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Schüsse im Grunewald

aus DER SPIEGEL 24/1994

Die ersten werden die letzten sein: Laut Marschplan verläßt Anfang September die 289. Army-Band der Amerikaner Berlin. Dann wird keine Einheit der West-Alliierten mehr in der Hauptstadt stehen. Eine Band mit der gleichen Armee-Nummer hatte 1945 die ersten US-Soldaten in die zerstörte Stadt begleitet.

Von der Ära der besetzten Frontstadt verabschieden sich die Berliner und ihre einstigen Beschützer mit Pomp und Paraden. Ein überschwengliches Festprogramm soll vor allem das heile Bild vom westlichen Miteinander an der Spree beschwören, Motto: »Berlin sagt danke.«

Die Russen sind bei der Erinnerungsfeier unerwünscht; sie müssen ihre Parade fernab von den West-Alliierten abhalten. Seit die Sowjets 1948 versucht hatten, die Halbstadt mit einer Blockade auszuhungern, stand der Feind eindeutig im Osten. Amerikaner und Briten, die West-Berlin zehn Monate lang mit »Rosinenbombern« aus der Luft versorgten, _(* Ende März in Berlin-Tegel. ) galten fortan als Schutzmächte der »Insel im roten Meer« (Volksmund).

Vor allem die Amerikaner prägten ein Stück Stadtkultur: Das Truppenradio AFN beschallte die Viertel, Pan-Am-Clipper verbanden die Stadt mit der Außenwelt. Alljährlich wurde die Freundschaft auf dem »German-American-Volksfest« begossen.

Die harmonische Rückschau hilft den ehemaligen Insulanern auch beim Überwinden zwiespältiger Erinnerungen an Zeiten, in denen sie Mündel der Alliierten waren. Bei Tag und Nacht stießen Panzer im Grunewald vor, hallten Schüsse, dröhnten Transporter durch die Luft. Das sei eben der »Preis der Freiheit«, belehrte der englische Stadtkommandant David Mostyn die Berliner.

Das freie Berlin war keineswegs so frei. Im Schöneberger Rathaus wachten »Liaison Officers« über Senatsakte. Bei dem verfilzten Regelwerk mit über 4000 »Berlin Kommandatura Orders« hatte kein deutscher Richter etwas mitzureden. »Alle Macht«, so spotteten Grüne von der Alternativen Liste, gehe de jure »vom Stadtkommandanten aus«.

* Ende März in Berlin-Tegel.

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