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Briefe

Schon vor 1918 entwickelt
aus DER SPIEGEL 36/1977

Schon vor 1918 entwickelt

Selbst dann nämlich, wenn die Schüler alles über Hitler wußten, was Fest in über 1000 Seiten ausgebreitet hat, so wüßten sie doch noch (fast) nichts über den deutschen Faschismus. Dessen Ursachen und dessen Politik sind aus dem Seelenbereich Hitlers gerade nicht erklärbar:

Was als Hitlers Weltanschauung ausgegeben wird, war in allen wesentlichen Elementen (Nationalismus, Rassismus, Imperialismus, militanter Antimarxismus) schon vor 1918 entwickelt und in die Massen getragen worden.

Was als Hitlers »wahnwitziges« Eroberungsprogramm ausgegeben wird, war das Eroberungsprogramm, das vom deutschen Großkapital schon im Ersten Weltkrieg verfolgt worden war, um neue Rohstoffquellen, Absatzmärkte und billige Arbeitskräfte und die Hegemonialstellung in Europa zu gewinnen. Daß die Kriegsziele des Deutschen Reiches im Ersten und Zweiten Weltkrieg weitgehend übereinstimmen, kann nur von der Kontinuität der sozialen Interessen, nicht aber vom Seelenleben Hitlers her erklärt werden.

Ein immenses Dokumentenmaterial bezeugt, daß Großkapital, Großgrundbesitz und Militär nach 1918 ihre beiden Hauptziele weiterverfolgt (und dann nach 1933 real umgesetzt) haben: innenpolitisch die Errichtung eines autoritären Systems, die Entmachtung der Arbeiterbewegung und die »Zerschlagung des Marxismus«; außenpolitisch die Vorbereitung einer neuen Expansionspolitik.

Das Bündnis mit der NSDAP war das Mittel, um beide Ziele in Angriff zu nehmen. Die Dokumente über jeden wichtigen Schritt dieser Annäherung und der Zusammenarbeit bis 1945 liegen vor.

Daß die herrschende Geschichtswissenschaft dieses ständig anwachsende Dokumentenmaterial systematisch ignoriert und sich statt dessen auf Spekulationen über das Denken, Wollen und Fühlen Hitlers konzentriert hat, ist ein Tatbestand, der selber der wissenschaftlichen Erklärung bedarf.

Wenn man bedenkt, daß diese Historiker größtenteils selbst den Faschismus unterstützt hatten, daß sich noch heute ein junger Historiker mit größter Wahrscheinlichkeit seine Karriere ruiniert, wenn er den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus untersucht, und daß die herrschende Ideologie darauf abgestellt ist, daß es die großen Männer sind, die die »Geschichte machen«, so hat man einige Elemente einer solchen Erklärung.

Das strukturell wichtigste Element aber ist wohl, daß die gleichen mächtigen Interessen, deren maßgebliche Mitwirkung an der faschistischen Politik dokumentarisch erwiesen ist, auch jetzt wieder maßgeblichen ökonomischen (und damit auch politischen und publizistischen) Einfluß besitzen -- und übrigens die Vorzüge diktatorischer Systeme wieder erörtern, zum Beispiel anläßlich der Errichtung der Diktatur in Chile.

Marburg PROF. DR. REINHARD KÜHNL* Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Philips-Universität

* Verfasser unter anderem von »Die NS-Linke 1925 bis 1930« (Meisenheim 1966); »Formen bürgerlicher Herrschaft -- Liberalismus und Faschismus« (rororo aktuell, 1971); »Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten« (Köln 1975); »Die Zerstörung der Weimarer Republik (Köln 1977), zusammen mit G. Hardach (Hg.).

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