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Verbrechen Schrei der Hilflosigkeit

Nach dem Mord an der siebenjährigen Natalie trifft die Wut vieler Menschen Mediziner und Juristen. Jahrelang behandelten sie den mutmaßlichen Täter, einen vorbestraften Kinderschänder, wie einen normalen Verbrecher. Der Psychiater, der den Triebtäter einst begutachtete, bleibt jedoch bei seinem Urteil: »Ich würde wieder so entscheiden.«
aus DER SPIEGEL 40/1996

Er hat eine Spritze bekommen, deswegen hat er sich jetzt ein wenig beruhigt und kann reden, für den Moment wenigstens. Er hoffe, sagt Erich Kettner, daß seine Enkelin Natalie »nicht umsonst gestorben ist«.

Er sei kein Richter und kein Mediziner, aber irgend etwas müsse doch geschehen, »irgend jemand muß doch einsehen, daß er was falsch gemacht hat«. Das Kind ist tot, »das bringt keiner zurück«. Aber wenn die Verantwortlichen in Zukunft ein wenig verantwortlicher handeln würden, dann, hofft Natalies Großvater, könne die Familie mit dem Horror vielleicht ein bißchen »besser fertig werden«.

Er müsse jetzt aufhören, darüber zu reden, sagt er, »ich schaff''s nicht mehr«. Außerdem muß er ans Grab.

Seit gut einer Woche weiß das Dorf Epfach bei Landsberg am Lech, daß die zwei Tage lang vermißte Natalie Astner tot ist. Am vorvergangenen Samstag wurde der Autoelektriker Armin Schreiner, vorbestraft wegen Kindesmißbrauchs, als Tatverdächtiger festgenommen. Am Tag danach fanden Suchtrupps der Polizei die Leiche des siebenjährigen Mädchens im Lech.

Das schreckliche Verbrechen empörte vergangene Woche die Menschen in ganz Deutschland. Nur wenige Wochen nachdem die Machenschaften des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux europaweit für Entsetzen gesorgt haben, wurde erneut ein wehrloses Kind Opfer eines Triebtäters.

Allenthalben erhob sich der Ruf nach Rache, schärferen Gesetzen, Zwangskastration oder gar der Todesstrafe. Familienministerin Claudia Nolte erwog, Sexualstraftätern in Zukunft »chemisch« zu Leibe zu rücken, also mit Hilfe von Medikamenten den Trieb abzustellen. Und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber entrüstete sich über den Strafvollzug, der den Schutz der Opfer vernachlässige und zu sehr auf Resozialisierung fixiert sei.

Doch der hilflose Aktionismus der Politiker geht an der Sache vorbei. Strengere Gesetze hätten den Mord an Natalie wohl kaum verhindert, keine noch so lange Gefängnisstrafe entschärft die Triebtäter. Statt dessen offenbart sich, daß der deutsche Strafvollzug für den Umgang mit Sexualtätern völlig unzureichend gerüstet ist. Gutachter unterschätzten die Gefährlichkeit des Mörders von Natalie, eines vorbestraften Kinderschänders, dessen sexuelle Probleme nicht therapiert wurden (siehe Seite 34).

Daß er Natalies Mörder kenne, ahnte der Nervenarzt Béla Serly, 50, erstmals am Montag morgen vergangener Woche. Wenig später las er in der Bild-Zeitung den vollen Namen des Täters: Armin Schreiner. Serly hatte dem Mann drei Jahre zuvor attestiert, voll zurechnungsfähig zu sein. »Ich war«, sagt Serly, »völlig überrascht. Ich hätte niemals für möglich gehalten, daß so etwas passiert.«

In dem Aktenordner mit dem Kürzel »GA 39« steht das Gutachten über den späteren Mörder von Natalie Astner noch heute in Serlys Büro.

Armin Schreiner, geboren am 25. September 1968 in München, ledig, deutscher Staatsangehöriger, wuchs im Münchner Vorort Taufkirchen auf. Er wurde wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, nach drei Jahren vorzeitig entlassen. Seine Sozialprognose: Günstig. Ein Mann, den Psychiater und Gericht für voll schuldfähig hielten.

Natalie Astner, die Erstkläßlerin aus dem 600-Seelen-Dorf Epfach, war am Freitag vor einer Woche auf dem Weg zur fünf Minuten entfernten Schule, als sie von dem Autofahrer Schreiner angehalten, in den Kofferraum gezerrt und entführt wurde. Schreiner fährt das Kind auf einen Parkplatz, fesselt es mit eigens mitgebrachten Nylonschnüren und zieht sich eine Strumpfmaske über das Gesicht. Auf einem Feldweg zieht er dem Mädchen Leggings und Schlüpfer aus und betastet es.

Das Kind bettelt darum, daß er es freiläßt. Es bietet in seiner Angst an, den Eltern nichts zu sagen, wenn er es gehen lasse. Natalie versucht sogar, ein paar Brocken Italienisch zu sprechen, weil sie ihn für einen Ausländer hält. Sie fleht ihn an, ihr Vater würde dem Entführer 1000 Mark geben, wenn sie gehen könne. So steht es in Schreiners Geständnis.

Der Täter nimmt das Kind auf den Schoß - es sitzt dort mit abgewandtem Oberkörper. Seine Strumpfmaske hat er sich wieder vom Kopf gerissen, um sein Opfer besser sehen zu können.

Da dreht sich Natalie um und sieht ihn an. Schreiner gerät in Panik, er würgt die Kleine und schlägt ihren Kopf gegen einen Baumstamm. Das bewußtlose Kind fährt er zum Lech, wo er es ins Wasser legt und ertrinken läßt. Natalies Kleider wirft er in einen Altkleidercontainer.

Der Münchner Neurologe Serly hatte Schreiner 1993 drei volle Tage untersucht. Danach attestierte er ihm, zwar »sexuell auffällig, aber nicht abartig« zu sein. Serly: »Er hatte die Grenze zur schweren seelischen Abartigkeit nicht überschritten.« Selbstzweifel fechten den Gutachter nicht an: »Mit dem Material von damals würde ich wieder genauso entscheiden.«

Schreiner wurde auf Bewährung entlassen, fand im Juli 1995 einen Job beim Metallverarbeitungsbetrieb Hirschvogel in Denklingen unweit von Epfach, wo er schon als Freigänger der Haftanstalt Landsberg beschäftigt war. Und dort, ein böser Zufall, arbeiteten auch Natalies Großvater Erich Kettner, ihr Vater Johannes Astner und acht weitere Mitglieder der Familie.

Wut und Entsetzen herrschen im Dorf. »Das Böse«, so nennt es der Augsburger Weihbischof Rudolf Schmid bei Natalies Beerdigung, ist nach Epfach eingedrungen - in jene Dorfwelt mit Trachten-, Schützen- und Heimatverein und jungen Leuten, die, so sagt es ein Altbauer, sich noch »anständig benehmen können«.

Natalies Eltern stammen beide aus dem Dorf, und daß Hannes Astner sein Haar gern vorn kurz und hinten lang trägt und mit seinen Kumpels zusammen auf der Harley-Davidson durch Schwaben braust, hat ihn nicht zum Außenseiter werden lassen.

Welche Konsequenz ist zu ziehen aus diesem Vorfall, von dem keiner geglaubt hatte, daß er sich jemals hier ereignen könnte? »Dene zoag''n mir''s bei der Wahl«, sagt der 80jährige Nachbar, aber wen er wählen soll statt der CSU, das weiß er dann doch nicht.

Die Wut gilt der Politik, der Justiz und den Medizinern. Von »medizinischer Kastration« spricht Schreiners ehemaliger Arbeitgeber Manfred Hirschvogel, »weil ich nicht glaube, daß solche Störungen therapierbar sind«. Diese Möglichkeit kann sich auch Natalies Großvater »durchaus vorstellen«. Immerhin ruft er nicht nach dem Henker, wie das viele im Dorf jetzt tun, oder nach dem »kloana Hitler«, den sich eine Nachbarin der Astners wünscht. Hirschvogel will jedenfalls keine Freigänger mehr beschäftigen: »Das kann ich meinen Leuten nicht mehr zumuten.«

Bei vielen wird die Trauer umgesetzt in Rachegefühle, und weil viele glauben, daß den Gerichten nicht zu trauen sei, stellen sie sich auf ein zu mildes Urteil ein: »Wenn der freikommt, den such'' ma bis an den Nordpol.«

In Landsberg, dem Gerichtsstand, wird Schreiner wohl kaum einen Anwalt finden. Jurist Rasso Leitenstorfer, der kurzfristig das Mandat übernommen hatte, legte es schon nach wenigen Tagen wieder nieder. »Es wäre mit Druck aus der Bevölkerung zu rechnen gewesen«, so sein Kollege Peter Klinger. »Ich habe ihm davon abgeraten, ich habe selbst vier Kinder. Und ich bin mir sicher, daß sich die Kollegen auch der Pflichtverteidigung widersetzen werden.«

Dutzende von Leserbriefen in den Lokalzeitungen verlangen Rechenschaft von dem Psychiater, sogar der bayerische Ministerpräsident Stoiber ließ auf einer schnell einberufenen Pressekonferenz anklingen, er verstehe nicht, wie solche Gutachten »trotz fünf Sexualdelikten« entstehen könnten.

Zu dem Zeitpunkt, als Psychiater Serly zum erstenmal auf Armin Schreiner trifft, hatte der Elektriker sich bereits an zwei Kindern und drei Frauen sexuell vergangen - fünf Fälle innerhalb eines halben Jahres.

Am Heiligen Abend 1991 überfiel er ein 16jähriges Mädchen in Taufkirchen, das mit dem Fahrrad an ihm vorbeifuhr. Er riß sie vom Rad, legte sich auf sie, würgte sie und drohte ihr, sie umzubringen, wenn sie nicht aufhöre zu schreien. Er zog dem Mädchen Jeans und Slip herunter, griff ihr an die Genitalien und drängte seinen entblößten Unterkörper an sie. Hinterher ging er zur Familie seiner Freundin und sang »Stille Nacht, Heilige Nacht«.

Sechs Monate später überfiel Schreiner im Lift einer Wohnanlage eine 21jährige und würgte sie. Die Frau wehrte sich so stark, daß er flüchtete.

Gut eine Woche danach machte sich Schreiner an ein neunjähriges Mädchen heran, das im Taufkirchener HL-Markt einkaufte. Das Kind mühte sich mit zwei vollen Einkaufstaschen und einem Schirm, da bot sich Schreiner an, ihr die Tüten heimzutragen. Dort angekommen, zerrte er das Kind in den Keller und versuchte, ihm die Unterhose auszuziehen. Weil das Kind laut schrie, lief er weg.

Drei Tage später war Schreiner schon wieder unterwegs. Im Lift eines Hochhauses bemerkte er ein elfjähriges Mädchen, folgte ihr bis zur Tür der elterlichen Wohnung und zog es dann gewaltsam in den Treppenflur. Er riß der Kleinen Rock und Höschen herunter, griff ihr zwischen die Beine und drückte sein Glied an das Kind.

Gleich darauf, kurz bevor er gefaßt wurde, überfiel er eine 23jährige, würgte sie, betastete ihre Brust und dann den ganzen Körper. Erst als die Frau nach seinem Daumen schnappte und ihn heftig biß, ließ er von ihr ab. Gutachter Serly wertete diese Reihung von Übergriffen als »sexuelle Impulstaten«.

Zu dem Zeitpunkt hatte Schreiner Probleme mit seiner Freundin, Ärger mit deren Vater und Streß im Beruf. Der Gutachter glaubte, durch Angriffe auf Frauen und Kinder wolle er sein angeschlagenes Selbstbewußtsein wiederaufrichten. Eine anhaltende und schwere seelische Abartigkeit konnte Serly nicht erkennen.

Das Gericht schloß sich dem an und schickte Schreiner - voll schuldfähig - für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Eine Sexualtherapie bekam er nicht. Dafür eine Allgemeintherapie, die sein Selbstbewußtsein stärken sollte. Serly: »Ich versichere Ihnen, ich habe mir jede Mühe gegeben. Ich bin ihm relativ nahegekommen. Ich mache mir keinen Vorwurf.«

Schreiners früherer Anwalt zumindest schlägt sich mit Zweifeln herum. »Natürlich kommt jetzt der Gedanke, ob man nicht noch ein zweites Gutachten hätte anfordern sollen«, sagt Werner Haimayer. »Mir ist schon unwohl in der Haut.« Der junge Anwalt geht heute von einer »Fehleinschätzung« des Gutachters aus. Armin Schreiner war bei seinem ersten Prozeß 1993 noch sehr jung, erst 24. Haimayer: »Alle waren bestrebt, ihm die Unterbringung im Bezirkskrankenhaus zu ersparen.«

Mit dem Streit um das Gutachten bricht ein ganzes Geflecht an Animositäten im Münchner Landgericht auf. Serly und mehreren Kollegen wird vorgeworfen, willige Erfüllungsgehilfen der Staatsanwaltschaft zu sein, »Hausgutachter« sozusagen. Nahezu regelmäßig werde von Gutachtern bei Kapitaldelikten in München auf »voll schuldfähig« erkannt, um möglichst harte Strafen zu ermöglichen. Im Rückschluß bedeutet das aber, so ein langjähriger Strafverteidiger, daß den Tätern häufig zu Unrecht attestiert werde, kerngesund zu sein. »Der kriegt zwar lebenslänglich, wird aber nicht therapiert, und kommt nach 15 Jahren aus dem Knast raus, wie er reingegangen ist.« Einziger Erfolg: Das Gericht könne zeigen, wie sehr es auf Law and Order hält.

Für Gutachter Serly ist der Ruf nach Therapie ein »Schrei der Hilflosigkeit«. Die Therapie könne den Sexualtätern ihre Abartigkeit nicht nehmen, sondern nur versuchen, sie in einigermaßen geordnete Bahnen zu leiten. Gleichzeitig dem Schutz der Allgemeinheit gerecht zu werden und dem Anspruch auf Resozialisierung - das bedeute, so Serly, »Feuer und Eis in einen Topf schmeißen, und der Gutachter soll drin rumrühren«.

* In der Nähe der Brücke wurde das tote Kind aus dem Flußgeborgen.* Hinter den Sargträgern die Eltern des toten Mädchens.

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