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SCHUL-INTEGRATION Schwarzer Mittwoch

aus DER SPIEGEL 46/1969

Der Präsident entdeckte Schlimmes:

Das höchste Gericht der Nation vertrat »extreme« Ansichten.

In der Frage der Rassen-Integration an Amerikas Schulen, so hatte Richard M. Nixon noch Ende September räsoniert, »gibt es zwei extreme Gruppen«. Die eine wünsche die sofortige schwarz-weiße Gemeinschaft, die andere Rassentrennung auf ewig. Taktiker Nixon: »Ich glaube, wir brauchen einen mittleren Kurs.«

Nun, am vorletzten Mittwoch, solidarisierten sich die acht höchsten Richter Amerikas mit der einen Extremisten-Gruppe: Einstimmig befahl der Supreme Court die »sofortige« Rassen-Integration in 30 Schul-Distrikten des Südstaats Mississippi.

Eine Woche vor dem Urteil hatten Nixons Staatssekretär im Justizministerium, Jerris Leonard, und Segregations-Anwälte aus Mississippi noch gemeinsam gefordert, die Rassen-Integration weiter hinauszuschieben. Jetzt mußten Nixon und sein Justizminister John Mitchell ("Mr. Law and Order") nach rechtsstaatlichem Brauch geloben, die Ausführung des Richterspruchs »auf jede mögliche Weise« zu erleichtern.

Für Amerikas Farbige war das Urteil »eine erfrischende Wohltat« (so ein Sprecher in Mississippi), für den Präsidenten aber war es ein »schmerzhafter Rückschlag« ("The New York Times"). Denn der Spruch

* wurde von einem Gericht gefällt, dessen Vorsitzender, Warren Burger, erst von Nixon ernannt worden war -- als vermeintlicher Garant für eine konservative Rechtsprechung;

* gefährdet den Fortbestand der Südstaaten-Strategie, mit deren Hilfe Nixon im vergangenen Jahr überhaupt erst zum Präsidenten gewählt wurde.

Als Gegenleistung für die Stimmen des tiefen Südens hatte Wahlkämpfer Nixon den Konservativen 1968 versprochen, er werde die Zusammenführung von schwarzen und weißen Kindern in den Schulen der Südstaaten nicht über die Köpfe der Eltern und den Einspruch der Lokalbehörden hinweg erzwingen.

Kaum war er ins Weiße Haus eingezogen, da klagten die Reaktionäre das Versprechen ein: Südstaatliche Kongreßabgeordnete und Senatoren, allen voran der Strauß-Freund Strom Thurmond aus South Carolina, ließen sich ihre Zustimmung für Gesetzesvorlagen des Präsidenten honorieren -- im Gegengeschäft mußte Nixon Teile der Bürgerrechte opfern. Augenfälligste Folge: Die Schul-Integration, besonders in South Carolina, Alabama und Mississippi, wurde immer weiter hinausgezögert,

15 Jahre nachdem der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung an öffentlichen Schulen in einem historischen Urteil erstmals für verfassungswidrig erklärt hatte, gibt es erst in einem guten Drittel der 1129 Schul-Distrikte des Südens rassisch gemischte Klassen. Im Bundesstaat Mississippi zum Beispiel besuchten 1968 nur 7,1 Prozent der schwarzen Kinder eine integrierte Schule; alle anderen waren auf die -- meist wesentlich schlechteren -- Negerschulen angewiesen.

Um Nixons südliche Strategie auch während der Amtszeit des Präsidenten intakt zu balten, zogen Nixons einstige Wahlhelfer und jetzige Minister John Mitchell (Justiz) und Robert Finch (Erziehung) Ende August sogar vor Gericht und erwirkten eine Verlängerung des Integrationstermins in 30 Schulbezirken von Mississippi. Die sofortige Beseitigung des alten, zweirassigen Systems werde, so Finch, zu »Chaos, Verwirrung und einem katastrophalen Rückschlag im Erziehungswesen« führen.

Mitchell und Finch waren einen Schritt zu weit gegangen. Im Justizministerium rebellierten etwa 40 liberale Rechtsanwälte gegen ihren Minister und die Verzögerungstaktik in der Schulpolitik. Und vor dem Obersten Gerichtshof klagte eine Farbigen-Organisation auf sofortige Rassen-Gemeinschaft in den öffentlichen Schulen.

Die acht Richter folgten den Argumenten der Farbigen. Wer die Integration hinauszögere, so entschieden sie, »verweigert vielen Tausenden von Schulkindern fundamentale Rechte«. Um die »sofortige« Rassen-Gleichheit zu beschleunigen. hob der Supreme Court sogar die bisher gültige Formel auf, wonach Schulen stets mit Bedacht und Besonnenheit ("with all deliberate speed") integriert werden sollen. Diese Formel ist »künftig nicht mehr verfassungsgemäß«.

Nixons Verbündete im Süden empfanden das Urteil als »bösartig« (Strom Thurmond). Der Abgeordnete John Rarick aus Louisiana sprach von »Justiz-Tyrannei«. Und Mississippi-Gouverneur John Bell Williams klagte: »Wieder einmal wurden unsere Schulkinder als Opferlämmer auf dem Altar sozialer Experimente dargebracht.«

Alabamas Justizminister, MacDonald Gallion, schließlich bezeichnete den Urteils-Tag als »schwarzen Mittwoch«. Denn nun, so prophezeite er, werde das öffentliche Schulwesen im Süden »ein Schulsystem für die Farbigen« werden.

Tatsächlich schicken jetzt schon immer mehr weiße Eltern ihre Kinder auf Privatschulen, die keine Farbigen aufzunehmen brauchen. Diese Schulen, so schrieb die »Washington Post«, »blühen auf wie Magnolien«. Allein in diesem Jahr wurden zum Beispiel in North Carolina bereits 30 private Lehr-Institute eröffnet; in Mississippi kamen zu den bestehenden 52 Privatschulen zwölf neue hinzu.

An der »weißen« Humphreys Academy in Silver City (Mississippi) kletterte die Schülerzahl seit 1968 von 101 auf 400; an der Bayou Academy in Shaw (Mississippi) von 155 auf über 500.

Die Privatschul-Blüte wird vermutlich nicht von langer Dauer sein, da die staatlichen Subventionen fehlen. Die Gegner der schwarz-weißen Klassengemeinschaft können dennoch -- trotz des Supreme-Court-Spruches -- aus einem anderen Grund mit weiterem Zeitgewinn rechnen.

»Selbst wenn der Supreme Court die sofortige Integration anordnen sollte«, hatte Staatssekretär Leonard schon vor dem Urteil erklärt, »so wird sich doch nichts ändern.« Denn im Justizministerium »gibt es gar nicht genug Mitarbeiter, um eine sofortige Integration durchzusetzen«.

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