Zur Ausgabe
Artikel 40 / 70
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ITALIEN / ATOMBEHÖRDE Schwarze Konten

aus DER SPIEGEL 12/1964

Der Delinquent stand gut mit der Justiz. Zwei Stunden vor seiner Festnahme läutete bei ihm das Telephon: Der Haftbefehl, so berichtete der Anrufer, sei soeben unterzeichnet worden.

Professor Felice Ippolito, 48, bis vor wenigen Monaten Generalsekretär der

Nationalen Atomenergiebehörde Italiens und einer der einflußreichsten Männer des Landes, packte sorgfältig einen Koffer und legte Freizeitkleidung an. Auf Krawatte, Hosenträger und Schnürschuhe verzichtete er.

Als der Polizeiwagen am Dienstagabend vorletzter Woche vor dem Haus Via Ettore Ximenes 12 in Roms Villenviertel Parioli hielt, öffnete ein schwarzer Diener in Livree und bat die Herren in den Salon. Die eingeschüchterten Carabinieri trauten sich erst auf dem Flur, ihrem illustren Häftling Handschellen anzulegen.

Fünf Monate lang hatten drei Untersuchungsrichter die Akten und Bilanzen der Atomenergiekommission durchforscht und dann festgestellt: Professor Felice Ippolito habe sich der fortgesetzten Unterschlagung im Amt, der Fälschung von Akten und Bilanzen, des Mißbrauchs der Amtsgewalt und der Verschleuderung von 9,3 Milliarden Lire (etwa 60 Millionen Mark) verdächtig gemacht.

Mit Ippolitos Verhaftung stürzte eine der grauen Eminenzen der italienischen Politik, auf deren Wort Minister und Parteisekretäre hörten.

Der selbstbewußte Neapolitaner Ippolito, Sohn eines Universitätsprofessors und in den ersten Nachkriegsjahren selber Geologieprofessor an der Universität Neapel, hatte den Ehrgeiz, Italiens Atomenergiekommission zu einem Machtinstrument auszubauen, »das die Politik des Landes mitbestimmt« (Ippolito).

Seit 1952 Sekretär des »Nationalkomitees für die Kernforschung«, erledigte Ippolito alle Verwaltungsarbeiten und sorgte dafür, daß aus dem Komitee alsbald ein imposanter Behördenapparat mit über tausend Angestellten wurde.

Seine Mühe wurde 1960 belohnt: Die Regierung wandelte das Forschungskomitee in eine »Nationale Atomenergiekommission« um und ernannte den Geologieprofessor zum Generalsekretär. Der Etat der neuen Behörde kletterte immer höher. Zwischen 1960 und 1963 betrug er 75 Milliarden Lire, fast eine halbe Milliarde Mark.

Der Generalsekretär entschied allein, wer eingestellt oder wieder entlassen wurde, wie hoch die Gehälter und wie hoch die Abfindungen beim Ausscheiden aus der Behörde waren. Er legte auch seine eigenen Bezüge fest und war mit einem Jahresgrundgehalt von 13 Millionen Lire (83 000 Mark) der bestbezahlte Staatsangestellte Italiens.

Obwohl die Forschungsabteilungen überbesetzt waren und allein die Bauplanungsabteilung 175 feste Mitarbeiter zählte, zog Ippolito es vor, alle größeren Aufträge an private Vertrauensfirmen zu vergeben.

Seiner besonderen Gunst erfreute sich dabei die Firma »Archimedes«, die er 1960 zusammen mit seinem Vater Girolamo gegründet hatte und deren Anteile fast vollständig in Händen der Familie Ippolito liegen. Das römische Wochenblatt »L'Europeo« witzelte: »Die Atome blieben in der Familie.«

Die »Archimedes« ist Dachgesellschaft von neun weiteren Firmen, in denen wiederum Familienangehörige oder Freunde Ippolitos als Teilhaber sitzen. Diese Firmen erhielten regelmäßig Forschungs- und Beratungsaufträge. Honorare von mehreren Millionen Lire flossen auch an Einzelpersonen, die niemals ein Gutachten eingereicht hatten.

Die Urlaubsreisen der Familie Ippolito nach Cortina d'Ampezzo, wo der Atomprofessor sich eine seiner Ferienvillen gebaut hatte, bezahlte die Atombehörde. »Ich habe das Geld nicht zurückerstattet«, erinnerte sich Ippolito vor dem Untersuchungsausschuß, »weil meine Sekretärin vergessen hat, mir den Betrag zu nennen.«

Nach der Verstaatlichung der Elektrizitätswirtschaft im Sommer 1962 ließ sich Ippolito von seinen politischen Freunden in den Aufsichtsrat des neugegründeten Staatsmonopols »Enel« wählen. Seine monatlichen »Enel«-Bezüge: eine Million Lire (6400 Mark).

Um dem Gesetz gegen die Ämterhäufung zu genügen, kündigte Ippolito seine Stellung als Staatsbeamter und stellte sich mit gleichem Gehalt und in gleicher Funktion als »beauftragter« Generalsekretär der Atombehörde wieder an.

Da er als freier Mitarbeiter aber kein Anrecht mehr auf die staatliche Altersversorgung hatte, ließ er sich eine Abfindung von 42 Millionen Lire (270 000 Mark) auszahlen.

Da wurde der Professor plötzlich das Opfer einer harmlosen politischen Kampagne, die Giuseppe Saragat, Chef der gemäßigten Sozialdemokraten, im August 1963 bei der Beratung des Etats der Atombehörde gegen die »ehrgeizige Atompolitik« der Regierung entfachte. Saragat klagte, auf dem Sektor »Atomwirtschaft« verschwende der Staat Milliardenbeträge, es würden zu viele Atomkraftwerke gebaut.

Die Atomkraftwerke gehörten zwar nicht zur Pfründe Ippolitos, dennoch stand alsbald die Ausgabenpolitik seiner Behörde zur Debatte. Der Atomprofessor fühlte sich jedoch so sicher, daß er zum erstenmal falsch taktierte.

Er stellte sich nicht den Angriffen, sondern machte mit seiner Familie eine Kreuzfahrt im Mittelmeer. Als er Ende, August nach Rom zurückkehrte, suspendierte ihn der Industrieminister Togni und setzte einen Untersuchungsausschuß ein.

Ungeklärt blieb bis heute, wo die 28 Millionen Lire (180 000 Mark) geblieben sind, die Ippolito als »Beihilfefonds« von der »Banca Nazionale del Lavoro« kassierte, bei der er ohne Genehmigung der Regierung Milliardenbeträge der Atombehörde deponiert hatte.

Erläuterte »L'Espresso": »Es hat sich offenbar bei vielen Kreditinstituten eingebürgert, den Großkunden unter dem Tisch dafür zu honorieren, daß er sein Geld der Bank überläßt. Man unterhält 'schwarze Konten' für ihn.«

Nach der zehn Seiten langen Haftbegründung hat Ippolito von den 9,3 Milliarden Staatsgeldern, die er verschleuderte, mindestens 1,8 Milliarden Lire. (11,5 Millionen Mark) »widerrechtlich« zu seiner eigenen Bereicherung oder zur Bereicherung seiner Freunde und Verwandten abgezweigt.

Ippolito vor dem ermittelnden Staatsanwalt: »Ich habe jahrelang alle meine Kraft für die Atomenergiebehörde eingesetzt. Wenn ein paar Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, so ist das bei einem so komplizierten Apparat nichts Ungewöhnliches.«

Verhafteter Atomchef Ippolito (l.), Polizist: »Die Atome blieben in der Familie«

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 70
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.