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KOLUMBIEN Schwelender Krieg

Rechtsextreme Todesschwadronen und linke Guerrilleros erschüttern die 28jährige Demokratie. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Der Professor sitzt an seinem Schreibtisch aus tropischem Edelholz und verfaßt einen Essay über die Gewalt. Am Fenster im Nebenzimmer stehen Soldaten und schießen ziellos mit Gewehrgranaten ins nahe gelegene, von der Guerilla besetzte Elendsviertel.

Wenige Straßenzüge weiter kümmert sich niemand um den Krieg. Eine begeisterte Menschenmenge feuert auf einer Wiese Fußballspieler an, an den Ständen eines Wohltätigkeits-Bazars wird gehandelt, ein Orchester spielt zum Tanz auf. Die südkolumbianische Stadt Cali

scheint an Widersprüchen alles zu übertreffen, was Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez über sein Land zu dichten vermochte. Obwohl Präsident Belisario Betancur bei seiner Amtsübernahme vor bald vier Jahren verkündete, es werde nun »kein Tropfen Blut« mehr fließen, scheint Kolumbien in Brutalität und Gewalt zu versinken. Dabei wählt das 28-Millionen-Volk am kommenden Sonntag einen neuen Präsidenten.

Geregelte Urnengänge, alle vier Jahre ein Präsidentenwechsel ohne Diktaturgefahr, das gibt es in dieser unruhigen Weltgegend nur selten. Gleichzeitig aber hat Kolumbien die älteste Guerilla Bewegung des Kontinents, eine mächtige Drogenmafia und eine der höchsten Gewaltquoten der Welt.

Widersprüche überall - schon die Natur ist grausam, wenn sie wie vor sechs Monaten 23000 Menschen unter dem Schutt und Schlamm eines geborstenen Vulkankegels begräbt. Die Bürger scheinen Gewalt zu lieben, schnell greifen sie zur Machete, um sich auf offener Straße blutige Duelle zu liefern.

Hilflos stehen die Behörden der Kriminalität gegenüber. Im letzten Jahr wurden mehr Menschen ermordet als unter der elfmal größeren Bevölkerung der EG. In Kolumbien ist Motorradfahrern das Tragen eines Schutzhelmes verboten, damit die Polizei es mit der Identifikation leichter hat. Denn vor zwei Jahren wurde Justizminister Lara Bonilla von einem Motorrad aus niedergeschossen.

Die Faszination der Gewalt ist Erbe langjähriger Bürgerkriege, die Kolumbien seit dem letzten Jahrhundert immer wieder erschütterten - zuletzt in den 50er Jahren, als im blutigen Bruderzwist zwischen der Liberalen und der Konservativen Partei 200000 Menschen umkamen.

»Die Zunahme der Gewalt ist in letzter Zeit vor allem politisch bedingt«, meint Alvaro Camacho, Professor an der Universidad del Valle in Cali. Statistiken zeigen, daß die Zahl der Opfer von Messerstechereien und Raufereien unter Alkoholeinfluß nicht zugenommen hat. »Dafür wächst eine regelrechte Industrie des Todes«, geleitet von mächtigen paramilitärischen Organisationen.

Sie nennen sich »Terminator«, »Grüne Schwadron« oder »Schwarze Hand«. In psychopathischem Reinigungswahn wollen sie nicht nur all jene Verdächtigen, die mit der linken Guerilla in Kontakt stehen könnten, sondern auch Verbrecher, Homosexuelle und Transvestiten ausmerzen.

In Cali, einer reizvollen Stadt im fruchtbaren Caucatal, deren Frauen als die schönsten des Landes gelten, durch deren Straßen Besitzer auch modernster Landwirtschaftsbetriebe noch immer mit Cowboyhut und Pferd zum abendlichen Bier reiten, liegen täglich vier oder fünf Opfer dieser Todesschwadronen auf dem Pflaster.

»Die offizielle Gewalt« nannte letzte Woche Generalstaatsanwalt Carlos Jimenez Gomez eine andere Variante des Terrors: Polizeibeamte und Militärs »betreiben auf eigene Rechnung einen schmutzigen Krieg gegen Guerilla und Delinquenten«.

Nie konnten sich die Militärs mit der von Präsident Betaneur in die Wege geleiteten Friedenspolitik anfreunden. Der frühere Verteidigungsminister General Landazabal gab kürzlich in einem Buch zu, daß er seinen Truppen befohlen hatte, den von der Regierung aufgezwungenen Waffenstillstand zu mißachten. Betancur feuerte Landazabal - doch die Gewalt konnte er nicht stoppen.

»Der Frieden kostet uns mehr Tote als der Krieg«, klagte ein Führer der »Union Patriotica«, des Wahlbündnisses zwischen der legalen Kommunistischen Partei und der größten Guerillabewegung des Landes Farc, die nach dem Betancur-Frieden politisch arbeitet. Tatsächlich hat die Farc seit dem Waffenstillstand über 250 Mitglieder durch Schüsse der Todesschwadronen eingebüßt.

Weniger ernst als die kommunistische Farc meinten es wohl die wegen ihrer spektakulären Aktionen bekannten Linksnationalisten der M-19-Bewegung. Sie raubten 1974 das Schwert des Freiheitshelden Simon Bolivar zum Zeichen für die Wiederaufnahme des Kampfes. Ein waghalsiger Diebstahl von 5000 Gewehren aus einer Kaserne verschaffte ihnen Waffen, die Besetzung der Botschaft der Dominikanischen Republik während eines Empfangs - auch der US-Botschafter gehörte zu den Geiseln - brachte ihnen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit.

Die M-19 ließ sich durch die Armee zum Bruch des Waffenstillstandes von 1984 provozieren und wurde prompt von überlegenen Streitkräften in die Berge getrieben.

Ihr mit peruanischen und ecuadorianischen Kämpfern verstärktes internationales »Batallon America« schlug sich bei Cali tapfer. Doch die M-19, die in den Elendsvierteln von Cali arbeitslose Jugendliche mit Sold, Lebensmitteln und Waffen zu sich lockt, scheint die Friedensstimmung im Lande nicht zu erkennen. Nicht mal ihr Angriff auf den Justizpalast in Bogota im vergangenen November, den die Militärs ohne Rücksicht auf das Leben der Geiseln niederkämpften, hat etwas für sie bewirkt.

Auf beiden Seiten haben sich die Militaristen durchgesetzt«, meint ein Soziologe in Cali. Während die Politik Sache zweier korrupter Parteien bleibt, die sich die Macht aufteilen - auch der Wahlverlierer bekommt Ministerposten -, verhindert die Gewalt jede politische Reform in Kolumbien. Dabei ist das Land im Grunde erstaunlich gesund, jedenfalls nicht von jener hoffnungslosen Misere gezeichnet wie viele Nachbarstaaten. Zwischen 1925 und 1975 waren die jährlichen Wachstumsraten in Kolumbien größer als in den USA oder Japan: Nur 15 Prozent der Kolumbianer sind Vollanalphabeten, die Lebenserwartung ist seit 1930 von 34 auf 65 Jahre gestiegen.

Kolumbien hat Kohle, Erdöl und eine in Teilen moderne landwirtschaftliche Produktion. Drei Milliarden Dollar bringt allein der illegale Handel mit Marihuana und Kokain im Jahr. Auslandsschulden von 13,1 Milliarden Dollar geben kaum Grund zur Besorgnis. Und steigende Kaffeepreise werden auch Betancurs Nachfolger genügend Mittel für Investitionen verschaffen.

Doch das Parlament besteht zu 70 Prozent aus Großgrundbesitzern - eine Reform ist von ihnen kaum zu erwarten. Der Widerstreit zwischen Gewalt und Demokratie dürfte anhalten, wie immer die Wahl endet.

Für die Militärs ist das System einträglich - sie verdienen bei dem seit Jahrzehnten fast ununterbrochenen Ausnahmezustand doppelten Sold und werden nach der halben Dienstzeit pensioniert.

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