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»Schreckgespenst für Europa«

aus DER SPIEGEL 31/1992

Es waren die Bilder im Fernsehen vom Flüchtlingselend und dem Krieg in Bosnien-Herzegowina. Als dort das Schicksal einer Mutter mit zwei Kindern aus einem Lager bei Salzburg beschrieben wurde, hielt es die Münchner Geschäftsfrau Birgit Prosker nicht länger aus.

Spontan fuhr sie zur Ausländerbehörde und unterschrieb eine Erklärung, daß sie sämtliche Kosten für diese Familie übernehmen wolle. Mit den nötigen Papieren und Stempeln eilte sie nach Salzburg und holte die Mutter mit ihren Kindern auf ihren Bauernhof in Niederaichbach bei Landshut.

Von Tag zu Tag vergnügter spielen die Kinder nun im Obstgarten. Ihre Mutter, deren Mann in Bosnien erschossen wurde, erholt sich ein wenig vom Schock des Krieges.

Doch die achtjährige Tochter bekam Zahnschmerzen und mußte zum Arzt. Auch das Gebiß der 30jährigen Mutter habe »arge Löcher«, sagt Birgit Prosker: »Ich mag da gar nicht mehr hingucken.« Langsam wird die Gastfreundschaft teuer, denn eine Renovierung des Gebisses kann »in die Tausende gehen«, befürchtet Birgit Prosker.

»Seit dem Zweiten Weltkrieg«, klagte Regierungssprecher Dieter Vogel, habe »Europa eine solche Flüchtlingskatastrophe nicht mehr erlebt«. Rund 2,4 Millionen Menschen sind im zerfallenen Jugoslawien auf der Flucht - zur Zeit vor allem Moslems aus Bosnien. Tausende von Deutschen wollen helfen, bieten ihre Gartenhäuschen oder Wohnzimmer als Zuflucht an, wollen Geld spenden oder Kinder aufnehmen.

Doch dabei werden sie von der Bundesregierung mit den Kosten allein gelassen. Katastrophenhilfe als Privatsache sei eine »sozialpolitische Ungeheuerlichkeit«, kritisiert Herbert Leuninger, 59, Sprecher der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl.

Erst in der vergangenen Woche hat sich die Bundesrepublik nach zähem Feilschen dazu entschlossen, 5000 Bosnier auf Staatskosten ins Land zu holen - wenige und spät.

Die Bonner fürchten »eine nicht mehr steuerbare Einwanderungswelle« (Innenminister Rudolf Seiters), eine Stampede über die deutschen Grenzen hinweg. Außerdem werden viele Bosnier, anders als Kroaten oder Slowenen, auch nach dem Krieg in Deutschland bleiben müssen. Denn ihr Land wird es dann zumindest in der jetzigen Größe wohl nicht mehr geben.

Trotzdem rollt eine Welle der Hilfsbereitschaft durch das Land: Aufgeschreckt von den Bildern verwundeter Kinder und geschundener Mütter, bestürmen die Deutschen die Hilfsorganisationen.

Die Münchner Caritas etwa hat am Dienstag eine Telefonnummer für die Bosnien-Hilfe veröffentlicht. Seither kommen die beiden deutschsprachigen Mitarbeiterinnen Dubravka Nikolic und Vanja Ciric kaum noch zur Ruhe. Die Anrufer möchten vor allem kleine Kinder aufnehmen: »Wir brauchen aber auch Platz für ganze Familien«, sagt Dubravka Nikolic.

In Schleswig-Holstein wurden Bürgertelefone eingerichtet. In Hamburg überforderte die Hilfsbereitschaft anfangs Arbeiterwohlfahrt und Caritas, die zunächst nicht genug Leute für den Telefondienst hatten.

In Berlin sammeln die Tageszeitung und die Grünen gemeinsam in einer »Aktion Fluchtweg« die Adressen von Familien, die Flüchtlinge aufnehmen wollen. Im westfälischen Minden hat der »Bund für soziale Verteidigung« schon rund 1000 Hilfswillige beisammen. Eine ähnliche Aktion des Bayerischen Rundfunks sei, so Musikjournal-Chefin Brigitte März, ebenfalls »ein voller Erfolg": Bis zum Wochenende hatten sich schon genug Bayern gemeldet, um 2000 Flüchtlinge unterzubringen.

»In solchen Situationen kann man nicht lange fackeln«, sagt Rupert Neudeck, 53, Chef des Notärzte-Komitees »Cap Anamur«, »da muß man los.« Die Hilfsorganisation, gegründet 1979 zur Rettung vietnamesischer Bootsflüchtlinge, hat einen dänischen Frachter gechartert, 800 Tonnen Wasser, Lebensmittel und Medikamente an Bord gebracht und Richtung Adria geschickt.

Dort soll die »Cap Anamur XI« rund 450 Flüchtlinge aus dem Krieg holen. Erst derbe Bilder von Menschen in Not, kritisiert Neudeck, hätten die deutschen Politiker zum Handeln gezwungen. Die Empörung der Wähler sei oft »die einzige, die letzte Rettung«.

Mit einer winzigen Geste versucht Innenminister Seiters nun, das Volk zu beruhigen. »5000 - das ist ein Scherz«, sagt Tilman Zülch, 52, Vorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Völker. Das Kontingent der Bosnier, das die Bundesregierung ähnlich wie Asylbewerber nach festgelegten Quoten über die Bundesländer verteilt, reiche längst nicht aus: »Wenn Serbien so weitermacht, haben wir bald rund 3,2 Millionen potentielle Flüchtlinge.« Wären die deutschen Grenzen offen, so schätzt Zülch, »kämen 100 000 bis 200 000 Bosnier«.

Doch ohne Visum will die Bundesregierung auch weiterhin keinen von ihnen ins Land lassen. Stundenlang warten Flüchtlinge etwa vor dem deutschen Generalkonsulat in Salzburg und hoffen auf den rettenden Stempel. Voraussetzung dafür bleibt eine Einladung von Freunden oder Verwandten in Deutschland.

Wer eine Familie retten und auch für sie zahlen will, muß den Ausländerbehörden eine Arbeits- und Verdienstbescheinigung zeigen und ausreichend Geld und Wohnraum - in Hamburg zum Beispiel zehn Quadratmeter pro Person - nachweisen.

Selbst wenn all das vorliegt, sind die Flüchtlinge an der Grenze nicht sicher vor Schikanen. So wiesen deutsche Grenzer Bosnier ab, weil deren Namen auf der amtlichen Einladung, die an die Grenze gefaxt wurde, nicht korrekt geschrieben waren. Andere Flüchtlinge wurden nach Österreich zurückgeschickt zum Geldwechseln; sie hatten die Visa-Gebühren nicht passend.

Immerhin stellten die Grenzer seit Mai täglich rund 660 dieser Visa aus - pro Woche nehmen Privatleute still fast so viele Flüchtlinge auf, wie die Bundesrepublik nun mit großem humanitärem Tamtam. Doch das Verfahren ist den Beamten bei den Landesbehörden, die private Einladungen begutachten müssen, ein Greuel. Die Sachbearbeiter der Hamburger Visa-Stelle haben »das Elend täglich vor den Türen sitzen«, sagt der kommissarische Abteilungsleiter Kai Schüler.

Immer häufiger kommen Antragsteller in schwarzer Trauerkleidung aufs Amt, »Männer und Frauen mit verweinten _(* Mit Kindern und Kusine, vor ihrer ) _(notdürftigen Unterkunft in einer ) _(Hamburger Schrebergarten-Kolonie. ) Gesichtern« (Schüler), die bereits Angehörige im Krieg verloren haben und nun wenigstens die Überlebenden retten wollen. Die Visumpflicht zur Abwehr des Flüchtlingsstroms sei, so Schüler, »ein zynisches Kalkül«.

Hilfsbereite Gastgeber müssen sich oft nicht nur mit finanziellen Problemen herumschlagen, sondern auch mit Vermietern und Nachbarn. Hausbesitzer drohen wegen der Überbelegung vielfach mit sofortigem Rausschmiß.

Viermal hatte Mirsada Saracevic, 34, in der von Serben umzingelten Stadt Sarajevo die Wohnung gewechselt. Mit ihren Kindern Sandi, 12, und Fuad, 9, sowie einer Kusine zog sie auf der Flucht vor Granaten und Scharfschützen von Stadtteil zu Stadtteil. In einem überfüllten Reisebus schlugen sie sich dann durch nach Hamburg und schlüpften im Gartenhäuschen von Verwandten unter.

Saracevics Ehemann, ein bosnischer Polizist, blieb zurück, um zu kämpfen. Heute liegt er lebensgefährlich verletzt in einem Keller in Sarajevo, zusammen mit bosnischen Soldaten.

Nun sollen Mirsada Saracevic und die Kinder raus aus ihrer Notbehausung. Die Nachbarn im Schrebergarten wollen Polizei und Behörden rufen. Das Bewohnen der Datschen, so die Vereinsregel der Kleingärtner, ist verboten.

Was jetzt werden soll, weiß niemand. »Eine Zukunft«, sagt Mutter Saracevic verzweifelt, »gibt es nicht. Nicht hier und dort auch nicht.«

Der bosnische Taxi-Unternehmer Goran Cerinsek, 36, lebte mangels Unterkunft gar drei Wochen lang in einem Hamburger Park nicht weit vom Bahnhof Altona - zusammen mit seiner Frau Fatima, 35, und den beiden Kindern.

In der Nacht hielten sie sich aus Furcht vor Überfällen mit Gesprächen wach. Mutter Fatima hoffte, Polizisten würden nicht nur an ihnen vorbeischlendern, sondern »uns einfach verhaften«.

Trotz der Unsicherheit versuchte sie, so etwas wie ein geregeltes Familienleben aufrechtzuerhalten: gemeinsames Frühstück auf der Wiese mit Brot, Quark und Leberwurst, Morgentoilette für 50 Pfennige pro Person im Bahnhofsklo, Spaziergänge in der Stadt. Jetzt haben die Cerinseks einen Asylantrag gestellt. So muß das Land ihnen eine Bleibe verschaffen.

Um der Vertreibung aus Deutschland zumindest vorläufig zu entgehen, beantragen Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien zu Tausenden politisches Asyl. Fast 62 000 waren es in den ersten fünf Monaten des Jahres, rund 40 Prozent aller Asylbewerber. Das größte Kontingent stellen zur Zeit die Bosnier.

Während Slowenen und Kroaten ohne große Formalitäten einreisen durften, läßt die Visumpflicht den Bosniern kaum eine andere Chance als das Asylverfahren. Die Bonner Politik erklärt sich der niedersächsische Bundesrats- und Europaminister Jürgen Trittin damit, daß »die Bosnier Moslems sind - ein Schreckgespenst für die Festung Europa«.

Vor allem aber fürchten Politiker, daß die Bosnier massenweise im Westen bleiben könnten. Denn die Flucht sei diesmal nicht nur das Ergebnis der Kämpfe, so Sadako Ogata, Uno-Hochkommissarin für Flüchtlingsfragen, sondern das Ziel der serbischen Angriffe auf Bosnien-Herzegowina.

Der Moslem Vernes Besic, 28, flüchtete zusammen mit seiner Frau Vesna, 25, und Baby Ena vor etwa einer Woche per Bus nach München. Sie stammen aus Zenica, 60 Kilometer nordwestlich von Sarajevo.

In München kam die Familie zunächst mit Hilfe einer Freundin in einem Krankenhaus unter. Dort gab es prompt Ärger mit der Verwaltung. Nun will die Caritas die drei auf dem Land unterbringen. Wie die meisten Bosnier sieht Vernes Besic keine Chance, jemals zurückzugehen: »Unsere Wohnung haben die serbischen Nachbarn längst geplündert und abgefackelt.«

Manche haben sich schon in Deutschland eingelebt. Kurz nachdem die Serben Bosnien angriffen, hat etwa Hasema Bristina, seit 20 Jahren hier, ihre Verwandten geholt: die Schwester, den Bruder, zwei Schwägerinnen, deren drei Kinder und den alten Vater.

Die neun Bosnier leben jetzt in einem kleinen Häuschen in Rottenburg-Kiebingen, zusammen mit Hasema Bristinas Vermieterin Augusta Geiger, 82. »Ich kann''s nicht verantworten, daß ich sag'', sie soll die Leute wieder dahin schicken, wo sie die geholt hat«, sagt die alte Frau Geiger, »wenn mir''s so gehen würde und meine Eltern würden kommen, ich würde sie ja auch aufnehmen.«

Mit ihrer neuen Mieterschar ist sie zufrieden: Der Herd in der Küche ist schwäbisch blank poliert, das Bad glänzt, im Wohnzimmer liegt nur das Buch herum, mit dem Mohammed Opardija, 28, Deutsch lernt. Eine der Schwestern geht putzen, die anderen Frauen haben im Garten Kartoffeln und Bohnen zur Selbstversorgung gepflanzt.

Von ihrem Heimatdorf Donji Vakuf ist nicht mehr viel übrig: »Serbische Soldaten, viele«, sagt Opardija, »erst Bombe, große Gewehre, Panzer fahren. Alles kaputt, fünf Häuser, alles weg.«

Die bosnischen Flüchtlinge, meint Menschenrechtler Zülch, »werden hier Vertriebenenverbände einrichten. Die werden aber nicht so harmlos sein wie unsere Vertriebenen«. Zülch kann sich gar »Bomben gegen serbische Einrichtungen« vorstellen.

Wer die Flüchtlinge aufnehme, so rechtfertigt Innenminister Seiters das Mauern der Bundesregierung, der unterstütze die serbische Vertreibungspolitik. »Wir sind kein Einwanderungsland«, sagt weniger zynisch sein Sprecher Franz-Josef Hammerl, »wir können nicht Flüchtlinge aller Bürgerkriegsländer dieser Welt aufnehmen.«

Mit den 5000 Bosniern, so hofft der optimistische Pro-Asyl-Sprecher Leuninger, habe die Bundesregierung nun einen »Rückzug in Raten« von ihrer »Abschottungspolitik« eingeleitet: »Die steht unter Zugzwang.«

Das haben die Flüchtlinge aufmuckenden Landespolitikern zu verdanken. So rügte etwa der Landtagsabgeordnete Karsten Knolle, CDU-Mann aus Sachsen-Anhalt, die »unsägliche Flüchtlingsbürokratie« seiner Parteifreunde in _(* In Salzburg. ) Bonn: »Deutschland blamiert sich bis auf die Knochen.«

Druck machten vor allem die Innenminister der Länder. Besonders heftig setzte der Nordrhein-Westfale Herbert Schnoor (SPD) seinem Bonner Kollegen Seiters zu.

Ende Mai hatte die Innenministerkonferenz noch gekuscht; sie stimmte dem Erhalt des Visumzwangs für Bosnier zu. »Von einer weiteren Öffnung«, schrieb Schnoor vor zwei Wochen dann an Seiters, hätten die Länder aber nur abgesehen, »um den Bemühungen der Bundesregierung um eine europäische Solidaraktion nicht den Boden zu entziehen«. Deshalb, so Schnoor, »habe ich auch öffentlich Verständnis für Ihre Auffassung geäußert, die Visumpflicht beizubehalten«.

Da aber die Regierung mit ihrer flehentlichen Bitte um Aufnahme von Flüchtlingen bei den anderen europäischen Ländern offensichtlich auflaufe, müsse Deutschland vorerst allein handeln. Als Seiters immer noch stur blieb, gab Schnoor seinen Beamten das Kommando, Flüchtlinge nach Nordrhein-Westfalen zu holen. Denn deren Elend erinnere ihn an die »Juden, die während des Dritten Reiches in die Schweiz und in andere Länder wollten und oft an den Grenzen abgewiesen wurden«. Erst nach dem angedrohten Alleingang lenkte Bonn ein.

In den vergangenen Tagen bereiteten die Bundesländer zügig die Aufnahme der Flüchtlinge vor. Die Hessen etwa haben sich von der Bundesregierung eine leerstehende US-Kaserne in Hanau ausgeliehen.

Die Stadtverwaltung von Hannover hat das Bierzelt »Zum Herrenhäuser« gemietet, um Platz für 500 Menschen zu schaffen. Das Zelt ist übriggeblieben vom größten Schützenfest der Welt, das vor gut zwei Wochen zu Ende ging. Die Hamburger Behörden haben für ihren Anteil der Kriegsflüchtlinge Wohnwagen vom Typ »Adria« gemietet.

Auch der Berliner Senat glaubt, die Flüchtlinge problemlos unterbringen zu können. Daß die Bosnier kommen, sei, so Sozial-Staatssekretär Armin Tschoepe, 53, »kein Grund zur Panik«.

* Mit Kindern und Kusine, vor ihrer notdürftigen Unterkunft in einerHamburger Schrebergarten-Kolonie.* In Salzburg.

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