTER Scholle für Städter

aus DER SPIEGEL 24/1968

Ein Landgut ist in Italien kein Privileg der Reichen mehr. Schon 20 000 Mark reichen für einen fünf bis zehn Hektar großen Bauernhof mit Rebenhängen, Olivenhainen, Obstgärten und Ackerland. Als Anzahlung genügt die Hälfte, der Rest kann in 15 Jahren abgestottert werden.

Denn sechs Millionen italienische Bauern und Landarbeiter haben seit 1950 die Scholle verlassen. Folge: Allein in der Toskana, der landschaftlich reizvollsten Region Italiens, verkommen 50 000 Bauernhäuser.

Die brachliegende Bauernscholle soll nun an frischluftsüchtige Städter gebracht werden. In Florenz, Rom, Neapel und anderen italienischen Städten sind staatlich finanzierte »Agriturist« -- Zentralen entstanden, die den Besitzwechsel der leerstehenden Bauernhöfe kostenlos vermitteln und auf Wunsch auch billige Banckredite beschaffen*.

Gerardo di Frassineto, Generalsekretär der Florentiner »Agriturist«-Zentrale, prophezeit: »Dem Boom der Ferienwohnung am Meer wird bald der Boom des eigenen Landguts folgen. Die Leute müssen nur erfahren, wie einfach und wie billig der Kauf eines Bauernhofes ist.«

Die Offerten klingen verlockend. So sollen kosten:

* ein 39-Hektar-Hof an einem Südhang bei Montaione in der Toskana (Oliven, Wein und Wald) mit einem Neun-Zimmer-Bauernhaus 64000 Mark;

* ein Fünf-Hektar-Hof (Oliven und Wein) bei Sughera in der Toskana mit einem Sieben-Zimmer-Haus und einer Kapelle aus dem Mittelalter 25 600 Mark;

»Agriturist« = Associazione Nazionale Agricoltura e Turismo (Nationalverband für Landwirtschaft und Tourismus).

* ein Sieben-Hektar-Hof bei Garnbassi in der Toskana (Wald, Wein und Oliven) samt einem gut erhaltenen Acht-Zimmer-Haus (mit Bad) und einer Bauernkate 57 600 Mark;

* ein 27-Hektar-Hof (davon elf Hektar Eichenwald) bei Castel S. Geminiano mit einem Acht-Zimmer-Haus 64 000 Mark.

Alle Preise sind »trattabili« -- das heißt, sie können bis zu 30 Prozent gedrückt werden. Kleine Höfe, die kein elektrisches Licht haben und nicht an einer Straße liegen, werden schon für 13 000 Mark angeboten.

»Agriturist«-Sekretär di Frassineto: »Natürlich muß in die meisten Häuser etwas Geld gesteckt werden, wenn sie den Ansprüchen der Städter genügen sollen.«

»Agriturist« will nicht nur die Bauernhäuser verkaufen; zu ihren Aufgaben gehört auch der Landschaftsschutz. Käufer, die das Bauernhaus niederreißen und sich einen modernen Bungalow bauen, sind unerwünscht. Di Frassineto: »Billige Kredite soll nur bekommen, wer die charakteristischen Bauernhäuser erhält und restauriert. Die Ausländer haben dafür meistens mehr Verständnis als die Italiener«

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