Zur Ausgabe
Artikel 26 / 78

KIRCHE / PASTOREN Schwarz und bunt

aus DER SPIEGEL 20/1969

»Schafft zwei, drei, viele Bischöfe« spotteten acht evangelische Hamburger Vikare unlängst in ihren hektographierten »Lutherischen Notstandsheften«. Sie hatten herausgefunden, daß ihre Landeskirche neben einem richtigen Bischof auch einen rechten Eigenbaubischof« besitzt.

Offizieller Hamburger Bischof ist Hans-Otto Wölber, 55. Er wurde im April 1964 in sein Amt eingeführt. Seit vergangener Woche ist der Oberhirte von 691 000 Hamburger Protestanten überdies der ranghöchste deutsche Lutheranar: Als Nachfolger Hanns Liljes wurde er Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands.

Heimlicher Bischof ist -- ebenfalls in Hamburg -- Dr. Dr. Helmut Echternach, 62. Er ließ sich vor zweieinhalb Jahren weihen, allerdings nicht lutherisch.

Gleichwohl trägt Echternach den Lutherrock schon länger als sein Vorgesetzter Wölber: Er ist seit 36 Jahren Geistlicher und predigt seit zwölf Jahren in der Hamburger Petri-Kirche -- angetan mit schwarzem Talar und weißer Halskrause.

Nur privat ist er Bischof. In seiner Wohnung unweit der Außenalster hat sich Echternach eine Hauskapelle eingerichtet, in der er täglich vor einem Dutzend Anhänger einen Gottesdienst abhält -- angetan mit bunten Meßgewändern.

Der gebürtige Ostpreuße stammt aus frommem Haus. Vater und Großvater waren Pastoren, wie auch sein Sohn Horst Pastor wurde. Helmut Echternach schrieb neben zahlreichen Aufsätzen bisher 14 Bücher: theologische Schriften ("Segnende Kirche") und Romane ("Der Eid der Holenstaufen").

Vor allem engagierte sich Echternach für die weltweite ökumenische Bewegung, die ihn mit Gleichgesinnten zusammenführte. Einer davon war der Schweizer reformierte Geistliche Julien Erni, heute 75 und emeritiert. Erni, der die »heilige, allumfassende Kirche« anstrebt, hatte zu diesem Zweck eine »Ökumenische Liga für die christliche Einheit« gegründet, die er heute noch als Bischof leitet.

Die Weihen für dieses Amt will Erni schon vor Jahren von einem altkatholischen Erzbischof empfangen haben*;

* Die Altkatholiken heute 650 000 -trennten sich nach nach Verkündung des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) von der katholischen Kirche. Sie gestatten die Priesterehe und lehnen den Beichtzwang ab.

und am 18. Oktober 1966 weihte er auch Freund Echternach zum Bischof.

Dem geweihten Hamburger Protestanten sind bislang keine Zweifel an der Gültigkeit der von Erni vorgenommenen Beförderungs-Prozedur gekommen, denn das, sagt er, sei »eine in der apostolischen Sukzession stehende, nach romfreiem, gallikanischem Ritus vollzogene Bischofsweihe« gewesen.

Diese Weihen gehen nach Echternachs Meinung »auf die gallikanischen Christen Südfrankreichs zurück«, die hinwiederum von den Bischöfen des syrischen Patriarchats in Antiochia und letztlich von den Aposteln Christi mit der Weitergabe ihres Segens und Amts mittels einfachen Handauflegens betraut worden seien.

Derart über Jahrhunderte hinweg mit den Aposteln verbunden, kann nunmehr auch der Hamburger Pastor selber, wie er sagt, »durch Handauflegen Gläubige weihen und ihnen dadurch ein Priestertum verleihen, das auch von der anglikanischen, der orthodoxen, der altkatholischen und sogar von der katholischen Kirche anerkannt« werde.

Das ist allerdings zweifelhaft. Und in der evangelischen Kirche wird an die Macht der apostolischen Sukzession noch weniger geglaubt. Doch es wird -- zumindest in Hamburg -- geduldet, daß ein evangelischer Pastor -- zumindest in seiner Freizeit -- sich auf ein besonderes apostolisches Vermächtnis beruft.

Bischof Wölber litt zunächst das unlutherische Gebaren Echternachs und schritt beispielsweise auch nicht ein, als der heimliche Bischof dem Pastor Rolf Kien, der längst schon lutherisch ordiniert war, noch zusätzlich gallikanische Priesterweihen gab.

Doch als schließlich noch der Vikar Dr. Jordahn den Wunsch äußerte, bei seiner Ordination zum lutherischen Pastor möge ihm der geweihte Echternach beistehen, ordnete Wölber an, daß Echternach künftig »keine Priesterweihen in unserer Kirche durchführt und auch nicht an Ordinationen als Assistent mitwirkt«. Zwar habe er bisher keinen Anlaß gehabt, »an der Loyalität Dr. Echternachs zu zweifeln«, doch müsse er erwarten, daß dieser »grundlegende Auffassungen unserer Kirche respektiert«. Widrigenfalls, so ermannte sich Wölber, sei er gezwungen, gegen Echternach »ein Lehrordnungsverfahren einzuleiten«.

Doch dazu wird es nicht kommen. Pastor Echternach überzeugte inzwischen den Bischof Wölber, er für seine Person sehe die »Sukzession nicht als einen Gegensatz, sondern allein als einen Ausdruck der vielfältigen Gestalt der Gnadengaben und ihrer Weitergabe«.

Beeindruckt berichtete Bischof Wölber seinen Amtsbrüdern, das vermeintlich seltsame Treiben des »Bruders Echternach sei in Wahrheit nur »grundlegend bedingt durch seine Sorge über die Aushöhlung des Verständnisses von Kirche und Amt heute«.

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 78
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.