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Schon harte Sachen

aus DER SPIEGEL 24/1994

Der Münchner Journalist Peter Seewald, 39, wollte gerade mit seiner Familie zu einem Kurzurlaub aufbrechen, als er, Ende letzten Monats, überraschend unerfreulichen Besuch bekam: Die Dame wies sich als Gerichtsvollzieherin aus und kündigte die Zwangsvollstreckung einer Schuld von rund 3000 Mark an, wenn diese nicht binnen drei Wochen beglichen werde.

Der Schuldner fiel »aus allen Wolken«. Er habe, sagt Seewald, »keine Ahnung gehabt, was das soll«; noch weniger seine Frau, die sich »wahnsinnig erschrocken« habe.

Die Gerichtsvollzieherin kam im Auftrag der drei Kinder des 1988 verstorbenen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. Die begnügen sich offenbar nicht mit ihrer Millionenerbschaft aus Barem und Immobilien. Tochter Monika Hohlmeier, 31, Staatssekretärin im bayerischen Kultusministerium, Rechtsanwalt Max Josef Strauß, 35, und Werbeunternehmer Franz Georg Strauß, 33, treiben sogar Außenstände ein, an denen ihr Vater jegliches Interesse verloren hatte.

Im Inkasso-Fall Seewald holten sie eine uralte Forderung aus dem Strauß-Nachlaß hervor - einen »Kostenfestsetzungsbeschluß« des Amtsgerichts Passau aus dem Jahre 1974. Der betrifft Auslagen für Anwaltskosten in Höhe von 1625,76 Mark, die Strauß damals als erfolgreicher Nebenkläger nach einem Beleidigungsprozeß gegen Seewald geltend gemacht hatte, zuzüglich inzwischen aufgelaufener Zinsen und Gebühren.

Strauß ließ die Sache auf sich beruhen, warum auch immer. Die Forderung verfällt jedoch erst nach 30 Jahren.

Seewald soll für politische Jugendsünden zahlen. Er jobbte damals in Passau als Getränkeausfahrer und agitierte in der Freizeit für linke Grüppchen wie den Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD oder das Anti-Strauß-Komitee.

Wiederholt zeichnete er für Pamphlete und Plakate verantwortlich. Da wurde CSU-Chef Strauß nicht nur als »Gewerkschaftsfeind« und »Duzfreund von Rüstungsbaronen« geschmäht, sondern auch schon mal mit aufgerissenem Mund karikiert, aus dem ein kleiner Führer lugte. »Ein Hitler war genug«, so der Beitext, »wir brauchen keinen Strauß.«

»Das waren schon harte Sachen«, urteilt Seewald, längst gutbürgerlich geworden, »damals haben wir jungen Hupfer halt rumgehauen.«

Das Landgericht Passau verurteilte ihn vor 20 Jahren wegen fortgesetzter Beleidigung und übler Nachrede zu einer Geldstrafe. Auch die Anwaltskosten des Nebenklägers Strauß bekam er aufgebrummt.

Seewald, damals nahezu pleite, zahlte nicht. Seitdem habe er, sagt der Journalist, von der Sache nichts mehr gehört und sie für erledigt gehalten. Er sei »stadtbekannt« und »immer auffindbar« gewesen und habe sich deshalb gewundert, daß »nie eine Mahnung« eintraf.

Der Gerichtsvollzieherin war, nach so vielen Jahren, der Gang zu Seewalds wohl peinlich. Sie bezweifle, sagte die Beamtin dem Schuldner, daß die Erben es nötig hätten, diese Summe so spät beizutreiben. »Aber«, sagte sie, »die werden sich nur gedacht haben: Dös probiern mir jetzt amal.«

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