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Schreck oder Hoffnung der Bürger?

aus DER SPIEGEL 42/1972

Sozialismus ist nicht die Losung, die über den Ausgang der Bundestagswahl entscheidet. Weder lockt noch schreckt das Wort so viele Wähler, wie in Bonn vermutet wird.

Für ein geeignetes Thema im Wahlkampf halten es SPD wie CDU. Willy Brandt sprach Ende August vom demokratischen Sozialismus, den die SPD anstrebe, und brachte ihn in Zusammenhang mit Freiheit und Gerechtigkeit. Solche CDU-Wahlkämpfer wie Baden-Württembergs Hans Filbinger reden von der Gefahr des Sozialismus, der Zwang und Unfreiheit bedeute.

Bei der Wähler-Untersuchung, die das Marplan-Institut im vergangenen Monat für den SPIEGEL durchführte, galten zwei Fragen diesem Thema (siehe Graphik).

Zwei Drittel der deutschen Wähler sind davon überzeugt, daß der Sozialismus das Ziel der SPD ist. Diese Mehrheit ist nahezu unabhängig von sozialer Schicht und politischer Einstellung.

Aber je nach Sympathie für den Sozialismus teilen sich die Deutschen in zwei etwa gleich große Lager. Wirklichkeitsfremd denkt, wer etwa die Gutsituierten größtenteils zu den Gegnern, die Unterprivilegierten allesamt zu den Anhängern des Sozialismus zählt. Unter den Deutschen mit Abitur gibt es mindestens ebenso viele Sozialismus-Sympathisanten wie unter den ehemaligen Volksschülern, und die Höhe des Einkommens ist in dieser Frage (wie in anderen) kein Kriterium mehr für die politische Einstellung.

Bei den Selbständigen und bei den Landwirten gibt es zwar Mehrheiten gegen, bei den Arbeitnehmern Mehrheiten für den Sozialismus. Aber die andersdenkenden Minderheiten sind hier wie dort groß.

Viel enger ist der Zusammenhang zwischen der Einstellung zu den Parteien und der Haltung zum Sozialismus. Zufällig entsprechen sich die Zahlen genau: Für 69 Prozent der SPD-Wähler ist Sozialismus sympathisch, für 69 Prozent der CDU/CSU-Wähler unsympathisch.

Die unentschlossenen Wähler sind in diesem Punkt den CDU-Sympathisanten ähnlicher als den SPD-Anhängern. Auch bei ihnen ist eine

allerdings nicht so große -- Mehrheit dem Sozialismus gegenüber kritisch eingestellt.

Doch wie sich der Wahl-Streit um den Sozialismus auf diese Wähler auswirkt, läßt sich kaum vermuten. Es gibt wohl keinen anderen politischen Begriff, bei dem die Vorstellungen der Bürger so weit streuen. Für jeweils eine Minderheit bedeutet er (wie eine andere Untersuchung ergab) entweder sozialen Fortschritt oder Enteignung nach Ost-Beispiel, oder ein fernes Ziel oder aber nicht viel mehr als nichts.

Die SPD-Chance liegt darin, den Begriff positiv zu füllen. Denn daß sie »um soziale Gerechtigkeit bemüht« ist, meint eine Zweidrittel-Mehrheit der Wähler.

Die Chance der Unions-Parteien liegt darin, den Begriff zu belasten. Rund die Hälfte der Wähler ist überzeugt, daß die SPD »sich gegenüber Radikalen nicht genug abgrenzt«, daß »die Jungsozialisten zuviel zu sagen haben« und daß die SPD »zu viele Experimente macht«.

Für manche noch unentschlossene Wähler ist die SPD einerseits die Partei der sozialen Gerechtigkeit, andererseits die Partei der sozialistischen Experimente. Diese Wähler werden Argumenten der einen wie der anderen Seite zugänglich sein.

Aber es handelt sich um eine kleine Gruppe. Für den größeren Teil der Unentschlossenen hat die Preisstabilität bei ihrer Wahlentscheidung ein so hohes Primat, daß der Sozialismus-Streit sie ziemlich gleichgültig läßt.

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