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CHINA Schwarze Katze

Fraktionskampf in der Sommerfrische: Im Prominenten-Badeort Beidaihe debattiert die Parteielite. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Groß der Regen ... weiß die Wellen, Gischthimmel«, dichtete der große Vorsitzende Mao Tse-tung im Sommer 1954, »... Fischerboote im weiten Meer, verschwinden - wohin?«

Die im klassischen Stil verfaßten Verse, die das Panorama der Bohai-Bucht rühmen, schrieb Mao in Beidaihe, Chinas bekanntestem Seebad. Dort, 270 Kilometer östlich von Peking, versammelte der Gründer der Volksrepublik fast alljährlich die Parteispitze zum politischen Konklave.

Beim Genuß von Meeresfrüchten, nach dem Wassersport, diskutierte die KP-Elite die Zukunft von Volk und Vaterland: Hier beriet man beispielsweise über die Kollektivierung der Landwirtschaft, von hier aus startete Mao-Gefährte Lin Piao 1971 nach gescheitertem Putschversuch per Flugzeug in Richtung UdSSR (er stürzte über der Mongolei ab).

Das politische Palaver in Beidaihe findet noch immer statt. Teng Hsiao-ping, Chinas Reformer, hat an der Sommerfrische der Partei-Prominenz nichts geändert.

In dieser Saison geht es unter dem Gischthimmel von Beidaihe um Tengs eigene Politik: Dessen riskante Halse weg von Mao haben konservative Führungsgenossen zu Jahresanfang abrupt gestoppt. Tengs Steuermann Hu Yaobang, den Partei-Generalsekretär, haben sie gestürzt und einen neuen Kurs gegen die »bürgerliche Liberalisierung« durchgesetzt. Nun wird am Ferienort beraten, in welche Richtung es weitergehen soll.

Die Spitzenpolitiker der Volksrepublik treffen sich in ihren Hotels, Gästehäusern oder Privat-Datschen, in denen sie auf Staatskosten Ferienwochen genießen. Die Liste der offiziell als »Sanatorien« bezeichneten 3000 Unterkünfte liest sich wie ein Katalog des gesamten Regierungsapparates: Volkskongreß, Staatsrat und Generalstab verfügen hier über Quartiere, eine Bleibe hat auch fast jedes Ministerium, ob für Handel, Buntmetalle oder für Staatssicherheit, dazu die Staatsbank und das Parteiorgan »Volkszeitung«.

Der Exodus beginnt Ende Juli, Anfang August, wenn die Temperaturen in Peking unter einem grauverschmutzten Himmel, auf weit über 30 Grad klettern. Dann flieht die kommunistische Führungsriege vor der Schwüle der Hauptstadt an den zehn Kilometer langen Sandstrand - ganz so wie einst die kaiserlichen Würdenträger, die in ihre sogenannten »Bergvillen zur Vermeidung der Hitze« auswichen.

Bereits die Herrscher der Han-Dynastie ergötzten sich vor zwei Jahrtausenden an Klima und Aussicht, die »endlose See« und die »unüberwindlichen Wassermassen« besang schon der Feldherr Cao Cao 18 Jahrhunderte vor dem Kurgast Mao, dessen Außenminister Tschen Ji am schönen Ort notierte: »Tagesschimmer unter Bäumen, bis abends unaufhörliche Gezeiten. Herbstkühle wie Wasser, Lichterglanz am Horizont«.

Doch das meerumschlungene Städtchen ist weder vom glanzvollen Erbe imperialer Zeiten geprägt noch vom spröden Stil der sozialistischen Gegenwartsarchitektur. Sichtbar ist nur der blasse Charme kolonialer Gemütlichkeit. Denn erst nachdem britische Eisenbahningenieure das Fischerdorf 1898 als Ausflugsziel entdeckt hatten, entstand die prestigeträchtige Residenz für Diplomaten, Kaufleute und Missionare.

Kapitalisten aus Übersee oder chinesische Militärs bauten sich zwischen Lotus- und Ostberg ihre Villen: Mit vorgezogenen Dächern und weit ausladenden Veranden, wo sich noch heute mauve-weißer Hibiskus um schmiedeeiserne Geländer rankt.

Die gepflegte Beschaulichkeit ist längst einem Rummel gewichen, der sich mit Rimini messen kann. Fliegende Händler bieten Muschel-Kitsch und T-Shirts an. Photographen rücken die Urlauber für das Erinnerungsbild zurecht. Ob Garküchen oder Luftmatratzenverleih - der Handel blüht. Am »Tigerkopf-Felsen«, wo sich der Geruch von Limonade und Abort mit der Meeresbrise mischt, drängen sich die Badegäste »wie chinesische Ravioli in einem Topf«, so ein Einheimischer, »dicht an dicht«.

Die Enge trifft nur die Massen. Schon für »Helden der Arbeit« oder hochdekorierte Soldaten sind eigene Strände abgeteilt, den Sandstreifen vor dem Sommerpalast des Staatsrates haben Wachposten großräumig abgesperrt. Wenn Chinas Führung baden geht, darf allenfalls ein Hofphotograph zuschauen: Spitzenfunktionäre wie Teng oder Ministerpräsident Zhao Ziyang verfügen über ein eigenes Stück Strand.

Doch der politische Nachwuchs wagt sich unters gemeine Volk. In der Privat-Diskothek »Black Cat«, wo zwischen acht und zehn Uhr abends Titel wie »Rivers of Babylon« vom Band dröhnen und eine dreiköpfige Band revolutionäre Gesänge ("Mein Mutterland") oder ein deutsches Edelweiß-Lied poppig verfremdet, trat sogar Tientsins Bürgermeister Li Ruihuan aufs graue Linoleum. Für Fräulein Yang Liping, 19, war der Tanz mit dem leibhaftigen ZK-Mitglied das schönste Ferienerleßnis ("habe ich mir nicht vorstellen können").

Der Auftritt des swingenden Genossen Li ist eine Ausnahme. In die »Black Cat«, wo die Jeunesse doree zum Geflacker einer elektronischen Lichtorgel gelegentlich selbst Breakdance probiert, verirrt sich keiner der in Beidaihe ausspannenden Altrevolutionäre. Die mischen sich allenfalls inkognito unter die Kundschaft des einst deutsch geführten Cafe Kiessling (umschrieben: »Ji Shi Lin"), wo man noch immer Apfelkuchen und Schweinsohren serviert.

Sonst bleibt die Prominenz abgeschottet hinter Stacheldraht und Unterständen. Polizisten kontrollieren mit weißen Handschuhen rote, blaue und grüne Passierscheine, Geheimdienst und Grenztruppen schützen mit Funksprechgeräten die Privilegierten. Zudem sind in Beidaihe die Einheiten 38615, 38571 und 52977 der Volksbefreiungsarmee stationiert. Wie sich die eingeigelte Parteispitze auf den kommenden Parteitag vorbereitet, bleibt den chinesischen Touristen und den 20000 Einheimischen verborgen.

Politische Aktivität ist allenfalls am Hin und Her der gardinenverhängten Benz-Limousinen abzulesen. In den Gästehäusern rund um den Lotusberg, wo einst der große Vorsitzende Mao eine Bleibe und seine Gattin Tschiang Tsching, jetzt in Haft, in der Villa Nummer 125 ihre eigene Residenz hatte, dort rangeln in diesen Wochen die Fraktionen der Parteispitze um die Macht.

Jetzt werden jene Beschlüsse ausgehandelt, welche die Parteitagsdelegierten dann im Oktober verabschieden dürfen. Die wichtigsten Entscheidungen sind schon gefallen: Teng Hsiao-ping, der am Samstag dieser Woche 83 Jahre alt wird und im Wasser von Beidaihe noch seine Fitness vorführte, soll sich aus dem Politbüro zurückziehen, Premier Zhao Ziyang - gegen seinen erklärten Willen - auch de jure Generalsekretär der 46 Millionen starken KP Chinas werden. Bleibt nur offen: Wer wird neuer Ministerpräsident?

Das interessiert die gewöhnlichen Bade-Touristen am Strand von Beidaihe weniger als die Preise für Krabben oder frische Muscheln. »Politik hat keinen Sinn«, kommentiert ein Arbeiter, 19, den Machtkampf um die Logenplätze in der chinesischen Machtpagode. Und »ändern wird auch der Parteitag nichts«, klagt ein Intellektueller aus Peking.

Sicher ist, daß sich Teng Hsiao-ping mit seinem Rücktritt nicht von der Politik verabschiedet, sondern womöglich Vorsitzender der ZK-Militärkommission bleibt. Auch Zhu, 30, Eigentümer der Diskothek »Black Cat«, setzt auf Teng Hsiao-ping. Kein Wunder: Dank der Reformen verdient er täglich soviel wie ein Arbeiter in einem halben Jahr: 500 Jüan (250 Mark).

Der Name seines Musikladens (zehn Jüan Eintritt, etwa zwei Tageslöhne) ist eine Reverenz an Beidaihes prominentesten Sommerurlauber. »Egal ob die Katze schwarz oder weiß ist«, so einst der Pragmatiker Teng, »Hauptsache sie fängt Mäuse.« Eine schwarze Katze freilich gilt in China als ein Omen künftiger Armut.

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