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BUNDESPOST Schweigende Mehrheit

Die Telephongebühren-Erhöhung vom Juli 1974 hat sich für die Post nicht gelohnt: Zu viele Bundesbürger verloren die Lust am eigenen Fernsprecher.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Bei telephonlosen Bürgern der Elbstadt Stade fragte dieser Tage die Post brieflich an, ob nicht auch sie sich eine Leitung Legen lassen wollten. Bezieher von Neubauwohnungen in Berlin erhielten den amtlichen Tip, sie sollten sich doch einmal umsehen, ob im neuen Heim nicht noch etwas fehle, in Fernsprechhäuschen locken seit Wochen Plakate: »Von zu Hause aus wäre es bequemer.«

Wie in Stade und Berlin ist der Bürger, jahrelang daran gewöhnt, auf die Zuteilung rarer Fernsprechleitungen lange und geduldig warten zu müssen, in vielen Städten der Bundesrepublik über Nacht zum umworbenen Postkunden aufgerückt. Die bundesweite Warteliste der Deutschen Bundespost, in Hoch-Zeiten auf knapp eine Million Fernsprech-Aspiranten angewachsen. schrumpfte in den letzten Monaten auf rund 80 000 zusammen. Und auch diese Kunden können mit rascher Bedienung rechnen. Zögernd gestehen Postsprecher ein: »Es gibt an einigen Stellen sogar schon freie Kapazitäten.«

Die Rezession auf dem Telephon-Markt war zwar gewollt, sie fiel aber unerwünscht drastisch aus. Als Anfang vergangenen Jahres interministerielle Arbeitskreise in Bonn die Gebührenerhöhung zum 1. Juli 1974 vorbereiteten, drangen vor allem die Vertreter des Wirtschaftsressorts darauf, das teure Wachstum im Fernmeldebereich zu bremsen. Zwar zahlten Deutschlands Telephonkunden noch 1972 über eine Milliarde Mark mehr ein, als sie die Post kosteten -- und subventionierten so defizitäre Postdienste wie Paketversand und Briefzustellung.

Aber je mehr Anschlüsse mit Milliarden-Aufwand produziert wurden (bisher rund eine Million jährlich), desto mehr verschlechterte sich die Struktur der Telephonbesitzer, weil jetzt die schweigende Mehrheit zum Zuge kam. Die Investitionen für jene 57 Prozent der Telephonbenutzer. die nur 40 Mark oder weniger im Monat versprechen, sind ein reines Zuschußgeschäft. »Fünf Prozent der Fernsprechteilnehmer«, räsoniert der Friderichs-Ministerialrat Günther Storsberg, »müssen den ganz dicken Brocken bezahlen.«

Die Lösung schien einfach. Durch Anhebung der Einrichtungskosten von 120 auf 200 Mark, durch eine erhöhte Grundgebühr von 26 auf 32 Mark je Monat und durch verteuerte Gespräche (je Einheit von 21 auf 23 Pfennig) sollte nicht nur mehr Geld in die Kassen fließen, sondern auch Otto Kleinverbraucher die Lust auf den eigenen Apparat genommen werden.

Verblüfft jedoch beobachteten die Post-Planer, daß »der breiten Schicht, in die wir jetzt vorstoßen, dem höher bezahlten Facharbeiter« (Post-Ministerialdirigent Waldemar Haist) angesichts der zweifelhaften Konjunkturaussichten und der Gebührenerhöhungen das teure Wort buchstäblich im Halse steckenblieb. Haist: »Wir haben damit gerechnet, daß eine Nachfrage von 800 000 Neuanschlüssen in diesem Jahr bleibt.« Tatsächlich werden es jedoch höchstens 600 000 sein. Der Staatsbetrieb Post muß sich mit der in der freien Wirtschaft längst geläufigen ökonomischen Erkenntnis vertraut machen, daß auch ein Monopolbetrieb seine Preise nicht nach Belieben erhöhen kann.

Soweit sind indes die Post-Manager noch nicht. Sie wollen in diesem Jahr wiederum 5,5 Milliarden Mark im Fernmeldebereich investieren. Sobald es mit der Konjunktur wieder aufwärtsgehe, so ihre optimistische Rechnung, würden auch die Arbeiter wieder zum Hörer greifen. Es sei daher sinnvoll, schon jetzt auf Vorrat zu produzieren.

Ihren Optimismus, daß sich die Milliarden-Investitionen nicht zu einer Pleite gleichen Kalibers auswachsen, rechtfertigen die Post-Beamten zudem mit dem Hinweis auf internationale Zahlen: Während etwa in Schweden und den USA auf je 100 Einwohner über 60 Sprechstellen entfallen, rangiert die Bundesrepublik mit rund 29 Sprechstellen bislang nur auf dem 14. Rang. Haist: »Wir müssen erwarten, daß die deutsche Volkswirtschaft das langfristig auch braucht.«

Ob sie es in nächster Zukunft auch will, bleibt fraglich. Post-Kritiker warnen, die Reaktion auf den jüngsten Kostenanstieg habe bewiesen, daß bei den gegenwärtigen Telephon-Preisen neue Anschlüsse auf keinen Fall wieder wie einstmals gefragt werden -- selbst wenn die Konjunktur sich erholt. Storsberg glaubt daher nicht an den Nachfrage-Stoß im nächsten Jahr: »Das ist eine Hoffnung von Illusionisten.«

Die Folgen wären fatal. Immerhin thront die Post heute schon auf einem Schuldenberg von über 40 Milliarden Mark, dessen Tilgung und Verzinsung jährlich fünf Milliarden Mark verschluckt. Allein die in diesem Jahr für Schaltstellen und Kabel vorgesehenen 5,5 Milliarden Mark kosten -- zehn Prozent Kapitalkosten und zehn Prozent Abschreibung unterstellt -- über eine Milliarde Mark.

Doch selbst wenn Postminister Kurt Gscheidle es möchte -- aus politischen Gründen könnte er seine Investitionen kurzfristig kaum dem Nachfrage-Schwund anpassen. Denn vom Milliarden-Rausch des staatlichen Telephon-Monopolisten in den vergangenen Jahren leben heute ganze Branchen. Bei Siemens etwa müssen seit dem Herbst vergangenen Jahres rund 3000 Arbeitnehmer kurzarbeiten, weil die Postaufträge geringfügig nachließen. Bei Zulieferfirmen wie SEL oder dem Kabelhersteller Felten & Guillaume würde eine Drosselung der Post-Aufträge ebenfalls Arbeitsplätze gefährden.

So bleibt Gscheidle tatsächlich nur die Hoffnung, daß die Telephonkunden gegen den Schmerz der Teuerung abstumpfen. Denn an Preissenkungen -- und damit an ein Nachfrage-Stimulans für die verschreckten Kunden -- ist erst recht nicht zu denken. Damit würde der Finanzkollaps des gelben Unternehmens nur beschleunigt.

Bereits in diesem Jahr droht der Post statt des gleichzeitig mit der Gebührenerhöhung des Vorjahres vorhergesagten Überschusses von mehreren hundert Millionen Mark ein neunstelliges Defizit. Die Buchhalter des Staats-Unternehmens sind schon froh, wenn sie den zu erwartenden Verlust trotz der drei Milliarden Mark Mehreinnahmen durch die jüngste Gebührenerhöhung mit »weitaus weniger als eine Milliarde Mark« umschreiben können.

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