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USA/PERSIEN Schrecklich gelitten

Mit Reagans Hilfe wollten die Amerikaner die Schmach der Geisel-Affäre von Teheran verdrängen. Doch nun gibt es neue Enthüllungen über die Hintergründe.
aus DER SPIEGEL 23/1981

Als Hamilton Jordan, der wichtigste Berater des Präsidenten Carter, die Nachricht aus dem Außenministerium erhielt, kamen ihm schlagartig zwei Gedanken: »Mein Gott, das kann Krieg bedeuten« und: »Welchen Einfluß wird dies auf den Wahlkampf haben?«

Die Nachricht, übermittelt in den Morgenstunden des 4. November 1979: Iranische »Studenten« hatten die US-Botschaft in Teheran besetzt.

In Jimmy Carter, der den Tag auf seinem Landsitz Camp David verbrachte, rief die Alarmmeldung eine alptraumhafte Vision hervor: »Ich sah, wie die Revolutionäre die Geiseln in der Botschaft gefangen hielten und wie sie jeden Morgen bei Sonnenaufgang eine von ihnen erschossen, bis wir den Schah auslieferten oder ihrer Erpressung auf andere Art nachgaben.«

Zwar: Es gab keinen Krieg, die Geiseln wurden auch nicht erschossen, doch auf der Strecke blieben ein vernichtend geschlagener Jimmy Carter und eine gedemütigte Supermacht, die nur allzu bereit war, dem Appell ihres neuen Präsidenten Ronald Reagan zu folgen und die Schmach von Teheran durch globale Kraftakte zu verdrängen.

Diese simple Art der Vergangenheitsbewältigung wurde Mitte Mai von der »New York Times« ("NYT") durchkreuzt. Unter dem Titel »Amerika in Gefangenschaft« analysierte die Zeitung in einer Sonderausgabe ihres Sonntagsmagazins, was eigentlich Aufgabe der amerikanischen Regierung oder zumindest eines Kongreßausschusses gewesen wäre: »Die Stufen der Entscheidung in der Geiselkrise«.

Drei Monate lang hatte ein Team von »Times«-Redakteuren in einem »halben Dutzend Ländern«, bei gut vier Dutzend Politikern, Botschaftern und Bankiers nachrecherchiert. Das »Times«-Team bat amerikanische Militärs und Ärzte, iranische Studenten und israelische Geheimdienstler, sich an die Ereignisse zu erinnern, die am 16. Januar 1979 mit dem Abflug des Schah zu einem »ausgedehnten Urlaub« begannen und am 20. Januar 1981 mit dem Ausflug von 52 amerikanischen Geiseln aus Teheran endeten.

Der »Times«-Report, 40 000 Wörter lang, enthüllt Falschinformationen und Interpretationsfehler, denen Jimmy Carter zum Opfer fiel. Vor allem wird die monatelange Unfähigkeit der Carter-Regierung deutlich, im Iran die wahren Entscheidungsträger auszumachen.

»Todkrank« sei der auf seiner Exilodyssee mittlerweile im mexikanischen Cuernavaca angelangte Schah, lediglich »New York biete die medizinischen Möglichkeiten, sein Leben zu retten«, stand in dem Memorandum, das Außenminister Cyrus Vance am 19. Oktober 1979 an Präsident Carter sandte.

»Spontan« -- hieß es damals -- entschied Carter, den Schah zur ärztlichen Behandlung hereinzulassen. In Wahrheit jedoch war Carters als humanitärer Akt deklarierte Entscheidung in einem »medizinischen Notfall« der Höhepunkt einer monatelangen Lobby-Kampagne, die amerikanische Freunde des Schah aufgezogen hatten. Die Hauptakteure waren Ex-Außenminister Henry Kissinger, die Brüder Nelson und David Rockefeller, dessen Chase Manhattan Bank das Schah-Vermögen zu mehren suchte, sowie der greise Rechtsanwalt und Schah-Verehrer John McCloy, 86, einst US-Hochkommissar im Nachkriegsdeutschland.

Schon vor dem Auszug des iranischen Herrschers hatte Nelson Rockefeller, Vizepräsident unter Gerald Ford und persönlicher Freund Resa Pahlewis, versucht, für den Schah geeignete Refugien ausfindig zu machen.

Der gleichen Aufgabe widmete sich David Rockefeller nach dem Tod seines Bruders. So verschaffte er dem Schah, als dieser von König Hassan aus Marokko komplimentiert wurde, den Landsitz Coral Gables auf den Bahamas. Als dem Ex-Kaiser das Exil nach zehn Wochen zu teuer wurde (Tageskosten: 24 000 Dollar), ging David Rockefeller wieder auf Suche -- in Österreich beispielsweise bei Kanzler Bruno Kreisky, der »Sympathie bezeugte und prüfen wollte, was er tun könne«, und beim Krupp-Erben Arndt v. Bohlen u. Halbach, der dem Schah »brieflich Schloß Blühnbach bei Salzburg offerierte« ("NYT").

Doch es wurde nichts aus den Plänen, der neutralen Alpenrepublik wieder zu einem Kaiser zu verhelfen. Henry Kissinger, derzeit bei der Chase Manhattan Bank als Berater tätig, reaktivierte daraufhin alte Kontakte im mexikanischen Außenministerium -mit Erfolg: Präsident Lopez Portillo öffnete dem Schah Mexikos Grenzen.

In den USA setzten währenddessen die Schahfreunde das Carter-Team unter psychologischen Druck. Der konzertierten Aktion vermochte Carter auf die Dauer nicht zu widerstehen: Seine Popularität war auf dem Tiefpunkt angelangt, er benötigte dringend politische Erfolge, wollte er seine Wiederwahl S.129 nicht gefährden. Und bei der bevorstehenden schweren Schlacht im Senat über das Salt-II-Abkommen hätte er sich gern der Hilfe Kissingers und dessen Beziehungen versichert.

Beide bestreiten heute zwar eine Verknüpfung von Salt und Schah. Doch »ausgesprochen brauchte sie nicht zu werden«, schreibt die »Times« und zitiert Carter-Berater Jordan: »Salt stand damals im Hintergrund all unserer Diskussionen.«

Nach wie vor zwielichtig bleibt, wie es zu der folgenschweren Schah-Einweisung ins New Yorker Cornell Medical Center kam, wo dem Perser am 23. Oktober Gallenblase und Gallensteine herausoperiert wurden.

Sicher ist, daß der New Yorker Tropenmediziner Dr. Benjamin Kean auf Betreiben David Rockefellers nach Mexiko flog und dort den Schah untersuchte. Telephonisch erfuhr er dort vom Schah-Vertrauten Armao überdies ein langgehütetes iranisches Staatsgeheimnis: Resa Pahlewi litt seit 1974 an einer Krebserkrankung des blutbildenden Systems, der sogenannten »Waldenströmschen Krankheit« (SPIEGEL 5/1980).

Die Frage stellt sich, kalkuliert die »Times«, ob die amerikanische Politik gegenüber dem Iran nicht anders verlaufen wäre, hätte Amerikas »riesiger Spionageapparat im Iran« ("NYT") herausgefunden, daß dem krebskranken Schah nach 1974 eine Überlebenszeit von sechs bis acht Jahren blieb.

Carter ließ den »Todkranken« am 22. Oktober 1979 einreisen. 13 Tage später kletterten iranische Studenten über die Mauern der US-Botschaft in Teheran. Ein drei- bis fünftägiges Sit-in war geplant, um, zitiert die »Times« einen der Studenten von damals, »am Beispiel des Schah zu zeigen, was Amerika der Welt mit seinen internationalen Tricks angetan hat«.

Die kurzfristige Aktion wurde zu einer 14monatigen Belagerung. Die Erstbesetzer, von Carter-Sprecher Jody Powell schnell (und falsch) als »Radikale und sicherlich Marxisten« eingestuft, wurden gleichsam zu »Geiseln ihrer Geiseln« ("NYT").

In Washington begann ein »Militärkomitee«, dem unter anderem der Chef der Vereinigten Stäbe, General David Jones, CIA-Boß Stansfield Turner und Verteidigungsminister Harold Brown angehörten, die Optionen auszuloten.

Ein Aktionsplan sah eine Seeblockade gegen den Iran, die Besetzung der Öl-Lager auf der Insel Charg sowie eine Bombardierung der Raffinerien von Abadan vor. Der Plan wurde dem Präsidenten am 20. November unterbreitet. Doch Carter zögerte aus Furcht vor einem öffentlichen Spionageprozeß gegen die Geiseln.

Zunächst wurde eine direkte Befreiungsaktion verworfen, nachdem der israelische Geheimdienst ("NYT": »Auf Wunsch eines inoffiziellen Amerikaners") die Situation in Teheran analysiert und der damalige israelische Verteidigungsminister Eser Weizman befunden hatte, an eine erfolgreiche Rettungsaktion sei nicht zu denken.

Erfolglos blieben auch in den ersten Wochen Carters Bittrufe an über zwei Dutzend Staatschefs in Ost, West und in der arabischen Welt.

Einen Teilerfolg allerdings erreichte ausgerechnet PLO-Führer Jassir Arafat, der -- um die Israelis nicht zu verärgern -- im geheimen kontaktiert worden war. Auf Arafats Betreiben verfügte Chomeini die Freilassung von 13 weiblichen und farbigen US-Geiseln. Danach zerbrach die Achse Arafat-Chomeini.

Die diplomatische Großoffensive verpuffte, vor allem, weil die Carter-Mannschaft die religiös-politische Situation falsch einschätzte, Chomeinis Ziel eines ihm genehmen Parlaments nicht erkannte und auch nicht wußte, wer zum rechten Zeitpunkt mit Aussicht auf Erfolg angesprochen werden sollte, etwa die Studentenführer.

Erst zwei von Teherans damaligem Außenminister Ghotbsadeh ernannte Unterhändler, der französische Anwalt Christian Bourgnet und der Argentinier Hector Villalon, wiesen den Amerikanern einen möglichen Ausweg.

Ihre amerikanischen Gesprächspartner waren Hamilton Jordan und Harold Saunders, Nahost-Experte im US-Außenministerium. Die vier verhandelten zumeist am Wochenende, damit Jordans Abwesenheit vom Weißen Haus nicht bemerkt wurde.

Der Durchbruch hatte dann schließlich nichts mit geheimen Flügen und falschen Bärten (in Jordans Reisegepäck) zu tun, sondern mit dem Zeitplan des Ajatollah.

Sobald der Sieg der Mullahs bei den Parlamentswahlen feststand, hatten die 52 Geiseln ihren Zweck erfüllt.

Am 9. September 1980 sprach der damalige deutsche Botschafter im Iran, Gerhard Ritzel, bei US-Außenminister Edmund Muskie vor und überbrachte den dringenden Wunsch eines iranischen Diplomaten, mit einem hohen US-Vertreter in Bonn die Bedingungen einer Freilassung der Geiseln auszuhandeln.

In einer Bonner Regierungsvilla kam es im September zum ersten Geheimgespräch zwischen dem stellvertretenden US-Außenminister Warren Christopher und Sadegh Tabatabai. Der 40jährige Iraner, ehemaliger Presseattache an der Iran-Botschaft in Bonn und verheiratet mit einer Deutschen, hielt die von Christopher angeführten US-Bedingungen für fair und wollte sie Chomeini vortragen.

Bis zum Abschluß der amerikanischiranischen Übereinkunft vergingen zwar noch drei Monate, während der Carters gewählter Nachfolger Reagan die Iraner als »Barbaren« und »Entführer« beschimpfte und mit Gewalt drohte. Möglich, daß wegen der iranischen Furcht vor einem harten Reagan der von Carter zuletzt eingeschlagene sanfte Weg der Diplomatie schließlich zur Freilassung führte.

Vielleicht auch deswegen, wie Carter gegenüber der »Times« nun mutmaßte, weil die »Iraner schrecklich gelitten haben« -- etwa im Krieg gegen Irak.

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