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ALTENHEIME Schreien und klingeln

Bayrische Staatsanwälte untersuchen mysteriöse Todesfälle in einem Altenheim, aus dem schreckenerregende Mißstände aktenkundig geworden sind.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Das »Haus St. Martin« im Garmisch-Partenkirchener Ortsteil »Im Ficht« wirkt anheimelnd: Das schmucke Landhaus am Waldrand mit üppigem Garten und behaglicher Veranda scheint bestens geeignet für ein mustergültiges Altenheim.

Die Idylle trügt. Das private 20-Betten-Heim, das seit 1985 in dem Gebäude betrieben wird, ist offenbar Schauplatz eines vielfältigen Martyriums. »Klein, aber fein«, sagt der Garmischer Amtsarzt Hans Bergemann, »das kann ich hier wahrhaftig nicht unterschreiben.«

Seit langem beanstandet das örtliche Gesundheitsamt krasse Mißstände in der Seniorenunterkunft. Nun interessiert sich auch die Staatsanwaltschaft für das Pflegeheim, in dem vorwiegend Patienten mit schweren Orientierungsstörungen wie etwa der Alzheimerschen Krankheit untergebracht wurden.

Die Strafverfolger ermitteln gegen die Haus-Chefin Gertrude Rowell, 50, unter anderem wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung, des Mißbrauchs von Psychopharmaka und Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Zugleich überprüfen die Ermittler drei mysteriöse Heim-Todesfälle aus jüngster Zeit, die beklemmende Spekulationen auslösten: Womöglich handele es sich dabei um eine Variante jener im Frühjahr aufgedeckten Tötungsserie auf der Altenstation im Wiener Krankenhaus Lainz. »Spätestens seit Lainz weiß man ja«, sinniert Colin Goldner, Leiter einer staatlich anerkannten Altenpflegeschule in Garmisch, »daß Umbringen ohne Spuren möglich ist.«

Im Haus St. Martin starben nach Feststellungen der Polizei ausgerechnet jene drei Heimbewohnerinnen, die zuvor als mögliche Zeuginnen für Mißstände im Heim benannt worden waren. Bei einer Inspektion hatte der Amtsarzt die drei Frauen - 76, 77 und 87 Jahre alt - an Stühle und Liegen gefesselt und durch Medikamente ruhiggestellt vorgefunden.

Das Fixieren Pflegebedürftiger mit Gurten und Verbandsmaterial ist nur in seltenen Ausnahmefällen zulässig. Es muß jeweils medizinisch angezeigt und richterlich genehmigt sein - beides war bei den Verstorbenen nicht der Fall gewesen.

Die Obduktion der Leichen erbrachte, so der Münchner Staatsanwalt Friedrich Bethke, »bisher keine Anhaltspunkte« für einen unnatürlichen Tod. Es gebe jedoch Anzeichen, die auf häufiges und handfestes Fixieren schließen ließen. Das Ergebnis einer toxikologischen Untersuchung steht noch aus.

Im Heim lagerten hochwirksame Betäubungsmittel, die dort nichts zu suchen hatten - ein Altersheim, urteilt Amtsarzt Bergemann, sei schließlich »keine Apotheke«. Außerdem fanden sich Psychopharmaka, deren Menge laut Bergemann »in krassem Mißverhältnis zum Erforderlichen« stand.

Zumeist arbeitete die Garmischer Altenpflegestätte überdies mit viel zuwenig Personal. Zeitweise sparte Heimleiterin Rowell, die von den Patienten 3000 Mark im Monat kassierte, sogar die Nachtschwester ein.

»Am Morgen lagen dann«, wie mehrere ehemalige Pflegerinnen dem SPIEGEL übereinstimmend berichteten, »die Patienten in ihren Exkrementen«, die oft »schon knochenhart geworden waren«. Die alten Leute »schrieen vor Schmerzen« und klagten, daß »trotz Schreiens und Klingelns nachts niemand gekommen war«. Eine Pflegerin, die im Haus auch kochen und putzen mußte: »Das war für mich ein Horror.« Drückender Personalmangel herrscht allerdings, wie Experten schätzen, zumindest in der Hälfte der mittlerweile mehr als 2000 privat-kommerziell geführten Altenheime in der Bundesrepublik, aber auch in einem Großteil der 4000 vom Staat oder von Wohlfahrtsverbänden getragenen Einrichtungen.

Noch immer gibt es keine gesetzliche Regelung zur Mindestzahl und -qualifikation des Pflegepersonals, und noch immer kann jeder, der die Nerven dazu hat, mit einem Leumundszeugnis und einem Gewerbeschein für rund 20 Mark das Geschäft mit den Senioren angehen. »Ein Altenheim«, sagt Pflegeschulleiter Goldner, »ist leichter aufzumachen als eine Pommes-frites-Bude.«

Besonders in einer Region wie dem Garmisch-Partenkirchener Land, wo überproportional viele alte Bürger leben, sei das »Elend der privaten Altenheime«, so Amtsarzt Bergemann, »gewissermaßen programmiert«. Aus dem Rahmen des Üblichen allerdings fällt womöglich die Heimleiterin, eine ehemalige Musiklehrerin und Krankengymnastin, die von früheren St.-Martin-Pflegern als »eiskalt« beschrieben wird.

Gertrude Rowell habe das Personal, berichten ehemalige Mitarbeiter, mit spiritistischen Sitzungen und schwarzmagischen Inszenierungen verwirrt und bisweilen mit Drohungen eingeschüchtert. Ihren Patienten ließ die Heimleiterin, wie amtsärztliche Visiten ergaben, auch schon mal verdorbenes Gemüse und billige Büchsenmahlzeiten aus Supermarkt-Sonderangeboten servieren. Benäßte Bettücher seien einfach nur umgestülpt, Blasenkatheter regelmäßig mehrfach benutzt worden - was nach Ansicht von Goldner »im Bereich der Altenpflege als verbrecherisch gilt«.

Sogenannte inkontinente Insassen, denen es an Körperkontrolle gebricht, seien, so ein weiterer Pfleger-Vorwurf, stundenlang mit nacktem Gesäß auf Plastik-Gartenstühle gebunden worden, damit das Personal sie »mit dem Gartenschlauch abspritzen« und das Heim Windeln einsparen konnte. Bei all dem habe die Chefin häufig selber »auf brutalste Weise« Hand angelegt.

Trotz alledem darf Gertrude Rowell das Haus, in dem zur Zeit noch 14 Patienten untergebracht sind, vorerst weiterführen, wenn auch unter verschärften Kontrollen. Ein Verfahren zum Widerruf ihrer Konzession ist noch nicht abgeschlossen, die Heimleiterin streitet ab, was ihr vorgeworfen wird.

Den zuständigen Abteilungsleiter für Gesundheitswesen und Gewerberecht beim Landratsamt, Regierungsrat Michael Urek, plagt angesichts der staatsanwaltlichen Ermittlungen zum Tod der drei Greisinnen zwar »einiges Unbehagen«. Mehr als bislang jedoch will er erst unternehmen, wenn sich die »juristischen Verdachtsmomente« weiter »verdichten«.

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