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Italien Schwarze Spur

Die Bombenanschläge vom Dezember 1969, bisher linken Anarchisten angelastet, wurden vermutlich von rechten Ultras geplant -- drei Neofaschisten sind deshalb in Haft.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Pünktlich zu Weihnachten schickten Unbekannte dem Richter Doktor Giancarlo Stiz, 44, per Post eine Pistolenkugel; seither bekommt er Dutzende von Drohbriefen.

Ein »geheimes Tribunal Süditalien P.S.Z.Y.« etwa expedierte einen »Haftbefehl« gegen den »Richter am kommunistischen Gericht von Treviso": Wer den Dottore Stiz tot oder lebendig ausliefere -- so der Brieftext --, könne als Prämie zehn Millionen Lire kassieren.

Mit Morddrohungen oder gar Attentaten muß Stiz auch weiterhin rechnen. Denn der Untersuchungsrichter im norditalienischen Treviso ist bei Itailiens rechten Terroristen derzeit der bestgehaßte Mann. Grund: Er ermittelte gegen eine Gruppe von Ultras, die 1969 -- allem Anschein nach -- mehrere Sprengstoffanschläge in Norditalien verübte.

Vorigen Monat kam Rechts-Forscher Stiz zu der Überzeugung, daß auf das Konto dieser Terroristen auch das blutigste Attentat der italienischen Nachkriegsgeschichte geht: die Bombenexplosion am 12. Dezember 1969 in der Mailänder Landwirtschaftsbank, die 16 Todesopfer forderte.

Gestützt auf die Fleißarbeit des Richters, leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen 14 Verdächtigte ein. Die Hauptbeschuldigten:

* Giuseppe ("Pino") Rauti, 46, Journalist in Rom, Vorstandsmitglied und Parlamentskandidat der Neofaschistenpartei »MSI« sowie Gründer der erzkonservativen Truppe »Neue Ordnung«;

* Franco Freda, 36, Rechtsanwalt aus Padua, Autor rechter Schriften und Mitglied eines Zirkels für arische Herrenmenschen, der »Gruppe AR«;

* Giovanni Ventura, 28, Verleger und Buchhändler in Treviso, Herausgeber der »nationalrevolutionären« Zeitschrift »Reaktion«.

Die drei Ewiggestrigen werden beschuldigt, zusammen mit noch unbekannten Tätern die Dezember-Attentate in Mailand und Rom »gefördert, organisiert und finanziert« zu haben. Ende März schickte Richter Stiz das Beweismaterial -- neun Bände Dokumente sowie elf Pakete mit Waffen und Sprengstoff -- der Zuständigkeit halber nach Mailand. Dort, im vierten Stock des Justiz-Palastes, bereiten jetzt Staatsjuristen die Anklage vor.

Italiens Zeitungen berichten Tag für Tag seitenlang über das Verfahren, spekulieren unermüdlich über »bedeutende Namen hinter den schwarzen Bomben« (so die Illustrierte »Tempo"). Den politischen Parteien des krisengeschüttelten Landes liefert der Fall Rauti neue Munition für ihren -- angesichts der Parlamentswahlen am 7. Mai -- ohnedies schon heftigen Propagandakrieg. Denn das Stiz-Dossier bestätigt einen Verdacht, den Italiens Linke seit langem äußert.

Obgleich es 1969/70 sehr wohl Hinweise auf Terroranschläge rechter Ultras gab, haben die Justizbehörden von Mailand und Rom bei der Suche nach den Verantwortlichen für die Dezember-Bomben die »pista nera«, also die schwarze (faschistische) Spur, zunächst geflissentlich übersehen. Statt dessen ermittelten sie ebenso einseitig wie eidfertig gegen Anarchisten -- so gegen den Ex-Ballettänzer Pietro Valpreda (SPIEGEL 12/1972).

Die massiven Vorwürfe der linken Apo gegen die Justiz gipfelten in dem Schlagwort »La Strage di Stato« (Das Blutbad des Staates). Ein Buch gleichen Titels, das Valpreda entlastet und die Faschisten als Umstürzler brandmarkt, wurde sogar zum Bestseller.

Aus der Justizbehörde von Treviso sickerte durch, daß Richter Stiz, unabhängig vom Valpreda-Prozeß, »erdrückendes Beweismaterial« über rechte Terroristen gesammelt habe: Indizien gegen Rauti, Ventura & Co.

Auf den extremistischen Verleger-Twen Ventura war schon zur Jahreswende 1969/70 ein Verdacht gefallen. Damals meldete sich der Lehrer Guido Lorenzen beim Gericht in Treviso und sagte aus: Sein Freund Ventura habe sich in Diskussionen über die Attentatsserie deutlich als Bombenbastler zu erkennen gegeben.

Die Staatsanwaltschaft bat Lorenzen, den Bastelfreund mit Hilfe eines Mini-Sendegeräts weiter auszuhorchen. Tonbandaufzeichnungen der Ventura-Bekenntnisse wurden an die Staatsanwälte Occorsio und Cudillo geschickt, die wegen des Blutbads in der Mailänder Landwirtschaftsbank ermittelten. Doch dies Duo ging offenbar lieber auf Anarchistenjagd: Es sandte das Material nach Treviso zurück. Dort, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, folgte fortan Richter Stiz der »schwarzen Spur«.

Stiz fand heraus, daß Yenturas Mitstreiter Freda 1969 in Bologna 50 Zeitzünder (Marke Diehl, Typ ND 900) gekauft hatte. Genau diese Zünder -- so der Richter -- habe man bei den Dezember-Bomben in Mailand wiedergefunden.

Daß die Terroristen »aus Padua und Treviso im Einvernehmen mit dem Römer Rauti bombten, steht für Stiz so gut wie fest. Der neofaschistische Journalist, dem das Wort zugeschrieben wird: »Die Demokratie ist eine Infektion des Geistes«, soll schon in einer Aprilnacht des Jahres 1969 in Padua zusammen mit Franco Freda Attentatspläne geschmiedet haben.

Aus abgehörten Telephongesprächen geht hervor, daß die paduensischen Ultras an jenem Abend tatsächlich einen gewissen Pino erwarteten. Doch ein Rauti-Verteidiger kontert: »Dieser Pino ist nicht Pino Rauti. Außerdem wird bei uns in Venetien jeder Giuseppe »Pino' genannt. Allein an der Uni Padua gibt's tausend davon ...«

Die römische Rechts-Zeitung »Il Tempo«, zu deren Redaktionsstab Rauti gehört, nahm den verdächtigten Schreiber sogleich gegen den Komplott-Vorwurf in Schutz. Ein neofaschistischer Abgeordneter, erzürnt über den Haftbefehl gegen Rauti, beschimpfte den Richter Stiz als »kriminellen Lumpen«.

Rauti selbst, vom römischen »Espresso« wegen seiner Huldigungsreisen zu den griechischen Obristen »Giuseppe der Athener« getauft, leugnet entschieden, in der fraglichen Woche nach Padua gefahren zu sein. »Die Anklage ist absurd ... Mein Gewissen vor Gott und den Menschen ist ruhig.«

Wann es zum Prozeß gegen die rechten Ultras kommt, ist noch ungewiß. Denn inzwischen müssen Mailands Richter auch das Verfahren gegen Pietro Valpreda präparieren. Sie stehen mithin vor der paradoxen Aufgabe, wegen derselben Verbrechen gegen Rechte und Linke zu ermitteln, deren Anführer zudem beide Kandidaten der Parlamentswahlen sind. Sollten Valpreda (für die linksextreme Splitter-Partei »Manifesto") und Rauti (für die Neofaschisten »MSI") am 7. Mai gewählt werden, können die Untersuchungs-Häftlinge ihre Zellen verlassen -- dann schützt sie fürs erste die Abgeordneten-Immunität.

Findige Juristen räsonnieren bereits, ob man die beiden Prozesse nicht koppeln könne. Hypothese: Die Faschisten haben die Bombenanschläge zwar geplant, dann aber durch einen Agent provocateur die Anarchisten zur Ausführung der Tat angestachelt.

Im »Griechenland der Obristen«, will der sozialistische »Tempo« wissen, lernten Italiens rechte Ultras die Technik der Infiltration in die linke Apo. »Seither explodieren und töten die schwarzen Bomben -- und sehen dabei aus wie rote Bomben.«

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