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FRANKFURT Schweift ab

Die Ära Wallmann geht in Frankfurt zu Ende: Den Oberbürgermeister drängt es in Kohls Kabinett. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Der Oberbürgermeister von Frankfurt ist schon wer. Sein Ruhm reiche, brüstet sich Walter Wallmann, 53, bis in die entlegensten Winkel der Vereinigten Staaten - dorthin, wo viele nicht einmal von der Teilung Deutschlands wissen und der hessische Ministerpräsident »ein Nobody« ist.

Ob das Frankfurter Stadtoberhaupt neben New Yorks Bürgermeister Ed Koch an der Spitze der Steuben-Parade marschierte oder im kalifornischen Silicon Valley zukunftsweisende Mikroprozessor-Technik bestaunte - überall war Wallmann, erinnert er sich »well known«.

Denn in Frankfurt, glaubten die Yankees zu wissen, müsse er es wie in

Chicago mit der Unterwelt aufnehmen. Und er habe, bekundeten US-Politiker ihm Respekt, eine Skyline hochgezogen wie in Manhattan - Wallmann, der deutsche Superman.

Der Oberbürgermeister will noch höher hinaus. Ein Büroturm soll die Stadt am Main überragen, so hoch wie sonst keiner in Europa, mehr als 200 Meter. Wallmann schwankt nur noch, ob es nach italienischer Art ein »Campanile« im Arbeiterviertel Gutleut sein soll oder ein schlichter »Spargel« auf dem Messegelände.

Wo der Klotz auch wächst, er soll zu einem gigantischen Denkmal für Wallmann werden. Zur Vollendung des Monstergebildes freilich wird der Oberbürgermeister wohl nur den ersten Spatenstich setzen können - denn es zieht den Wolkenkratzer-Fan unaufhaltsam nach oben, an den Kabinettstisch von Helmut Kohl, »meinem Freund«.

Frankfurts Christdemokraten richten sich darauf ein, so ein CDU-Stadtverordneter,daß er bald geht«, und munkeln schon über den Nachfolger. In Bonn rechnen führende Unionspolitiker fest mit ihm. »Das ist praktisch vorentschieden«, weiß ein Parlamentarier, unklar sei nur noch, »welches Ressort er bekommt«. Wallmann selber ziert sich noch mit einer klaren Aussage. »Ich bin gerne hier, aber es kann im Sommer eine Situation eintreten«, läßt er rätseln, »wo ich über meine Zukunft nachdenken muß.«

Mit seinem Spezi Kohl hat Wallmann, auf ausgedehnten Waldspaziergängen, längst alles gerichtet. So einen wie ihn, der immer strahlend und ohne Schrammen seinen Weg gemacht hat, lockte der Kanzler, könne er in seiner beschädigten Ministerriege gut gebrauchen. Da mußte er seinen Freund nicht lange bitten.

Die Kunde von Wallmanns Kommen hat Unruhe unter den hessischen CDU-Spitzenpolitikern in der Bundeshauptstadt gestiftet. Denn mit Fraktionschef Alfred Dregger Forschungsminister Heinz Riesenhuber und Postminister Christian Schwarz-Schilling sind die Hessen ohnehin schon überrepräsentiert. Sicherlich, spekuliert ein CDU-Hesse in Bonn, »fällt dann Schwarz-Schilling in den Kabelschacht«. Auch Wallmanns Wünsche sind schon durchgesickert: Der Innenminister-Posten sollte es sein, der Chefsessel eines neu zu bildenden Ressorts »Umwelt und Zukunft« könnte es sein. Daß Wallmann sich mit Perspektiven für ein menschlicheres Dasein schon intensiv beschäftigt und auch viel davon versteht, läßt er in letzter Zeit bei vielen Gelegenheiten durchblicken.

In Wiesbaden, wo Journalisten den CDU-Landesvorsitzenden zu einer Fragestunde gedrängt hatten, weil er sich in der Landespolitik so rar mache, langweilte Wallmann mit einem Vortrag über »die Nöte der Freizeitgesellschaft, wenn wir die Vier-Tage-Woche bekommen«.

Mit typisch Frankfurter Problemen, bemerken selbst seine christdemokratischen Parteifreunde in der Stadt, hat der Oberbürgermeister nicht mehr viel im Sinn. In der Fraktion, klagt ein CDU-Abgeordneter, »ist er nur noch sehr selten, und wenn er kommt, dann schweift er von den drängenden Dingen ab« - gerade so, als wäre er in Gedanken schon in Bonn. _(Mit Bundeskanzler Kohl, vor der ) _(renovierten Alten Oper in Frankfurt. )

Sein Weg dorthin scheint vorgezeichnet: Mitte Juni soll die sogenannte Elfer-Kommission der hessischen CDU, der interne Führungsstab der Landespartei offiziell von Wallmanns Plänen unter richtet werden und ihm einen Platz auf der Landesliste für die kommende Bundestagswahl zusichern, die der Parteitag dann im September formell beschließt

Voraussichtlich einziger Streitpunkt, wer die Nummer eins auf der Liste wird: Wallmann oder Alfred Dregger. Der jetzige Landesvorsitzende trägt Dregger noch immer nach, daß dieser ihn nach seiner Wahlniederlage 1982 ohne vorherige Absprache in der Öffentlichkeit zu seinem Nachfolger und neuen Spitzenkandidaten für die nächste Landtagswahl bestimmte, die er dann ebenfalls verlor. Wallmann, der seine ehrgeizigen Bonner Pläne durchkreuzt sah, ist noch heute verärgert: »Ich war richtig erschrocken, als ich das im Fernsehen sah.«

Den Posten des hessischen Ministerpräsidenten will Wallmann von einem Bonner Ministeramt aus ansteuern. Im Herbst nächsten Jahres, wenn in Wiesbaden gewählt wird und er womöglich schon im Bonner Amt ist, hätte der CDU-Kandidat nach dem Kalkül hessischer CDU-Strategen bessere Ausgangsposition als bisher: Im Wahlkampf könnte er dann ungehemmt über das rotgrüne Bündnis herziehen, er müsse nicht wie als OB, so ein führender hessischer CDUler, »vormittags immer friedlich die Amtskette tragen und abends dann schnell die Schlägermütze aufsetzen.«

Wallmanns erfolgreiche Zeit in Frankfurt, in der er die Stadt mit Bauwerken wie der Alten Oper oder der Römerbergzeile aufmöbelte und die Bürger ihm bei den letzten Kommunalwahlen dankten, daß es sich in der Stadt wieder flanieren läßt, scheint ohnehin zu Ende zu gehen. Bei neuen Mammutprojekten die das Stadtoberhaupt werbewirksam versprach, stößt er zunehmend auf Widerstand.

Bürgerprotest formiert sich sowohl gegen die Bundesgartenschau, die bis 1989 das urwüchsige Niddatal in eine künstliche Parklandschaft verwandeln soll, als auch gegen die schienenfreie Innenstadt, in der sämtliche Trambahnen dem kostspieligen U-Bahn-Netz geopfert werden sollen. Und Wallmanns großspurige Ankündigung, das Bahnhofsviertel von Dirnen. Fixern und Kriminellen zu säubern, erweist sich zusehends als Flop.

Nicht einmal der erste Schritt ist bislang geglückt: Der sozialdemokratische Regierungspräsident in Darmstadt wird wohl die von Wallmann geforderte Sperrgebietsverordnung, mit der die Bordelle aus dem Rotlichtviertel in städtische Randzonen verlagert werden sollen, nicht erlassen. Denn selbst im Kiez erfahrene Kripobeamte gehen davon aus, daß damit »kein bißchen Kriminalität zerschlagen wird.

Durch seine kostspieligen Prachtbauten und aufwendigen Museen hat der Oberbürgermeister überdies Schulden aufgetürmt, die Frankfurts Einwohner immer deutlicher zu spüren bekommen. Von 1977, Wallmanns Amtsantritt, bis Ende vergangenen Jahres haben sich die Verbindlichkeiten von 2,3 auf 4,3 Milliarden Mark nahezu verdoppelt. Der jährliche Zinsendienst ist im selben Zeitraum um fast das Dreifache auf rund 300 Millionen Mark gestiegen. Mit dieser Entwicklung ist Frankfurt unter bundesdeutschen Großstädten ganz vorn dabei.

Die Finanznot trifft vor allem die sozial Schwachen in der Stadt, für die eine Nutzung der Prestigeobjekte oft gar nicht mehr erschwinglich ist. Der Eintritt im Rebstockbad, Frankfurts"Schwimm-Oper«, kostet elf Mark - kein Platz für Gastarbeiter oder Rentner.

Wer als neuer Oberbürgermeister einmal die Erblasten übernehmen soll, darüber ist sich Wallmann, vermuten Frankfurter Christdemokraten, selbst noch nicht im klaren. Einer wie Wolfram Brück, 49, Kreisvorsitzender der Frankfurter CDU, wäre ihm wohl ganz recht. Der Personal- und Rechtsdezernent, ein strammer Gefolgsmann des OB, war immer präsent, wenn Wallmann aufsässige Parteimitglieder zu stauchen hatte.

Die Berliner Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien und die Paderborner Professorin Gertrud Höhler, ebenfalls als Nachfolge-Kandidaten im Gespräch, scheiden dagegen aus seiner Sicht wohl aus - allein schon wegen ihres Geschlechts.

Wallmann jedenfalls, weiß ein Frankfurter CDU-Abgeordneter, »mag keine Frauen in der Politik«.

Mit Bundeskanzler Kohl, vor der renovierten Alten Oper in Frankfurt.

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