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FRANKREICH Schwerer Fehler

Verriet die KPF kommunistische Widerständler, weil sie Ausländer und Juden waren? *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Achtung, Skandal!« schrieb der Pariser »Nouvel Observateur« in seiner wöchentlichen Fernsehvorschau. Gemeint war der Dokumentarfilm »Terroristen im Ruhestand«, der Skandal fand in der Chefetage des Staatssenders Antenne 2 statt. Intendant Jean-Claude Heberle setzte die Sendung ab. Die Kommunistische Partei hatte es verlangt.

Daß die KPF gegen das »schändliche antikommunistische Unternehmen« (so das Parteiblatt »l''Humanite") Sturm lief, ist kein Wunder. Denn der Film beschäftigt sich mit einem der zwielichtigsten Kapitel in der Geschichte der französischen KP: der Affäre Manouchian.

Als »Terroristen im Ruhestand« stellten sich die letzten Überlebenden der kommunistischen Widerstandsgruppe Manouchian aus dem Zweiten Weltkrieg der Kamera. Zwischen März 1942 und November 1943 hatten sie verzweifelt gegen die deutschen Besatzer gekämpft, in dauernder Todesangst, weil sie wußten, daß deutsche und französische Polizisten ihnen dicht auf den Fersen waren. Das Besondere an der ausschließlich in Paris tätigen Gruppe: Ihre Mitglieder waren allesamt Einwanderer oder Flüchtlinge und in der Mehrheit Juden.

Die Nazis faßten sie, im Februar 1944 wurden 23 Widerständler hingerichtet. Heute stellen die wenigen Überlebenden die explosive Frage: Trägt die KP-Spitze Mitschuld daran, daß ihre Kameraden der Gestapo in die Hände fielen? Eine eindeutige Antwort gibt es bislang nicht. Doch eines ist klar: Die KP tut alles, um solche Antwort zu vermeiden. Und dafür hat sie wohl ihre Gründe.

Im Mai 1943 hatten sich der gebürtige Armenier Missak Manouchian und seine Kampfgefährten aus dem streng überwachten Paris, in dem die Deutschen bereits mehrere Widerstandsgruppen der KP ausgehoben hatten, nach Südfrankreich absetzen wollen, um nicht völlig aufgerieben zu werden. Doch die KP-Leitung verlangte, die Gruppe müsse den Kampf in Paris fortsetzen. Kurz darauf fiel sie den Deutschen in die Hände.

Für Adam Rayski, damals einer der Chefs des jüdisch-kommunistischen Widerstandes, ist die Sache klar: »Die Führung der KP beging einen schweren politischen Fehler, und ihre Mitverantwortung für die Verhaftung ist unbestreitbar.«

Manouchian selbst klagte vor der Hinrichtung in einem Abschiedsbrief an seine Frau: »Ich verzeihe allen, außer dem, der uns verraten hat, um seine Haut zu retten, und denen, die uns verkauft haben.«

Seit langem spekulieren die Historiker darüber, warum die Partei so viele ihrer aktivsten Widerständler geopfert haben könnte. Plausibel scheint das Argument, den Mitgliedern der Gruppe Manouchian sei es primär um den Kampf gegen die Nazis und nur in zweiter Linie um den Sieg kommunistischer Prinzipien gegangen. Als Genossen ausländischer Herkunft hingen sie eher anarchistischen und trotzkistischen als orthodox-kommunistischen Ideen an, so daß sie der stalinistischen Pariser Parteizentrale suspekt waren.

Hinzu kommt, daß die KPF Helden und Märtyrer brauchte, um gegenüber Stalin bestehen und bei dem Befreiungsmatador Charles de Gaulle mehr Gewicht einbringen zu können. Jedenfalls lancierte die KPF erstmals im März 1944 den danach unablässig wiederholten Werbespruch, sie sei die heroische »Partei der Füsilierten«.

Aber ausgerechnet die füsilierte Gruppe Manouchian wurde im Zentralorgan der Partei, die sich sonst ihrer Märtyrer nicht genug rühmen konnte, bis 1951 mit keinem Wort erwähnt - wie die Partei überhaupt die Taten jüdischer und eingewanderter Widerständler bis in die jüngste Zeit weitgehend totgeschwiegen hat.

Die »Affäre Manouchian« ist nicht die einzige verwirrende Episode aus dem Widerstand, deren sich die KP offenkundig nicht gern erinnert. Ohnehin sind sich alle unparteiischen Historiker heute darüber einig, daß die Behauptung der Kommunisten, sie seien Widerständler der ersten Stunde gewesen, schlichtweg falsch ist.

Als nämlich am 23. August 1939 Hitler und Stalin ihren berüchtigten Nichtangriffspakt schlossen, der von den beiden Außenministern Molotow und von Ribbentrop in Moskau unterzeichnet wurde, blieb den moskauhörigen französischen Genossen gar nichts anderes übrig, als zu applaudieren. Nicht von ungefähr firmierte die KPF damals noch als »Section francaise de l''Internationale communiste«.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, kam aus Moskau die Weisung: Nicht Hitler ist der Bösewicht, die »angloamerikanischen imperialistischen Kriegstreiber« sind es. Die Genossen wurden gar aufgerufen, »die Legende über den angeblich antifaschistischen Charakter des Kriegs zu zerstören«.

Nicht gerade heroisch zog sich der damalige Parteichef Maurice Thorez aus _(unten: auf einem Fahndungsplakat, das ) _(die Gruppe Manouchian als »Armee des ) _(Verbrechens« bezeichnet. ) _(Oben: mit Molotow (sitzend) bei der ) _(Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen ) _(Nichtangriffspaktes 1939; )

der Affäre. Er desertierte im Oktober 1939 aus seiner Einheit der französischen Armee und setzte sich in die Sowjet-Union ab. Er kehrte erst 1944, immer noch Parteichef, nach Frankreich zurück.

Wegen ihres Eintretens für den Hitler-Stalin-Pakt wurde die »Humanite« von der Regierung Frankreichs noch im August 1939 verboten. In illegalen Ausgaben verbreiteten die KP-Journalisten unbeirrt die Devise »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!«, am 17. Juni 1940 sogar auf deutsch. Von einem Aufruf zum Widerstand gegen die in Frankreich eingefallenen Truppen der deutschen Wehrmacht keine Spur.

Auch nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris blieb die KP bei ihrer proletarischen Linie: Der Klassenkrieg müsse sich gegen den Kapitalismus richten, nicht gegen Hitler. Konsequent befürwortete die »Humanite« im Sommer 1940 die sich abzeichnende Fraternisierung zwischen Deutschen und französischen Proletariern.

So hieß es am 13. Juli: »Die freundschaftlichen Unterhaltungen zwischen Pariser Arbeitern und deutschen Soldaten werden zahlreicher. Wir sind sehr glücklich darüber. Wir müssen lernen, uns zu kennen.«

Im September, also Wochen nach dem Zusammenbruch Frankreichs, verbreitete die KP-Spitze den »Appell an das Volk von Frankreich« - ohne jeden Angriff gegen die Besatzer, aber mit scharfen Ausfällen gegen Großbritannien und die sozialistischen wie auch gaullistischen »Verräter« im eigenen Land.

Erst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjet-Union am 22. Juni 1941 änderte sich die offizielle Linie der KPF. Der »imperialistische Krieg« war abrupt zu Ende, Briten und Amerikaner wurden über Nacht auch für die Genossen zu treuen Verbündeten. Die Parteipropaganda schoß sich auf Nazideutschland als Feind ein und rief zum Widerstand gegen die Besatzer auf.

In seinem Memoirenband »L''Appel« schreibt Charles de Gaulle: »Ende 1941 traten auch die Kommunisten in Aktion. Bis dahin hatten ihre Führer gegenüber der Besatzungsmacht eine versöhnliche Haltung eingenommen.«

Gegen solche Kommentare machte die KP-Hierarchie bisher stets mit Entrüstung Front: Die KPF sei schließlich die »Partei der Füsilierten«. So war es auch im Fall des Films »Terroristen im Ruhestand«. Wie nicht anders zu erwarten, wurde das Fernsehstück über die Gruppe Manouchian als »Diffamierung der Kommunisten und ihrer Partei« gewertet.

Kenner der Partei wie der Historiker Philippe Robrieux, selbst lange hoher KP-Funktionär, sind überzeugt davon, daß sich die ganze Wahrheit in den Parteiarchiven finden ließe. Doch die Partei mag sie nicht öffnen.

unten: auf einem Fahndungsplakat, das die Gruppe Manouchian als"Armee des Verbrechens« bezeichnet.Oben: mit Molotow (sitzend) bei der Unterzeichnung desdeutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes 1939;

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