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LUFTFAHRT Schon wieder JAL

Japan Air Lines in der Krise - die Regierung in Tokio will aus dem Pannen-Unternehmen aussteigen. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Im Cockpit des Boeing 747-Jumbos der Japan Air Lines (JAL) auf dem Weg von Tokio nach Paris blinkte kurz vor der Zwischenlandung in Anchorage (Alaska) plötzlich ein rotes Warnlicht auf: Eine der Bordtüren war offensichtlich nicht richtig geschlossen. Die Ursache des Alarms war schnell gefunden: An einer Tür im Heck der Maschine war der Griff ohne ersichtlichen Grund in die »Offen«-Stellung gefallen.

Die Besatzung behalf sich mit einer improvisierten Reparatur: Eine Stewardeß zog den Türgriff wieder nach oben und befestigte ihn mit Klebeband. Der Jumbo landete wenig später sicher in Anchorage.

Dort ergab eine Untersuchung, daß eine Gefährdung der Flugsicherheit nicht vorliege. Der Jumbo durfte seinen Flug nach Europa fortsetzen.

Das Klebeband hielt nicht lange. Mehrmals fiel der Türgriff unterwegs in die »Offen«-Stellung, mußte erneut fixiert werden. Trotzdem ging die Maschine auch am folgenden Tag wieder in die Luft - für den rund 20stündigen Flug zurück ins heimatliche Tokio.

»Natürlich legen wir großen Wert auf Sicherheit«, hatte kurz vor dem Zwischenfall JAL-Präsident Yasumoto Takagi vor seinen Managern verkündet. »Sie steht an oberster Stelle unserer Prioritätenliste.« Es klang wie purer

Hohn. Denn daß mit der Tür etwas nicht stimmte, hätten JAL-Techniker und Crew wissen müssen: Am Tag zuvor war das Scharnier auf dem Flughafen von Sydney an einer Rampe beschädigt worden. Nach eiliger Behelfsreparatur ging's dennoch über den Pazifik. Einzige Vorsichtsmaßnahme: 75 Passagiere, mit Plätzen in Türnähe, wurden auf einen anderen Flug umgebucht.

Derlei Schlampereien, so scheint es, sind bei der JAL nicht ungewöhnlich. Vor vier Wochen erst warf eine JAL-Hausgewerkschaft den Managern vor, deren »höchstes Streben« gelte »dem Profit«, deshalb sei eine »Vernachlässigung der Flugsicherheit« nicht auszuschließen.

Der Vorwurf wirkt jetzt besonders makaber. Denn Mitte August, knapp eine Woche vor dem Klebeband-Flug, war JAL von dem zweitschwersten Unglück in der Geschichte der zivilen Luftfahrt getroffen worden: Auf dem Flug von Tokio nach Osaka riß bei einem Jumbo ein Teil des Leitwerks ab, die Maschine zerschellte in den Bergen, 520 Menschen kamen ums Leben.

Materialermüdung, so hieß es offiziell, könne den Absturz verursacht haben - schließlich habe der Unglücksjumbo schon gut 25 000 Flugstunden Dienst getan. Mangelhafte Wartung, spekulierten dagegen japanische Zeitungen, sei für die Katastrophe verantwortlich: Vor sieben Jahren hatte die Maschine einen Unfall auf dem Flughafen Osaka gehabt und war mit dem Heck auf die Rollbahn geknallt. Nur die sichtbar beschädigte Unterseite der Maschine sei damals repariert oder ausgewechselt worden. Auf Materialschwäche im Oberteil, Haarrisse zum Beispiel, habe niemand geachtet.

Als das Tokioter Verkehrsministerium eine sofortige Untersuchung aller in Japan zugelassenen Boeing 747 anordnete, kam Erstaunliches zutage: Von 21 inspizierten JAL-Maschinen wiesen 16 am Heck Mängel auf - Rostlöcher, Risse im Leitwerk, gebrochene Bolzen.

Zwar beschwichtigte Shiro Oshima von der Luftfahrtbehörde, diese Mängel seien nicht so gravierend, als daß sie »direkt zur Vernichtung der Flugzeuge« führten. Doch das Ministerium ermahnte die JAL gleichwohl, ihre Wartungsmethoden zu »überdenken«.

JAL-Präsident Takagi, der seinen Rücktritt angeboten hat, mußte sich böse Worte gefallen lassen. »Nicht nur der Präsident sollte zurücktreten«, wetterte Verkehrsminister Tokuo Yamashita, »sondern das gesamte Management.« Denn: »Die indirekte Ursache für die Katastrophe liegt in der Organisation einer Gesellschaft, bei der die Menschen mit jedem neuen Unfall aufschreien: 'Schon wieder JAL!'« Der Minister ist der oberste Dienstherr der JAL-Flieger, da der Staat mit rund 35 Prozent das größte Aktienpaket der Gesellschaft hält.

Aus der 33jährigen Geschichte der Japan Air Lines läßt sich eine Horrorliste von Unfällen zusammentragen, die eher an Exoten gemahnt denn an die nationale Fluggesellschaft eines der führenden Industriestaaten der Welt: *___1968 verfehlte ein JAL-Passagierjet den Flughafen von ____San Francisco und plumpste in die seichten Küstenwasser ____des Pazifik. Urteil des ____US-Verkehrssicherheitsausschusses: Piloten-Fehler. *___1972 verlor die JAL gleich fünf Maschinen. In jedem ____einzelnen Fall kamen die Untersuchungsbehörden zu dem ____Schluß: Piloten-Fehler. *___1982 steuerte Flugkapitän Katagiri in einem Anflug ____geistiger Umnachtung seine mit 174 Passagieren besetzte ____DC-8 in die Bucht von Tokio. 24 Menschen starben, rund ____80 wurden schwer verletzt.

»Wenn wir die Unfälle überprüfen«, erklärte der Verband der JAL-Gewerkschaften, »kommen wir zu dem Schluß, daß der eigentliche Grund hierfür im Unternehmen selbst zu suchen sein dürfte.«

So ist es wohl. Hauptursache für die gänzlich unjapanische Schlampigkeit, so vermuten Experten, sei die überstürzte Expansion der JAL: Kaum eine Fluggesellschaft hat sich so rasch und machtvoll ausgeweitet wie JAL. Nachlässigkeiten bei der Sicherheit konnten da nicht ausbleiben. Als die »Königin der Zivilluftfahrt« (so Tokios »Asahi Shimbun") Anfang der 70er Jahre voll ins Jumbo-Geschäft einstieg, mußten unerfahrene Jungpiloten die Hauptflotte der DC-8-Maschinen fliegen. Mehrere Unfälle waren die fast zwangsläufige Folge.

Mittlerweile ist JAL zur größten Fluggesellschaft in der IATA aufgestiegen. Die Japaner transportieren die meisten Passagiere die meisten Kilometer, sie befördern mehr Fracht als jede andere Passagier-Linie. JAL unterhält mit 48 Boeing 747 die größte Jumbo-Flotte der Welt. Neun dieser Maschinen sind Sonderanfertigungen nur für den japanischen Inlandsverkehr: Sie fassen bis zu 550 Passagiere.

Um das Leistungssoll zu erreichen, wird jeder verfügbare Pilot gebraucht - auch der angeblich »äußerst erfahrene« Captain Katagiri, der sich kamikazegleich in die Tokioter Bucht stürzte, obgleich die JAL-Führung seit Jahren wußte, daß der Mann psychisch schwer krank war. »Es ist kaum zu glauben«, meint ein Lufthansa-Manager, »daß JAL trotz allem ein so gutes Image hat. Selbst Skandale scheinen sie bisher nicht stoppen zu können.«

Japan Air Lines setzt jedenfalls ungerührt auf Erfolgskurs: In den nächsten zwei Jahren werden sieben weitere Jumbos in Dienst gestellt, neue Routen nach Europa sollen eröffnet werden. Bis 1988 will die Gesellschaft ihren Jahresprofit auf 500 Millionen Mark hochschrauben - das Zehnfache des jetzigen Ertrags.

Gut möglich allerdings, daß sich die JAL-Manager mit ihren ehrgeizigen Plänen diesmal übernehmen. Denn die jüngste Jumbo-Katastrophe macht JALs Gewinnerwartungen zunächst einmal zunichte: An die Hinterbliebenen der Opfer wird Japan Air Lines rund 800 Millionen Mark an Entschädigung zahlen müssen. Der Hauptaktionär glaubt jedenfalls nicht an die schönen Erfolgsprognosen: Die Regierung in Tokio will sich von ihrem Aktienpaket trennen und die Skandalfirma ganz privatisieren.

Mehr noch: Ab 1986 darf JALs Inlandkonkurrent, die private All Nippon Airways, auch international fliegen, ohne daß JAL neue Inlandrouten erhalten würde.

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