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BAYERN Schwänzeln ums Patt

Stichwahl in München: Verlierer Kiesl will 70 000 CSU-Skifahrer mobilisieren. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Eine dunkelblaue, schwere Limousine brauste am Dienstagnachmittag letzter Woche durch das nachwinterliche Moränenland südöstlich von München. Am Steuer: Münchens CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl, 54, der zwei Tage zuvor bei den Kommunalwahlen eine deprimierende Niederlage erlitten hatte.

Vielleicht erklärte sich daraus auch seine Fahrweise - impulsiv, energisch, hektisch, riskant.

Auf der Staatsstraße 2359 zwischen Vogtareuth und Griesstätt nahm die forsche Fahrt ein jähes Ende. Kiesls Mercedes kollidierte nach gewagtem Überholmanöver mit einem entgegenkommenden Opel Manta. Beide Fahrzeuge blieben schwer ramponiert liegen.

Über die Maßen angeschlagen schien auch Steuermann Kiesl. Obschon er, wie die 26jährige Opel-Fahrerin, unverletzt blieb und die Polizei nur einen »alltäglichen Unfall« registrierte, kam dem Oberbürgermeister die Karambolage außerordentlich ungelegen. In seiner Situation, vor einer Stichwahl gegen den SPD-Kontrahenten Georg Kronawitter, kommt es womöglich auf Zehntelprozente an. Stimmungen und Stimmen schwanken, auch Bagatellen wie die von Vogtareuth können das Bild des Kandidaten trüben. Jede Kleinigkeit zählt.

So hätte Kandidat Kiesl das Malheur im Straßenverkehr gern ungeschehen gemacht. Der Oberbürgermeister, einst Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium und oberster Dienstherr der Polizei, wandte sich gleich am Unfallort an einen Beamten: Ob es denn »unbedingt notwendig« sei, den Unfall der Presse mitzuteilen, er, Kiesl, wünsche sich das jedenfalls nicht. Die Polizisten nahmen die Bitte als »ganz normale menschliche Regung« zur Kenntnis, berichteten auch ordnungsgemäß der höheren Dienststelle, daß der prominente Mercedes-Fahrer keinen Wert auf Verbreitung der Unfallmeldung lege.

Schlechte Nachrichten gab es für Kiesl letzte Woche eh genug. Die CSU verlor in München bei der Kommunalwahl am 18. März die absolute Mehrheit, sackte von 50,1 auf 42,5 Prozent, während sich die SPD von 37,6 auf 41,9 Prozent erholte. Kiesl plumpste gar von 51,4 auf 44,3 Prozent und damit um vier Punkte hinter seinen Herausforderer, den Alt-OB Georg Kronawitter - eine »Beerdigung erster Klasse« ("Süddeutsche Zeitung").

Das Münchner Debakel geht einher mit einer gehörigen Schlappe der CSU. Auf fast allen Ebenen, in Gemeinden und Kreisen, bei Bürgermeister- und Landratswahlen, mußte die sieggewohnte Strauß-Partei Federn lassen. Landesweit liegt ihr Anteil jetzt unter 50 Prozent.

Im niederbayrischen Landshut, wo sich Bürger seit Jahren gegen Kernkraftwerke wehren, kamen der CSU 7,9 Prozent abhanden. Im oberbayrischen Rosenheim, wo Strauß letztes Jahr im Hause seines Freundes Josef März den Milliardenkredit für die DDR einfädelte, verloren die Christsozialen 6,3 Prozent. In der Bischofsstadt Passau, in der das erzkonservative Monopolblatt »Passauer Neue Presse« für das rechte Klima sorgt, mußte die CSU einen Rekordverlust hinnehmen: minus 10,2 Prozent.

Die Sozialdemokraten hingegen buchten einen sachten Aufwärtstrend in den Städten (plus 1,8 Prozent) und heimsten da und dort auch spektakuläre Erfolge ein: Überraschend gewann die SPD den Oberbürgermeister-Posten in Fürth, aber auch Landratssessel wie den im schwäbischen Kreis Donau-Ries, die seit Jahrzehnten fest in CSU-Besitz waren.

Bestätigt haben die Kommunalwahlen auch, daß die FDP (landesweit 2,2 Prozent) in Bayern nur noch eine Splittergruppe ist, wesentlich schwächer als die Grünen (3,1) und die Freien Wählergruppen (10,8).

Den Grünen gelangen in der bayrischen Provinz zwar keine Siege, aber unerwartete Stimmerfolge - etwa bei den Landratswahlen in Regen (27,1 Prozent), Forchheim (19,9) und Bad Tölz-Wolfratshausen (15,2).

Was immer Wahlanalytiker als Ursachen der CSU-Einbußen ausfindig gemacht haben - Folgen der Bonner Unionspolitik, Auswirkungen der bayrischen Gebietsreform oder Ergebnis parteiinterner Flügelkämpfe -, praktische Bedeutung hat nur noch eine These, die der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß speziell auf München münzte: Allzu viele bürgerliche Wähler seien am sonnigen _(Mit CSU-Generalsekretär Tandler und ) _(CSU-Chef Strauß bei einer Wahlparty am ) _(18. März. )

Wahlsonntag lieber zum Skifahren in die Alpen gefahren, statt an die Wahlurnen zu gehen.

Obwohl natürlich auch Rote und Grüne Wintersport treiben, liegt Strauß mit seiner CSU-Skifahrer-Theorie womöglich nicht falsch. Auch der Sozialwissenschaftler Manfred Güllner, Leiter des Statistischen Amts der Stadt Köln, schätzt, daß in Bayern und München »jeder vierte CSU-Anhänger zu Hause geblieben ist«. Daraus errechnete er für Kiesl eine »Mobilisierungsreserve« von 70 000 Stimmen bei der Stichwahl.

Mit diesem Potential müßte Kiesl freilich nicht nur das Handikap von gut 20 000 Stimmen vom ersten Wahlgang ausgleichen, sondern auch die Stimmen der Grünen sowie anderer Gruppierungen, die vermutlich der SPD zufallen. Und schließlich, so Güllner, hat auch der Sozialdemokrat Kronawitter noch eine Mobilisierungsreserve von 40 000 Stimmen, die dem Genossen bei der Stichwahl am nächsten Sonntag zugute kommen können.

Wie sich die Mehrheiten im Münchner Rathaus wirklich etablieren werden, blieb in der letzten Woche lange unklar. Weil in den Wahllokalen bei der Stimmenauszählung geschlampt wurde, schien mal die CSU, mal die SPD stärkste Fraktion zu werden. Am Dienstag war eine Splittergruppe wie der Münchner Block drin, am Donnerstag wieder draußen. Mal waren die Roten und Grünen zusammen so stark wie die CSU mit der FDP, dann stimmte auch das wieder nicht. »Es war«, so Kiesls Persönlicher Referent Helmut Pfundstein, »ein ständiges Schwänzeln ums Patt.«

Mit CSU-Generalsekretär Tandler und CSU-Chef Strauß bei einerWahlparty am 18. März.

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