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GUINEA Schwarze Diät

Die neuen Machthaber Guineas lassen den Terror des gestürzten Regimes öffentlich aufarbeiten. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Conakry prangte im Trauerschmuck. Der Rundfunk spielte seit Tagen nur getragene Musik. Zur feierlichen Beisetzung Präsident Ahmed Sekou Toures, der am 26. März in einem US-Hospital gestorben war, hatte Afrika die erste Garnitur seiner Politiker geschickt, unter ihnen Marokkos König Hassan, Ägyptens Staatschef Husni Mubarak, Tansanias Präsident Julius Nyerere. Frankreichs Premierminister überbrachte eine Botschaft von Präsident Francois Mitterrand, der »dem Werk und der Person eines der bemerkenswerten afrikanischen Staatschefs die Verehrung der französischen Nation« entbot.

Was niemand wußte: Der Leichnam des gepriesenen Toten war längst in aller Stille 3000 Kilometer weiter nördlich, nahe der marokkanischen Stadt Fes, beigesetzt worden. Als sich eine Woche nach Sekou Toures Tod das guineische Militär an die Macht putschte und Studenten ins Mausoleum eindrangen, um an der Leiche Rache für erlittene Repression zu üben, war der Sarg leer. Nach dem Geist hatte auch der Körper des Sekou Toure Guinea verlassen.

Es war, wie die senegalesische Zeitung »Le Soleil« notierte, das Ende der »mörderischsten und längsten Diktatur des Kontinents«. An den Trümmern, die der dienstälteste afrikanische Diktator hinterlassen hat, werden die Guineer eine Weile zu räumen haben.

Die Volksrepublik Guinea besitzt reichhaltige Uran- und Eisenvorkommen und die größten Bauxitlager der Erde. Trotzdem gehört sie zu den ärmsten Staaten Afrikas. Schuld daran haben in erster Linie Sekou Toure und sein weitverzweigter Familienclan, die Guinea über ein Vierteljahrhundert lang behandelten wie ihren Familienbesitz.

Die Toures, so heißt es, besaßen Villen in Marokko, Saudi-Arabien und Jamaika, ein 16stöckiges Hochhaus in Paris, eine Uhrenfabrik in der Schweiz, Konten in Zürich und Großbritannien mit Einlagen in Höhe von fast einer Milliarde US-Dollar und Depots voll Gold und Diamanten von noch unbekanntem Wert. Die Hausdurchsuchung bei einer in der feinen Gesellschaft als »Madame Monique« eingeführten Holländerin, die dem Staatschef als Kurier diente, förderte 17 Kilogramm Goldbarren im Wert von über einer halben Million Mark zutage.

Als Sekou Toure 1958 in Conakry die Macht übernahm, war Guinea eine der führenden Agrarausfuhrnationen Afrikas. Heute reicht es nicht einmal für den Eigenbedarf.

Die Erträge der Bauxit-Minen in Kindia, gut 100 Kilometer von Conakry, sind praktisch der einzige Aktivposten in der guineischen Handelsbilanz. Der Posten könnte doppelt so hoch sein, wenn Guinea nicht durch einen Vertrag an die Sowjet-Union gebunden wäre, den sich Sekou Toure 1971 hatte aufschwatzen lassen.

Nachdem der »ewige Baum Afrikas« (so die parteiamtliche Anrede für den Präsidenten) zu der Erkenntnis gekommen war, daß »die Sowjet-Union kapitalistischer ist als die Kapitalisten«, kühlte die sowjetisch-guineische Freundschaft schnell ab. Doch der Vertrag ist nach wie vor in Kraft.

Vor dem politischen Druck des Regimes und der Kahlschlagwirtschaft des »revolutionären Sozialismus« flüchtete im Laufe der Jahre rund ein Drittel der Sechs-Millionen-Bevölkerung ins Ausland. Die Exilanten kehren nur langsam zurück. Auch die ausländischen Investoren haben keine Eile, solange die zerfallene Infrastruktur nicht wenigstens in Anfängen wiederaufgebaut ist, solange die »Hauptstadt des Drecks« (so das französische Nachrichtenmagazin »L'Express") nicht wieder für Europäer bewohnbar wird.

In einer Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede erklärte Junta-Chef Conte, er könne dem Volk die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben. Schlimmer, als es war, kann es sowieso nicht werden. Sekou Toure, Träger des Lenin-Friedenspreises und des Großkreuzes der französischen Ehrenlegion, hatte Guinea gleich in den ersten Jahren nach seiner Machtübernahme in einen perfekten Überwachungsstaat umgetrimmt. Jeder Bürger war »Polizist seines Nachbarn«. Die Folge: Gefängnisse und Umerziehungslager waren immer voll.

»Amnesty international« registrierte allein zwischen 1969 und 1976 die Namen von 2900 Gefangenen, die spurlos verschwanden. Viele von denen, die totgeschlagen, zu Tode gefoltert oder dem Hungertod überantwortet wurden, sind dabei nicht mitgezählt, auch nicht jene angeblichen Regimegegner, die 1971 öffentlich gehenkt und anschließend von einem rasenden Mob in Stücke gerissen wurden.

Das Regime des Obersten Lansana Conte und seines Ministerpräsidenten Diaera Traore hat damit begonnen, den Horror öffentlich aufzuarbeiten. Radio Conakry strahlt allabendlich eine Sendung unter dem Titel »Sie haben das Wort« aus, in der ehemalige Häftlinge über ihre Erlebnisse berichten.

Noch eine Woche vor seinem Tod hatte Sekou Toure in der Provinzhauptstadt Mamou nach einer angeblichen Verschwörung - einer von anderthalb Dutzend Verschwörungen, die er im

Verlaufe seiner Karriere aufdeckte - sechs »Staatsfeinde« öffentlich erschießen lassen. Die Angehörigen mußten zusehen, ohne ein Zeichen der Trauer zu zeigen.

Die mörderischsten Zustände herrschten im Camp Boiro, nicht weit vom Flughafen Conakry, wo - zum Teil unter der Leitung des Toure-Neffen Siaka und des Toure-Halbbruders Ismael - mehrere tausend Gefangene starben.

Am berüchtigsten waren die sogenannten D-N-Zellen. »D-N« stand für »diete noire« - schwarze Diät. Die Häftlinge in diesen Zellen wurden bei der Essens- und Wasserausgabe übergangen. In Zelle 49 starb auch Diallo Telli, der erste Generalsekretär der »Organisation Afrikanischer Einheit«.

Gleich neben dem Haupttor lag der »Kopf des Todes«, wo bis zu sechzig Gefangene auf zwölf Quadratmetern hausten. Ein paar Schritte weiter die Folterkammer, genannt »cabine technique«. Für besondere Fälle gab es einen Trakt, der durch eine Dränage mit dem offenen Meer verbunden war. Bei Flut stieg das Wasser so hoch, daß die Gefangenen aufrecht stehen mußten, um nicht zu ertrinken. Im Fernsehen berichtete ein ehemaliger Häftling, daß er fünf Tage an Drahtschlingen unter der Decke gehangen habe.

Die Toure-Sippe und die Vertreter des alten Regimes, die nach dem Putsch festgenommen wurden, sind besser untergebracht. Sie wurden ins Gefängnis von Kindia gebracht, nachdem Boiro als »Museum des Schreckens« der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden war. Viele Hörer, die Radio Conakry zur Sache befragte, empfahlen für die Verdächtigen das alte Strafmaß: die »schwarze Diät«.

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