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SCHUHPUTZ MIT DER DEUTSCHEN FLAGGE

Hans-August Ammermann, Leitender Ingenieur des deutschen Motorschiffs »Ellen Klautschke«, berichtet über die Erlebnisse der Besatzung im ägyptischen Hafen Alexandria.
aus DER SPIEGEL 31/1967

Mit 36 600 Sack Weizenmehl läuft Motorschiff »Ellen Klautschke« (Eigentümer: Doornkaat-Vorstandsmitglied Klautschke in Norden, Ostfriesland) von Savona in Italien nach Alexandria in Ägypten.

Die Agentur Tassi Franco und andere Agenturen hatten uns übereinstimmend mitgeteilt, daß deutsche Schiffe in Ägypten abgefertigt würden. Die Besatzung freut sich schon auf einen Besuch von Giseh mit den Pyramiden.

Nach viertägiger Fahrt kommen wir am 3. Juli 1967 um 6.30 Uhr vor Alexandria an. Auf See überfliegen zwei Hubschrauber das Schiff. Der Seelotse bringt uns bis zum Ankerplatz auf der Innenreede. Auf Faruks ehemaliger Luxusjacht, die dort vor Anker liegt, wird um 8.01 Uhr mit Trompetensignal Ägyptens Staatsflagge gehißt.

Die »Ellen Klautschke« beginnt mit der Einklarierung. Der Quarantäne-Arzt wickelt sein Geschäft zügig ab. Alles O. K. Die eigentliche Abfertigung der Papiere dauert etwas länger. Alle Schiffstagebücher -- von der Indienststellung des Schiffes am 15. November 1962 bis zum Ankunftstag in Alexandria -- werden von einem Spezialisten kontrolliert.

Ein uniformierter Wachtposten der Miliz bleibt auf dem Schiff. Dort hat ein eifriges Feilschen zwischen ägyptischen Händlern und der Besatzung eingesetzt. Ungefähr 25 Händler sind mit ihren Booten längsseits gekommen und haben ihre Ware an Deck der »Ellen Klautschke« ausgebreitet. Angeboten wird alles: afrikanische Lederwaren, Schuhanzieher aus Horn, ägyptische Kupferarbeiten, Krokodil-Pomade, obszöne Bilder.

Zwei Besatzungsmitglieder, die kein Kaufinteresse zeigen, werden mit »Jude« und »Du Äffe« beschimpft. Die Händler, größtenteils der deutschen Sprache kundig, erklären, daß ein deutsches Schiff in Alexandria schwerlich entladen werde.

Kapitän Klemens fährt mit einem Vertreter der Agentur Amon, einer Ladung Schiffstagebüchern, den Schiffspapieren und einer größeren Menge Zigaretten als Geschenk für die Behörden an Land.

Mit der Amon Shipping Agency vereinbart er, daß das Schiff um zwölf Uhr an die Pier 80 fahren soll und daß dort um 16 Uhr die Löscharbeiten beginnen werden. Um 11.30 Uhr ist der Kapitän wieder an Bord. Um zwölf Uhr wird der Anker gelichtet.

Wir gehen unter Assistenz eines Lotsen und eines Schleppers an die Pier 80. Die an Bord verbliebenen Händler machen ein Gesicht, als ob sie es nicht fassen könnten, daß wir als erstes deutsches Schiff nach dem Sinai-Krieg in einem ägyptischen Hafen 36 600 Doppelzentner feinstes Weizenmehl für hungrige Ägypter entladen dürfen.

Als das Schiff vertäut ist, begeben sich Kapitän, Offiziere und Mannschaften zum Mittagessen. Plötzlich prasseln Steine auf das Schiff. Etwa 80 bis 100 Ägypter wollen einige Matrosen hindern, über eine Gangway an Land zu gehen.

Dann entern zwei Ägypter die »Ellen Klautschke«. Sie rennen zum Achterschiff, vorbei an Miliz und deutschen Matrosen, hinauf zum Bootsdeck. Unter dem Gejohle der ägyptischen Hafenarbeiter reißen die beiden die Fahne der Bundesrepublik vom Flaggenmast und springen mit ihr von Bord, Die Menschenmasse zerfetzt und zertrampelt das Flaggentuch am Boden. Drei oder vier Ägypter urinieren noch darauf. Mit den trockenen Teilen der Flagge putzen sich andere die Schuhe oder die nackten Füße.

Als sich Kapitän und Offiziere an Deck zeigen, fliegen wieder Steine. Die Ägypter machen halsabschneiderische Gebärden zu uns hin.

Gegen 13.10 Uhr kommen die ersten Polizisten und Soldaten mit Maschinenpistolen. Sie treiben die Demonstranten auseinander und verhaften offenbar auch zwei. Acht Polizisten und Militärs nehmen vor dem Schiff Aufstellung. Fünf Polizisten oder Milizsoldaten stehen auf dem Schiff.

Gegen 14.15 Uhr halten Ägypter auf dem in unmittelbarer Nähe liegenden sowjetischen Frachter »Iwan Pawlow« eine deutsche Nationalflagge über die Reling des Vorschiffs. Die Flagge ist mit zwei alten Schuhen beschwert. Ein Spruchband sollte noch entfaltet werden, aber ein sowjetischer Schiffsoffizier beseitigt die Flagge der Bundesrepublik mitsamt Schuhen und nicht entfaltetem Spruchband.

Um 15 Uhr kommen zwei Hafenschlepper längsseits und machen ihre Leinen an der »Ellen Klautschke« fest. Auch hier halsabschneiderische Handbewegungen der Schlepperbesatzungen. Unser Kapitän wirft die Leinen des Schleppers, die an der »Ellen Klautschke« festgemacht sind, wieder los und auf die Hafenschlepper zurück. Mit wütenden Gesten geben uns die Schlepperbesatzungen zu verstehen, daß wir verschwinden sollen.

Inzwischen haben sich mehrere hundert Ägypter an der Pier zusammengerottet. Polizisten und Militär unternehmen keine Anstrengungen mehr, den Mob vom Schiff fernzuhalten. Unter ohrenbetäubendem Lärm und Geschrei geht ein Bombardement von Steinen auf die Besatzung nieder. Unter Lebensgefahr machen Matrosen und Offiziere die Leinen los. Auch der ägyptische Lotse muß in volle Deckung gehen.

Bei den Ablegemanövern, die nun die ägyptischen Schlepper einleiten, versuchen die Schlepperkapitäne, die »Ellen Klautschke« wieder auf die Pier treiben zu lassen. Mit eigener Maschinenkraft und äußerst vorsichtigem Manövrieren kommt das Schiff von der Pier frei. Ein Schlepper versucht erneut, das Achterschiff an die Pier zu drücken. Auch das kann vereitelt werden.

Voller Zorn werfen die Matrosen des Hafenschleppers die Schleppleinen los. Der Steinhagel geht unterdessen weiter. Auf den umliegenden Schiffen ertönen die Alarmsirenen. Die Hafenschlepper stimmen in das Sireneninferno ein.

Kapitän und Offiziere ziehen Bilanz. Wir zählen zwei Steine im Maschinenraum, sieben auf dem Vordeck, acht auf dem Vorschiff, acht auf dem Brückendeck, 26 im Ruderhaus und auf der Brücke, 74 auf dem Achterdeck, 255 auf dem Bootsdeck, 550 auf dem Spilldeck achtern. Steine, die kleiner als eine Faust sind, werden nicht gezählt.

Das Deck des Schiffes sieht aus wie nach einem Bombenangriff. Die Disziplin der Besatzung war lobenswert. Kein Stein wurde zurückgeworfen.

Gegen 15.37 Uhr erreichen wir den Ankerplatz auf der Innenreede des Hafens. Mehrere Lotsenschiffe und Polizeiboote umkreisen uns.

Um 15.55 Uhr hißt Kapitän Klemens eine neue deutsche Flagge. Die Milizsoldaten an Bord der »Ellen Klautschke« und die Polizei auf ihren Streifenbooten protestieren. Wir nehmen Kurs auf Griechenland.

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