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Schwein oder armes Schwein?

aus DER SPIEGEL 4/1995

Der Patient im Kreiskrankenhaus Waldbröl machte einen desperaten Eindruck. Mit ungekämmten, struppigen Haaren empfing er den Doktor zur Visite. Das Gesicht schwitzig, die Augenlider kaum geöffnet, die Stimme tonlos. »Depressiv klagsamer Zustand«, notierte vorigen Montag der Kölner Professor Erland Erdmann. Der Kranke wirke »nicht seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechend«.

Der da »fahrig und weinerlich« lag, ist ein Mann von Rang und auf vielerlei Gebieten ein Profi: Karl Wienand, früher Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD. Er war Paladin des SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner und später stiller Helfer des Kanzlers Helmut Schmidt.

Ein Mann für alle Fälle. Oft stocherte er am Abgrund, machte für die sozial-liberale Koalition die Kärrnerarbeit, für die andere sich zu fein waren, und die war manchmal richtig dreckig.

Aber hat er auch die Sache der anderen Seite betrieben? Über Wienand und seine angeblichen Verbindungen in den Osten findet sich in dem jetzt aufgetauchten Brandt-Papier unter Punkt vier die angebliche Information Walentin Falins: Von 1975 an »sei Karl W. eine Verpflichtung gegenüber dem dortigen Dienst eingegangen«.

Der »dortige Dienst« - war das der in Ost-Berlin oder doch der in Moskau? »Eine Verpflichtungserklärung« für irgendeinen Dienst habe Karl Wienand unterzeichnet, heißt es wichtigtuerisch in dem Brief, in dem ein unbekannter Tipgeber die Karlsruher Bundesanwälte auf Brandts Aufzeichnungen hinwies.

Gerichtliche Klärung ist vorerst nicht zu erwarten. Am Mittwoch vergangener Woche sollte vor dem 4. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts der Prozeß gegen Wienand beginnen. Gemeinsam mit dem früheren Stasi-Offizier Alfred Völkel sollte sich der Sozialdemokrat wegen angeblicher geheimdienstlicher Tätigkeit für die DDR verantworten.

Der Prozeß fällt vorerst aus. Erdmann, Direktor der Kölner Uni-Klinik III für Innere Medizin, hat den Kranken verhandlungsunfähig geschrieben. Wienand fühle sich, so der Professor, »existentiell durch seine Krankheit (nächtliche Atemnotanfälle, Angina pectoris) bedroht« und mache nicht den Eindruck, »als könne er der Situation angemessene klare Gedanken fassen«.

Wienand-Gegner in Bonn, und an denen ist kein Mangel, verweisen darauf, der Fall komme ihnen irgendwie bekannt vor. Auf dem Höhepunkt der Affäre um die in Konkurs gegangene Fluggesellschaft Paninternational brach Wienand 1974 in Wehners Zimmer zusammen und verschwand für eine Weile von der Bonner Bühne. »Zeitweilig« sei er, erzählt Wienand, damals »erblindet gewesen«.

Fest steht, daß die Anklage gegen Wienand etwas dünn ist. Für den Vorwurf, der Sozialdemokrat habe zwischen 1970 und 1989 im Dienste der Stasi gearbeitet, gibt es - alles in allem - keine üppigen Beweise. Belege über angebliche Monatszahlungen von 10 000 Mark fehlen, wenn sie denn überhaupt existieren. Kein Dokument eines Verrats ist aufgetaucht.

Aber in das Verfahren kommt durch den jetzt aufgetauchten Brandt-Vermerk doch Bewegung. Die Bundesanwaltschaft fürchtet, daß bei »dem Zeugen Falin jederzeit mit der Rückkehr nach Rußland gerechnet werden« müsse. Der frühere Botschafter, teilte Bundesanwalt Joachim Lampe dem Düsseldorfer Gericht vorige Woche mit, müsse im Fall Wienand »kommissarisch« vernommen werden. Diese Woche wird wohl bereits Termin sein.

Ganz behaglich kann auch führenden Sozialdemokraten nicht sein. Brandts einstiger Ostunterhändler Egon Bahr ist im März 1994 von Lampe vernommen worden. Da kannte er schon den Brandt-Vermerk, hat aber kein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Er habe geschwitzt, soll er Vertrauten verraten haben, aber: »Wienand ist kein Schwein, sondern ein armes Schwein.«

Doch ungetrübt kann Bahrs Glaube an Wienand nicht sein. Falin hat auch ihm gegenüber in einem Hintergrundgespräch gebeichtet, er wisse definitiv, daß Wienand für einen östlichen Geheimdienst gearbeitet habe. Bahr verstand damals Stasi.

Wienand versteht das alles nicht. Im Krankenhaus, wenn kein Doktor zuhört, räsoniert er über »Charakterlumpen und Hurenböcke« - mit schwacher Stimme.

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