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Schwarzer Humor

Die ARD präsentiert ihren Carrell-Nachfolger: den Schunkelsänger Roberto Blanco.
aus DER SPIEGEL 39/1980

Als Rudi Carrell sein »Laufendes Band« stillegte und dem WDR für die Showmaster-Vakanz den »Spaßvogel« Roberto Blanco empfahl, da glaubte mancher, der holländische Schelm habe sich einen letzten Scherz mit der tutigen ARD erlaubt.

Roberto Blanco, 43, Schlagersänger und Tingel-Entertainer, ein Matador biederster Volksbelustigungen, als Nachfolger von Großmeister Carrell? Ein »Rumtata-Typ« und Schunkelbruder im Dienst des WDR, der sich Narreteien wie die »Plattenküche« leistet und zumindest den Ehrgeiz hat, halbwegs intelligent zu unterhalten? Kein Witz, er kommt tatsächlich.

»Noten für zwei« heißt die neue ARD-Unterhaltung, die der Spielführer Blanco am 27. September, 20.15 Uhr, live starten wird, eine Familienshow mit acht Kandidaten, die -- ähnlich wie im »Laufenden Band« -- in Improvisier- und Geschicklichkeitsspielen wetteifern. Vier Sendungen sind vorerst gebucht; Blanco soll viel singen, auch ein bißchen schauspielern, lustig talken.

Die Sprache, räumt er ein, macht ihm Probleme; singen, Publikum um den Finger wickeln, das hat er gelernt. Blanco, der dunkelhäutige Sohn kubanischer Eltern, lebt seit über 20 Jahren recht proper vom Showgeschäft. Zwar hat er mit Platten nur selten Erfolg gehabt; sein Singlehit »Ein bißchen Spaß muß sein« liegt lang zurück; noch trennt ihn, sagt er, vom erfüllten Leben die »Goldene Schallplatte«.

Aber überall dort, wo Frohsinn nur organisiert losbricht, im TV-Studio, auf Betriebsfesten oder Galas, ist der Stimmungskanonier Blanco unentbehrlich. Wenn er seinen Baß-Bariton aufdreht, augenrollend über die Bühne stampft, gerät das Parkett aus dem Häuschen. Wenn der »Onkel Roberto mit Ihrer Hilfe jetzt sein Bestes gibt«, das Auditorium zu Tierlaut-Imitationen anstiftet, dann gibt -- miauend und blökend -- auch Mutti unten alles. Die Stammtisch-Deutschen, die doch alltags dem Schwarzen eher feind sind, haben den Onkel Roberto furchtbar lieb.

Er ist »ein Positiv-Mensch«. Deutsches Wesen behagt ihm sehr, »Disziplin und Zuverlässigkeit«. Karibisch an ihm muß die durchgängige Fröhlichkeit sein, die der Künstler nur ausnahmsweise ablegt, wenn er beispielsweise einen Kellner, der warmen Sekt kredenzt, »Arsch mit Ohren« nennt oder einen unbotmäßigen Dekorateur, der bei den Blancos die Gardinen liederlich aufgehängt hatte, aus dem Hause prügelt. Gemeinhin ist er -- wie seine Schweizer Frau Mireille bekundet -- »viel zu gut für diese Welt«.

Aber dieses vulkanische Naturell hat ja auch seine kreative Kehrseite. In TV-Studios neigt er schon während der Proben zu Darbietungen schwarzen Humors. Vor den indignierten Kessler-Zwillingen hat er einmal die Hosen heruntergelassen und das nackte Gesäß zum Gruß entboten. Mit einem subtileren Jux erheiterte Strauß-Freund Blanco die schläfrigen Delegierten eines Unions-Parteitages. »Wir Schwarzen müssen zusammenhalten«, rief er bekennerisch in den Saal, »da kam der Bum«, und das Plenum erwachte.

Ein singender Löwenthal, also? Blanco winkt ab, beruflich schwebt er über den Parteien; Schmidt ist »ein guter Kanzler«, seine Verehrung für Genscher beruht auf Gegenseitigkeit. Der Minister schätzt ihn als seinen »Lieblingsinterpreten«.

Als Showmaster ist Blanco im WDR noch immer umstritten. Unterhaltungschef Hoff steht beherzt zu seinem Kandidaten; er hat, nach Spielproben im Atelier, »ein gutes Gefühl«, lobt Blancos Gespür, »mit Leuten umzugehen«. Inoffiziell ängstigt sich mancher, der Sender sei mit Blanco auf dem peinlichen Weg zum Bembel-Humor des »Blauen Bock«. »Da wird«, sagt einer, »was Langweiliges rauskommen.« Der listige Carrell habe sich mit dem Blanco-Vorschlag »einen raffinierten Schachzug« ausgedacht:

Nach einem Flop mit dem sonnigen Kariben werde ihm »der WDR auf Knien entgegenrutschen«.

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