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Verkehr Schwarze Herden

Mit gefährlichen Tricks und krummen Touren halten sich die Discounter der Busreisebranche am Markt. Schwere Unfälle sind immer wieder die Folge.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Wenn Polizeihauptkommissar Robert Altmeyer, 47, an der Autobahn routinemäßig den Schwerverkehr kontrolliert, hat er schon mal ausgefallene Kundschaft. Nicht selten scheren Busfahrer, allen drohenden Sanktionen oder maulenden Fahrgästen zum Trotz, mit ihren Fahrzeugen freiwillig aus, um sich von Altmeyers Trupp, der Saarbrücker Verkehrsüberwachungs-Bereitschaft, in Augenschein nehmen zu lassen. Ein Fahrer verlangte beispielsweise: »Los, überprüft mich mal, ich kann nicht mehr.«

Solche Verzweiflungstaten sind für ausgepowerte Chauffeure oft die letzte Chance, wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, ohne es mit dem Chef zu verderben.

Im Betriebskalkül mancher Busunternehmer, die mit Billigangeboten die Kundschaft ködern, ist inbegriffen, daß die Busfahrer die zugelassene tägliche Lenkzeit von neun Stunden regelmäßig weit überschreiten. Wer die Reiserouten nicht in der knapp kalkulierten Zeit schafft, wer auf Ruhezeiten pocht oder sonstwie aufmuckt, wird oft unter einem Vorwand auf die Straße gesetzt.

Innerhalb von drei Wochen nahmen Altmeyer und seine Crew bei Saarbrücken kürzlich 108 Busse ins Visier, die auf der Reise nach Paris waren. Viele fuhren deutlich zu schnell, jeder vierte Fahrer hatte nachweislich die vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten nicht eingehalten. Einer von ihnen war 85 Stunden auf Achse, ohne sich ein einziges Mal acht Stunden am Stück auszuruhen. In solchen krassen Fällen besteht die Polizei darauf, daß die Busunternehmer einen Ersatzfahrer schicken.

Erschöpfte Fahrer, schlecht geschulte Aushilfskräfte, überhöhte Geschwindigkeiten und krumme Touren sind vielfach im Spiel, wenn es, wie vorletzten Sonntag beim baden-württembergischen Donaueschingen, zu schrecklichen Unfällen kommt.

Bei dem Crash im Schwarzwald am vorletzten Wochenende, bei dem 20 Menschen starben und 36 verletzt wurden, geht der Staatsanwalt davon aus, daß der Fahrer Gerhard Vogtmann, zugleich Chef des kleinen Unternehmens, übermüdet am Steuer eingeschlafen ist. Außerdem soll er schon vor der Unglücksfahrt eine Tour übernommen haben. Um das zu vertuschen, soll der Chauffeur, gängiger Trick im Gewerbe, einen falschen Namen auf der Tachoscheibe des Fahrtenschreibers eingetragen haben. Vogtmann wurde am vergangenen Donnerstag verhaftet.

Seit März ereigneten sich in Europa bereits neun weitere schwere Unglücksfälle, an denen deutsche Reisebusse beteiligt waren: 59 Menschen starben, Dutzende wurden schwerverletzt. Der vorerst letzte Unfall: Am Freitag voriger Woche stieß bei Chemnitz ein Reisebus mit einem Nahverkehrszug zusammen; dabei gab es einen Toten und sieben Verletzte.

Die schreckliche Häufung ist nach Ansicht der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) eine Folge davon, »daß immer mehr Busunternehmen ohne solide Grundlage auf den Markt drängen«. Im schärfer werdenden Wettbewerb kämpfen besonders in den neuen Ländern Billiganbieter aus Ost und West um Kunden.

Da an den Kosten für Busse, Benzin oder Versicherungsprämien nicht gespart werden kann, halten unseriöse Unternehmer das Personal knapp. Die Fahrer, die in der Bundesrepublik jährlich 30 Millionen Passagiere befördern, sind ohnehin schlecht bezahlt: Der Lohn liegt, trotz Streß und hoher Verantwortung, nur bei durchschnittlich 14 Mark brutto in der Stunde. Besonders Fahrer aus den neuen Ländern, wo ohnehin im Durchschnitt nur 8 Mark in der Stunde gezahlt werden und wo die Arbeitslosigkeit dramatisch steigt, heuern oft weit unter Tarif für Hungerlöhne an.

Billiganbieter beschäftigen außerdem bevorzugt Aushilfskräfte: Rund 40 Prozent aller Fahrer, ergeben Untersuchungen der ÖTV, sind für den anstrengenden Job schlecht ausgebildet. Maurer, Rentner oder Hausfrauen setzen sich gelegentlich hinters Steuer.

Lokführer der Bundesbahn oder Straßenbahnfahrer, so die Beobachtungen der Polizei, verbringen ihre freien Tage als Bus-Chauffeure bei »Erlebnisreisen«, wie die Werbung strapaziöse Fahrten nach Rom, Lissabon oder Lloret de Mar anpreist. Superdiscount-Angebot eines Unternehmens aus Norddeutschland: Hamburg-Paris-Hamburg, Übernachtung und Frühstück inklusive, für 99 Mark.

Obwohl für Langstreckentörns zwei Fahrer vorgeschrieben sind, übernehmen viele Lenker solche Fahrten schon mal allein: Sie müssen dann Trinkgelder und Erlöse aus dem Bordverkauf nicht teilen. Mancher Chef belohnt die Fahrer, die fünf gerade sein lassen, indem er sie für die brandneuen Busse und die besten Routen einteilt. Ein Busfahrer aus dem Raum Frankfurt: »Wer aufbegehrt, kriegt nur Tagesfahrten.«

Aus Angst um den Arbeitsplatz sehen sich viele Chauffeure auch zu krummen Touren gezwungen. Ein gängiger Trick ist das sogenannte Säubern an einer Autobahn-Raststätte.

Auf dem Busparkplatz in Montelimar in Südfrankreich trifft sich dann beispielsweise ein Fahrer, der einen vollbeladenen Bus aus Frankfurt gesteuert hat, mit seinem Kollegen, der gerade aus dem spanischen Badeort Lloret de Mar kommt. Anstatt die vorgeschriebene Ruhezeit zu nehmen, tauschen die beiden nach einer gemeinsamen Tasse Kaffee nur den Bus.

Damit wird den Passagieren vorgegaukelt, der fällige Fahrerwechsel sei ordnungsgemäß vollzogen worden. Beide Chauffeure legen jeweils neue Tachoscheiben in den Fahrtenschreiber, so daß der Schwindel bei Kontrollen nicht ohne weiteres auffällt.

Vertuscht werden auch regelmäßige Überschreitungen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern auf Autobahnen. Dazu verbiegen die Fahrer im Kontrollgerät den Metallstift, der die Geschwindigkeit auf der Tachoscheibe aufzeichnet. Andere sorgen mit einem Wattebausch oder Kaugummi dafür, daß der Stift nicht zu weit ausschlägt.

Solche auffälligen Methoden werden allerdings seltener, weiß Peter Mindorf, 51, Lehrer an der Landespolizeischule Baden-Württemberg in Freiburg. Mindorf: »Inzwischen gehen Busfahrer an die Elektronik ran.« Zum Beispiel wird ein Teil der Impulse, die vom Getriebe zum Fahrtenschreiber übertragen werden, über Heizung und Ventilator abgeleitet, damit die Kontrollnadel weniger Tempo anzeigt.

Die ÖTV gibt Reisenden »7 goldene Regeln« mit auf den Weg. Busurlauber sollen beispielsweise darauf achten, daß ihr Fahrer die vorgeschriebenen Ruhezeiten einhält, daß bei weiten Fahrten ein zweiter Mann an Bord ist und Tempo 100 nicht überschritten wird. Ende vergangener Woche forderte die ÖTV, daß sofort automatische Geschwindigkeitsbegrenzer in allen Reisebussen installiert werden sollten.

Konrad Barth, 58, vom ÖTV-Bezirksverband Bayern, hat unter den rund 5500 deutschen Busunternehmern »nicht nur einzelne schwarze Schafe, sondern ganze schwarze Herden« ausgemacht. Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) fordert erschwerten Zugang zum Gewerbe und schärfere Polizeikontrollen.

Von denen sind Busunternehmer und Fahrer bisher wenig beeindruckt. Vor allem im Osten Deutschlands klaffen erhebliche Lücken in der Kontrolle. Zwischen Rostock und Eisenach wird kaum inspiziert, weil es an geschulten Beamten fehlt. Horst Stranz, Leiter der Autobahn-Polizeistation Leipzig an der A 14: »Der Vergnügungsverkehr wird nicht besonders überprüft, weil wir bisher davon ausgingen, da ist Verantwortungsgefühl.«

Auch an den Autobahnen der alten Bundesländer, wo die Polizei den Schwerverkehr noch relativ gut im Auge hat, wird zuwenig kontrolliert. Gleichwohl fischen die Beamten aus dem Schwerverkehr immer wieder Fahrzeuge mit hanebüchenen Mängeln und verantwortungslose Fahrer heraus.

So stellte die Polizei kürzlich im Raum Stuttgart bei der Kontrolle von 6599 Lastwagen bei jedem vierten Fahrer Tempoüberschreitungen oder Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten fest. Hinzu kamen schwere technische Mängel an den Brummis, wie verrostete Bremsen oder gefährliche Überladungen.

Über einen schrottreifen belgischen Sattelzug, der bei der Großkontrolle auffiel, heißt es im Polizeibericht: »Ein TÜV-Sachverständiger verließ angesichts der ,Mängel', die der Sattelauflieger darbot, fluchtartig seine Prüfgrube.«

Häufig kontrollieren die Polizeibeamten auch noch für die Katz, weil Akten in den Gewerbeaufsichtsämtern, die für die Ahndung von Gesetzesverstößen im Schwerverkehr zuständig sind, unbearbeitet liegenbleiben. In der Busreisebranche hat sich herumgesprochen, daß viele Verfahren verjähren. So rügte 1990 der baden-württembergische Rechnungshof, daß in der Freiburger Behörde »nur etwa die Hälfte der jährlich rund 5000 Verfahren ordnungsgemäß« bearbeitet worden sei.

Jetzt wurden, auf ausdrückliche Empfehlung der Rechnungsprüfer, wenigstens Computer zur rascheren Auswertung von Tachoscheiben angeschafft.

Immer noch aber finden viel zuwenig Betriebsprüfungen bei Bus- und Gütertransportunternehmen statt. Diese Kontrollen sind sehr aufwendig, zumal viele Gewerbeaufsichtsämter noch immer keine Elektronenrechner mit arbeitserleichternden Spezialprogrammen besitzen. Nur so aber läßt sich feststellen, wenn Busunternehmen Routen systematisch zu knapp kalkulieren und nicht genügend Fahrer einsetzen.

»Erst wenn Gewerbeaufsichtsämter am Ball bleiben und in krassen Fällen Konzessionen entziehen«, sagt Polizeiexperte Altmeyer aus Saarbrücken, »wird sich vielleicht etwas ändern.«

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