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Martin Morlock SCHWARZE SONNE

aus DER SPIEGEL 6/1965

Wir hätten einander auch in München, Hamburg, Bremen oder Mannheim begegnen können, aber das Schicksal war für Wuppertal.

Auf dem Wege dorthin studiere ich den schwarz glänzenden Katalog eines Bestattungsinstituts, der sich beim Aufschlagen als Tournee -Programmheft entpuppt, und erfahre mehr oder minder Vertrautes: daß die zur Zeit in Deutschland gastsingende Juliette Gréco, 37, als »Muse von Saint-Germain-des -Prés« gelte, Zeitgrößen wie Sartre, Camus, Mauriac, Genet und Buffet zu ihren Freunden zähle und von Bewunderern wahlweise »schwarze Sonne«, »schwarzer Kolibri« und »schlanker und schöner schwarzer Fisch« genannt werde.

Neu und für mein Vorhaben ebenso wichtig wie entmutigend erscheinen mir Hinweise auf das »fast Gelähmtsein, von dem man in ihrer Nähe befallen wird«, und die »Hände ... die bitten und flehen und die doch drohen, zurückstoßen, erwürgen können«.

»Niemand«, so warnt mich das Heft, »kann eine schwarze Sonne berühren, ohne sich zu

verbrennen ... Je mehr man sie kennenlernt, um so rätselhafter erscheint sie ... In ihrer Nähe gibt es keine Sicherheit ...«

Zage betrete ich ihr Zimmer im »Hotel Kaiserhof«, sehe Blumen (vom Wuppertaler Bahnhofsvorsteher), geöffnete Koffer, aus denen Duftig-Schwarzes quillt; sehe auf einer kurzen Polsterbank eine schwarz funkelnde, lange Plastikhose, darüber einen schwarzen Pullover, darüber Augen, die, laut Programm, »wie Feuer glühen und durch die man doch in unendlich dunkle Tiefen blicken kann ...«

Die schwarze Sonne, im Schneidersitz, klopft einladend auf das kärgliche Stück Polster zu ihrer Rechten. Ich lasse mich vorsichtig nieder und bekomme eine Tasse Whisky mit Kaffee.

Wuppertal erinnere sie äh das nordfranzösische Lille; das sei auch so scheußlich, sagt die funkelnde Juliette, aber nichts könne ihre gute Laune schmälern; nicht einmal ein Kolumnist, der ihr als »méchant« (bösartig) avisiert worden sei.

»Malicieux« (boshaft), verbessere ich.

Der Grund ihres Frohmuts: Die Bundesrepublik, einschließlich der, wie sie befürchtet hatte, zugeknöpften Bremer, war »sehr freundlich« zu ihr. Ein Umstand freilich, der ihre Grundeinstellung zu den Deutschen kaum berührt: »Verzeihen

und vergessen, das gibt's nicht. Keiner kann von mir erwarten, daß ich in dieses Volk besonders vernarrt bin.«

Mehr noch als der Gedanke an schlimme Résistance-Erfahrungen scheint die Erinnerung an kürzer zurückliegende Verdrießlichkeiten ihre Germanenliebe zu trüben. Ich erhalte Kenntnis von einer Gemüseplatte mit Würstchen, die der Österreicher O. W. Fischer ihr, der Hungrigen, erst über den Kantinentisch zugeschoben habe, nachdem »das Beste weg war«.

»Aber was soll's! Im Grunde ist mir die Nationalität scheißegal. Ich mag Menschen; Augen, Gesichter, Haut, die man anfassen kann« - ihre Hand legt sich vertraulich auf mein linkes (bedecktes) Knie - »und Intelligenz«.

»Das Schlimmste, was es für mich gibt, ist Dummheit. Böse Menschen kann man wenigstens ärgern; das gibt einem eine gewisse Genugtuung. Aber Dummköpfe setzen einen ständig ins Unrecht, weil sie einen so entsetzlich guten Charakter haben.«

Ich beobachte ihre Gesten; es sind fast die gleichen wie auf der

Bühne, nur wirken sie im Gespräch lebhafter, weniger tempeljüngferlich. Ob sie diese Bewegungen vor dem Spiegel einstudiere, frage ich.

»Nein, sie sind überhaupt nicht einstudiert.«

Mein skeptischer Blick erbost sie: »Halten Sie mich für eine Lügnerin? Ich lüge niemals!« - Und sie weiht mich in das Mysterium der berühmten Gréco-Gestik ein: »Ich stehe zuerst da, mit verschränkten Armen. Das ist das einzige, was ich bewußt tue. Alles übrige kommt von allein, wächst aus mir heraus, wie Zweige aus einem Baum. Natürlich hängt es auch vom Inhalt des Chansons ab. Ich muß etwas dabei spüren. Da« sie tippt sich an die Stirn - »da oder da.« Das mittlere »Da« bezeichnet die Herzgegend.

Zu guter Letzt weiß ich, daß Juliette Gréco »keine Angst vor dem Tod hat«, gleichwohl »lieber im Flugzeug als im U-Boot« zu sterben wünscht, und kenne ihren politischen Zwiespalt: »Ich fühle links, bin aber Gaullistin. Notgedrungen. Wissen Sie, wir Franzosen sind ein so altes Volk, wir mokieren uns über alles. Deshalb brauchen wir einen großen Mann - oder wenigstens einen alten.«

Kaum im Korridor, geht mir noch einmal das Programmheft durch den Sinn: »Wer könnte sie ergründen ... ohne sich am Feuer der schwarzen Sonne zu versengen?« Ängstlich befühle ich mein linkes Knie.

Juliette Gréco

Martin Morlock
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