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Jugend Schwarze Pfote

Unter Jugendlichen breitet sich der Satanskult weiter aus. Jüngstes Opfer der brutalen Rituale: ein 15 Jahre alter Schüler in Thüringen.
aus DER SPIEGEL 20/1993

Auf dem Totenberg bei Sondershausen, einem Hügel nahe dem sagenumwobenen Kyffhäuser, wollte der christdemokratische Thüringer Landtagsabgeordnete Walter Möbus, 45, ein gutes Werk tun. Seine Datsche an dem Ort mit dem unheimlichen Namen überließ er einigen Jugendlichen zur Freizeitgestaltung.

Dort wurde es plötzlich gruselig: In Baumrinden fanden sich die Zeichen Luzifers, Pentagramme mit umgekehrten Kreuzen; und Spaziergänger munkelten, rund um die Möbus-Hütte würden Katzen und Hunde grausam zu Tode gequält.

Die Gruppe von Jugendlichen, Möbus-Sohn Hendrik, 17, immer dabei, ging dort einem schaurigen Kult nach. Die »Kinder Satans« brachten ihrem Götzen Blutopfer dar und zelebrierten schwarze Messen. Niemand kümmerte sich um das brutale Treiben - das Jugendamt war froh, daß die Teufelsanbeter nicht mehr das Jugendheim des Städtchens (24 000 Einwohner) frequentierten.

Die weitverbreitete Gleichgültigkeit kostete einen jungen Menschen jetzt das Leben: Die »Kinder Satans« töteten ihren Mitschüler Sandro Beyer, 15. Sie hatten ihn, so die Ermittlungen, am Abend zur Datsche in den Wald gelockt, ihn gefesselt, gequält und schließlich mit einem Elektrokabel erwürgt. Die Leiche verscharrten sie in einer nahe gelegenen Baugrube.

Nach der Tat kam der Behördenapparat nur mühsam in Gang. Der Stiefvater des Opfers forschte noch in derselben Nacht nach dem vermißten Sandro, die Polizei wiegelte nur ab: »Der wird schon wieder auftauchen«, lautete die Auskunft nach Angaben der Eltern.

Sie fanden kurz darauf im Kinderzimmer Zettel mit Hinweisen auf Verbindungen zu den Satansgläubigen, schließlich das T-Shirt ihres Sohnes in der Nähe der Möbus-Datsche. Erst als der Leichnam entdeckt wurde, eine Woche nach der Tat, kam die Polizei richtig auf Touren: Drei »Kinder Satans« wurden vorletzte Woche verhaftet. Sie gestanden die Tat.

Keiner der Verantwortlichen hatte bis dahin das Treiben der Gruppe als gefährlich eingeschätzt. Dabei müßte Lehrern, Eltern und Jugendarbeitern seit langem klar sein, wie gefährlich der Satanskult ist. Die brutalen Rituale haben immer wieder Opfer gefordert: *___Eine 15jährige verblutete 1986 bei einem Satansritual ____in einem Wald beim westfälischen Lüdinghausen; *___vier junge Leute aus Bensheim an der Bergstraße gingen ____im selben Jahr im Satanswahn freiwillig in den Tod; *___ein 16 Jahre alter Gymnasiast wurde 1988 in ____Essen-Kettwig von einem Gleichaltrigen auf einem ____verfallenen Fabrikgelände mit einer Eisenstange ____erschlagen, weil er neben einem Opferaltar für Satan ____plötzlich »panische Angst« verspürte; *___zwei Teufelsanbeter, 15 und 19 Jahre alt, aus dem ____fränkischen Forchheim begingen im Todeswahn 1991 ____Selbstmord - monatelang hatten sie sich in schwarze ____Messen und Satansanbetung hineingesteigert. _(* Im Wald bei dem hessischen Ort ) _(Ahlheim. )

Es gibt kaum noch einen Ort in der alten Bundesrepublik, wo Jugendliche nicht satanische Erfahrungen sammeln könnten. Vorigen Monat legte der Berliner Religionswissenschaftler Hartmut Zinser eine Studie über »Jugendokkultismus in Ost und West« vor. 4331 Schüler in Ost- und West-Berlin waren befragt worden.

Danach gehören für nahezu jeden vierten West-Berliner Schüler okkulte Praktiken zum Alltag. Mädchen beteiligen sich daran zwei- bis dreimal so häufig wie Jungen. Im Ostteil der Stadt liegen die Zahlen zwar um die Hälfte niedriger, doch auch dort wird die Schar der Satansgläubigen immer größer.

Andere Experten, so der Essener Verein »Sekten Info«, beobachten bei den Teufelsanbetern »immer härtere Praktiken«. Die »reale Bedrohung«, warnt der Verein, »werde von Eltern oder Schulen häufig kaum erkannt«, allzuoft würden die Rituale als bloße »Spielerei« abgetan.

So war es auch in Sondershausen. Die harte Satansgruppe vom Totenberg hatte in der Schule und im städtischen Haus der Jugend offen herumerzählt, daß sie sich für ihre Riten in den Wald zurückziehe. Die Jugendlichen sangen es auch laut heraus, auf einer selbst hergestellten und unterderhand vertriebenen Musik- und Videokassette. Ihre Black-Metal-Gruppe nannten sie »Absurd«, einen ihrer Songs »Werwolf«. Er beschreibt das Szenario von Sandro Beyers Tod: _____« Wenn der Vollmond scheint in finstrer Nacht, hör'' » _____« ich, wie die Wälder klingen. Niemand weiß, wie ich » _____« wirklich bin. Niemand hält das Böse auf. Niemand weiß, » _____« daß ich Werwolf bin. Eine schwarze Pfote formt sich aus » _____« meiner Hand. Ihr könnt meinem Blutdurst nicht entrinnen. » _____« Ich stille meinen Blutdurst mit Menschenfleisch. Deine » _____« Eingeweide schmecken mir gut. Im Wald hört niemand der » _____« Opfer Schreie. Wieder ist die grausige Tat vollbracht. »

Das wahrscheinliche Motiv der Täter ist, daß Sandro zuviel wußte. Der sensible und nachdenkliche Eigenbrötler hatte zunächst versucht, in den Satanskreis aufgenommen zu werden.

Der versammelte sich ständig zu Gewaltvideos im Wohnhaus von Hendrik Möbus'' Eltern. Zu sehen gab es härteste Kost, auch indizierte und verbotene Titel. »Am liebsten Splatter- und Actionfilme, wo die Menschen aufs grausamste getötet werden«, so gab es Möbus junior der Schülerzeitung seines Gymnasiums selber zu Protokoll.

Das Interview mit dem stadtbekannten Anhänger des Satanskultes hatte das Pennäler-Blatt Kurz und gut schon im November letzten Jahres gedruckt. Darin bedroht Möbus das spätere Opfer:

»Sandro B. gehört definitiv nicht zu uns, auch wenn er so etwas in der Art behaupten mag.« Und: »Falls irgendwer auf den Gedanken kommen sollte, uns besuchen zu wollen, so sei er gewarnt: Unser Verhalten hängt sehr stark vom Verhalten unseres Gastes ab. Im tiefen Wald hört dich niemand schreien . . .«

Vor allen Dingen der Kopf der Satansgruppe, der oft leichenblaß geschminkte 17jährige Sebastian, wollte Sandro nicht in den Satanskreis hineinlassen. Sandro schwankte zwischen Kritik an Sebastian und Nähe zur Satansclique, zu der auch einige Mädchen gehörten. Er pinnte einen Spruch an seine Zimmerwand: »Einst suchte ich das Leben, einst suchte ich die Liebe. Doch aus dem Leben wurde Flucht, und aus der Liebe wurde Angst.«

Sandro hatte selber Angst, wurde aber auch, als Mitwisser, zur Bedrohung für die Gruppe. Tief versteckt unter seinen abgetragenen Sachen fand sich jetzt eine Liste der Horrorvideos, die von den »Kindern Satans« raubkopiert und verkauft wurden - offenbar im Hause des Abgeordneten Möbus. Darunter sind indizierte Titel wie »Texas Chainsaw Massacre« oder »Flesh & Blood«.

Sandros Mutter entdeckte auch zwei Drohbriefe der Satanisten mit der Forderung, Sandro solle die Videoliste herausrücken. »Er wollte was aufdecken«, meint sie, »er hat die Satanisten bedroht, die ihre Macht und Faszination auf dem Geheimen begründeten.«

Am Mordtag steckte ein Brief in Sandros Schulranzen - von einer geheimnisvollen Juliane. Sie opponiere auch gegen die Satanistengruppe, stand in dem Schreiben, und wolle sich mit Sandro treffen. Für ihn schien das unbekannte Mädchen ein Mitstreiter zu sein, den er in der Erwachsenenwelt nicht hatte.

Das Mädchen war aber nur ein Lockvogel. Am Abend sollte er sie treffen, oben am Totenberg. Seine Mutter wollte ihn zurückhalten. »Ach, laß mal«, meinte er, »das regel'' ich schon alleine, ich habe doch alles bisher alleine geregelt.« Zwei Stunden später war er tot.

* Im Wald bei dem hessischen Ort Ahlheim.

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