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STAMMZELLEN Schrott in der Schale

Dem Bundestag steht eine erneute Debatte um das Stammzellgesetz bevor. Forscher klagen, das deutsche Regelwerk hänge sie vom weltweiten Fortschritt ab.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Das Klagen über den vermeintlich schlechten Forschungsstandort Deutschland gehört bei manchen Wissenschaftlern zum Geschäft. Doch in diesem Fall scheint wirklich ernsthaft Not am Mann: Vorvergangene Woche trommelte Anthony Ho, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik der Universität Heidelberg, rund 200 hochkarätige Wissenschaftler zu einem Symposium zusammen. Der Fachmann für Leukämie wollte in Heidelberg mit seinen Kollegen über die Probleme der Stammzellforschung sprechen.

Die Experten waren sich rasch einig: So wie bisher könne es nicht weitergehen. Wegen der strengen rechtlichen Vorgaben drohe Deutschland den Anschluss an die Spitze zu verlieren. Zuvor hatte bereits die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gewarnt: Die hiesigen Wissenschaftler seien vom weltweiten Fortschritt »erheblich abgeschnitten«.

Hauptärgernis für die Forscher ist das im Jahr 2002 verabschiedete »Gesetz zur Sicherstellung des Embryonenschutzes im Zusammenhang mit Einfuhr und Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen«, kurz Stammzellgesetz genannt. Danach dürfen deutsche Forscher nur mit importierten embryonalen Stammzellen arbeiten, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Inzwischen seien diese Zellen aber der »totale Schrott«, sagt Werner Franke, Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Wer mit dem Material in der Petrischale arbeite und dann Forschungsergebnisse publiziere, werde international nicht mehr ernst genommen. »Das Gesetz«, so Frankes Fazit, »ist nur noch hinderlich.«

Die Alarmrufe der Forschergemeinde haben inzwischen die Politik erreicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plädierte für eine Debatte um eine Neuregelung des Gesetzes und forderte die Experten auf, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Seitdem diskutieren Fachpolitiker aller Bundestagsfraktionen, ob und wie sie den deutschen Forschern aus dem Abseits helfen können. An diesem Mittwoch soll in einer auf sieben Stunden angesetzten Anhörung die Misere erörtert werden. Viele Wissenschaftler hoffen auf eine Gesetzesnovelle, die ihnen zweierlei

ermöglicht: den Import frischer Stammzellen und mehr Rechtssicherheit.

Damit kommt erneut ein Thema auf die Agenda des Bundestags, das vor Jahren schon einmal Politiker, Fachleute und Ethiker in zwei Lager spaltete. Auf der einen Seite standen vor allem Kirchenvertreter, für die bereits Embryonen im frühesten Stadium Leben sind. Für den medizinischen Fortschritt dürfe dies keinesfalls »geopfert« werden, so die Position von Kardinal Karl Lehmann. Auf der anderen Seite standen Befürworter der Stammzellforschung wie etwa Peter Hintze (CDU), ehemaliger Pfarrer und heutiger Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, der es »sogar für ein christliches Gebot« hielt, für neue Heilungsmethoden »die Chancen der Stammzellforschung« zu nutzen.

Am Ende der Debatte kam es im Januar 2002 zu einem Kompromiss, der nun in Frage gestellt wird. Denn den Praxistest hat das komplizierte Regelwerk offenbar nicht bestanden. Da ist zum einen das Problem, überhaupt an geeignetes Material für die Forschung zu gelangen. Weil in Deutschland die »missbräuchliche Verwendung« von menschlichen Embryonen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet wird, müssen embryonale Stammzellen aus Israel, Schweden oder den USA importiert werden, wo die Gesetze wesentlich liberaler sind. Forscher entnehmen sie dort wenige Tage alten Embryonen, die dabei absterben. Das deutsche Recht erlaubt allerdings nur, Stammzellen einzuführen, die vor dem 1. Januar 2002 aus Embryonen gewonnen wurden.

Viele dieser alten Zellen sind inzwischen aufgebraucht, andere mit Viren belastet. Erst vor zwei Jahren haben Forscher herausgefunden, wie man Stammzellen so vermehren kann, dass sie nicht kontaminiert werden. Deshalb gelten die vor 2002 kultivierten Zelllinien unter Wissenschaftlern als unbrauchbar. Mutationen einzelner Zellen könnten das gesamte Forschungsergebnis manipulieren. Wer aus Arbeiten mit solchen Stammzellen dennoch allgemeingültige Schlüsse zieht, macht sich angreifbar. Sollten daraus gar Therapien für den Menschen entwickelt werden, wären sie nicht zu vermarkten.

Mindestens so problematisch für Wissenschaftler sind die rechtlichen Fallstricke des Gesetzes aus dem Jahr 2002. Wann sich heute ein Stammzellforscher strafbar macht und wann nicht, ist selbst für Juristen kaum durchschaubar. Wenn ein deutscher Professor an einer ausländischen Universität an neuen Stammzellen arbeitet, »steht er schon mit einem Bein im Gefängnis«, so der Münchner Strafrechtler Ulrich Schroth. Aber muss er auch belangt werden, wenn er einen ausländischen Kollegen am Telefon oder per E-Mail nur über bestimmte Forschungsschritte informiert, oder erst, wenn er ihn explizit damit beauftragt? Die Verunsicherung unter Wissenschaftlern sei enorm, klagt die DFG in ihrer Stellungnahme, deutsche Forscher würden auf diese Weise von zahlreichen Projekten »ausgeschlossen«. Allein die Europäische Union fördert mit 50 Millionen Euro in den nächsten Jahren internationale Kooperationen, bei denen Deutsche deshalb nur selten mitmachen könnten.

Solche Argumente überzeugen inzwischen sogar ehemalige Skeptiker einer liberaleren Regelung in Deutschland. Zwar hält Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die Forschung an embryonalen Stammzellen weiterhin für unmoralisch, auch der Bioethik-Experte der Unionsfraktion, Hubert Hüppe, warnt vor Lockerungen. Andere bewegen sich zumindest behutsam: Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, hält es inzwischen für denkbar, den Stichtag für den Import von Zellen von 2002 auf Ende 2005 zu verlegen. Und auch die Forschungsministerin Annette Schavan (CDU), eine engagierte Katholikin, ist für eine Verschiebung offen. Sie will den Stichtag nur »vom Grundsatz her auf keinen Fall aufgeben«.

Zumindest in einem Punkt sind sich die Fachpolitiker aller Bundestagsparteien bereits einig: In Zukunft solle allen Wissenschaftlern klar sein, ab wann sie sich strafbar machten - zur Not müsse man deshalb das Stammzellgesetz ändern. »Natürlich soll nicht derjenige belangt werden, der mit ausländischen Wissenschaftlern kooperiert«, so der forschungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg Tauss.

Doch wie weit eine Novelle gehen könnte, ist offen. Sie wolle jetzt erst einmal die Anhörung abwarten, sagt Ilse Aigner, die forschungspolitische Sprecherin der Unionsfraktion. Sie stelle sich auf eine »harte Debatte« ein, schließlich bewege man sich auf »hochvermintem Gelände«.

UDO LUDWIG, CAROLINE SCHMIDT

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