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GRENZZWISCHENFALL Schräge Augen

aus DER SPIEGEL 12/1964

Gegen 13.30 Uhr war, die Maschine auf dem französischen Nato-Flugstützpunkt Toul-Rosières gestartet. Knapp 30 Minuten später meldete sich die Besatzung aus dem Raum westlich Hannovers.

Um 14.45 Uhr bemerkten die Radar -Beobachter der Nato-Luftüberwachung,

daß die Maschine - ein unbewaffneter Aufklärer vom Typ RB-66 B - weiter in Richtung Sowjetzone flog. Vergeblich versuchten sie, die Flugzeugbesatzung über Sprechfunk zu warnen.

»Es scheint«, erklärte Oberst Mark Gilman vom US-Luftwaffenhauptquartier in Wiesbaden, »daß die Maschine durch falsche Funksignale irregeleitet wurde und daß Störsender (radio jamming) unsere Warnrufe für die Besatzung unverständlich machten.« Um 15.01 Uhr überflog die Maschine in der Nähe von Helmstedt die Zonengrenze, Minuten später stürzte sie bei Gardelegen, 25 Kilometer östlich der Zonengrenze, nach einem Feuerstoß sowjetischer MIG -Jäger zu Boden.

Zum zweitenmal innerhalb weniger Wochen - 42 Tage nach dem Abschuß des US-Düsentrainers T-39 - wurde damit ein amerikanisches Militärflugzeug Opfer des elektronischen Nervenkrieges, der sich allenthalben im Luftraum über den Grenzen des roten Machtblocks abspielt. Unablässig versuchen Ost und West, mit Spürflugzeugen die Radarstationen und Funkfeuer des Gegners zu orten, seine Luftabwehr abzutasten und die durchlässigen Stellen auszumachen. Daß im Zuge solcher Aktionen hochempfindliche Spionage-Kameras über die Grenzen lugen, ist längst zur Routine geworden.

Verletzungen des gegnerischen Luftraums sind dabei nahezu an der Tagesordnung. In den Jahren 1961 bis 1963 kam es allein im Nato-Befehlsbereich Mitte 77mal vor, daß westliche Flugzeuge die Ostblockgrenze überflogen. Aber noch öfter - seit 1961 mindestens 95mal - registrierten westliche Radarstationen sowjetische Flugzeuge im Nato-Luftraum.

Auch den westdeutschen Grenzwächtern, die im niedersächsischen Grenzgebiet Dienst tun, ist der Anblick einfliegender Sowjet-Maschinen nicht ungewohnt.

Die Kondensstreifen der in großen

Höhen fliegenden Sowjet-Maschinen verraten auch dem Beobachter ohne Fernrohr, welchen Weg die Eindringlinge nehmen: Nicht selten reichen die Ausflüge bis zur Porta Westfalica, rund 140 Kilometer westlich der Zonengrenze - so weit, als würden US-Flugzeuge über Leipzig hinwegkurven.

Zumindest die Amerikaner haben indes keinen zwingenden Grund, sich so weit vorzuwagen, um das östliche Hinterland der Zonengrenze zu erkunden. Die überaus empfindlichen und hochgezüchteten optischer Geräte, die in amerikanische Aufklärungsflugzeuge eingebaut sind, erlauben Einblicke über Hunderte von Kilometern hinweg, ohne daß die Maschine den Eisernen Vorhang überfliegen müßte.

Weitwinkelkameras etwa, wie sie im Rumpf des US-Fernaufklärers U-2 installiert sind, erfassen aus 20 Kilometern Flughöhe einen Geländestreifen von rund 700 Kilometern Breite: Eine U-2, die an der Zonengrenze entlangfliegen würde, könnte mit einem einzigen Flug die gesamte Sowjetzone und noch Teile Polens photographieren.

Ähnlich reichhaltige Bildausbeute liefern Schrägbildkameras schon aus beträchtlich geringerer Höhe. Solche Schrägaugen, wie sie beispielsweise auch bei dem Flugzeugtyp RB-66 seitlich in die Bordwand eingelassen sind, können schon aus einer Flughöhe von 10 Kilometern die ganze Sowjetzone überblicken.

Aber auch aus den Luftkorridoren zwischen Westberlin und der Bundesrepublik, in denen die Flughöhe auf 3000 Meter begrenzt ist, können die Werften in Rostock ebenso plastisch und scharf photographiert werden wie die Hydrieranlagen der Leuna-Werke an der Saale: Panorama-Kameras, vor deren Linsensatz ein Doppelprisma rotiert, liefern Luftaufnahmen, die - mit einem Blickwinkel von 180 Grad - von Horizont zu Horizont reichen.

Über insgesamt sieben derartige Weitwinkel-, Schrägsicht- und Panorama-Kameras verfügt beispielsweise die RF-101 C ("Voodoo"), der Standard -Aufklärer der US-Luftwaffe. Voodoos, wie sie auch auf dem Nato-Flugstützpunkt Ramstein/Pfalz stationiert sind, waren es, die im Herbst 1962 schattengleich mit anderthalbfacher Schallgeschwindigkeit über die Palmenwipfel der Zuckerinsel Kuba hinweghuschten und den Raketenstützpunkt Chruschtschows entblößten wie eine nackte Badeschönheit in einem Schwimmbassin« (so damals »Time"): Selbst die Schrauben der auf Kuba stationierten Flak waren auf den stereoskopischen Luftaufnahmen noch deutlich erkennbar.

Die Späher der Nato vermögen sogar in mondscheinloser Nacht noch zu sehen - mit einer von dem amerikanischen General-Electric-Konzern für die Nachtaufklärung entwickelten Fernsehkamera oder mit Hilfe von Radar.

So ist beispielsweise eine besondere Gruppe der US-Luftwaffe - im Militärjargon »Frettchen« (Ferrets) genannt - eigens damit beauftragt, den sowjetischen Radar-Gürtel zu erkunden. Sie ermitteln, mit welchen Wellenlängen die roten Radargeräte arbeiten, wo sie stationiert und zu welchen Stunden sie gewöhnlich in Betrieb sind.

Die Frettchen können zudem Peilhilfen und Funkleitfeuer jenseits des Eisernen Vorhangs orten, nach denen sich die sowjetischen Flugverbände orientieren. Und sie können sie - durch gezielte elektronische Störmanöver - zugleich so empfindlich durcheinanderbringen, daß sowjetische MIGs vom Kurs abkommen.

Geschieht dergleichen beispielsweise nahe der Zonengrenze, so genügen bei den hohen Geschwindigkeiten moderner Kriegsflugzeuge schon wenige Minuten, und die irregeleitete Sowjetmaschine befindet sich tief in der Bundesrepublik.

Bislang freilich konnten Sowjetflugzeuge, denen solches Mißgeschick widerfahren war, unbehelligt wieder in die Sowjetzone zurückkurven.

Daß auch die über Gardelegen abgeschossene amerikanische RB-66 durch ein derartiges elektronisches Störmanöver vom Kurs abgelenkt wurde, hält US-Luftwaffensprecher Gilman zumindest »nicht für ausgeschlossen«.

Gilman: »Solange wir die Möglichkeit haben, so etwas zu tun - und wir tun es -, so lange müssen wir annehmen, daß die andere Seite es auch tun kann.«

US-Aufklärungsflugzeug RB-668: Falsche Signale aus dem Osten?

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