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SCHWERER, SCHNELLER, STÄRKER ALS EIN »LEOPARD«

aus DER SPIEGEL 19/1965

Von 1970 an soll in der Bundesrepublik und in den USA der erste Kampf-Panzer der Kriegsgeschichte produziert werden, der

- außer herkömmlicher Munition auch durch Mikrowellen gesteuerte Raketen verschießen kann und

- von einer Kunststoffhülle zur Dämpfung von Neutronen- und Gammastrahlung umkleidet ist.

Anfang der 60er Jahre hatte die Planung des Traum-Panzers ("M 70") für das atomare Gefechtsfeld begonnen. Deutsche und amerikanische Panzer-Experten fütterten die Elektronengehirne der Lockheed-Missiles & Space Company mit Wunschdaten über Feuerkraft, Beweglichkeit, Panzerung und Gewicht.

Mitte 1963 war die grundlegende Konstruktions-Skizze des neuen Kampffahrzeugs fertig. Am 1. August desselben Jahres setzten Bundesverteidigungsminister von Hassel und US-Verteidigungsminister McNamara ihre Unterschriften unter einen Vertrag, wonach der Panzer in Deutschland und Amerika entwickelt und gebaut werden soll - in der Bundesrepublik bei Henschel, Rheinstahl-Hanomag, MAN, Krauss -Maffei, Jungenthal und MAK. Vor wenigen Wochen - Ende März - verzeichneten von Hassel und McNamaras Vertreter, Cyrus R. Vance, in Bonn, »daß das Programm sehr zufriedenstellend vorankommt«.

Der deutsch-amerikanische Panzer wird von 1970 an in der Bundeswehr ein Kampffahrzeug ablösen, dessen Serienproduktion zur Stunde noch nicht begonnen hat: Erst in etwa vier Monaten wird der »Leopard« von den Bändern deutscher Werkstätten rollen. Er

ist das Produkt eines mißglückten Konnubiums deutscher und französischer Panzer-Fachleute. Jahrelang mühten sich Konstrukteure beiderseits des Rheins vergebens, ihre Vorstellungen zu einem Idealbild zu vereinen. Die deutsch französische Panzer-Amour endete damit, daß beide Partner beschlossen, ihr jeweils eigenes Kind zu zeugen:

- die Deutschen den Standard-Panzer

»Leopard«,

- die Franzosen ihren 32,5-Tonnen-Panzer »A. M. X. 30«.

Spätestens 1964 stand fest, daß Charles de Gaulles Wunsch nach einer deutsch-französischen Waffenehe - wie Viele ähnliche Wünsche des Vaters der Vaterländer - unerfüllt bleiben würde. Inzwischen hatten die Amerikaner die Franzosen in Bonn ausgestochen.

Der deutsch-amerikanische Panzer wird schwerer, flacher, stärker bewaffnet, besser gepanzert und auch schneller sein als der »,Leopard«.

Der »Leopard« wiegt 39 Tonnen, der deutsch-amerikanische Zukunfts-Panzer an die 55 Tonnen. Jener wird von 830 Pferdestärken getrieben, dieser von einer Gas-Turbine mit mindestens 1100 PS.

Der deutsche Panzer ist mit einer 105-Millimeter-Kanone ausgerüstet, der »M 70« mit einer Kanone noch unbekannten Kalibers, die auch eine neuentwickelte Quetsch-Stoff-Granate verschießen kann; sie wirkt im Ziel durch die Druckwelle ihrer Explosion.

Beim »M 70« ist die Abschußvorrichtung für Lenkraketen neben dem Fahrersitz unter dem Turm angebracht. Die Treffsicherheit dieser Rakete wurde sogar von Präsident Johnson gerühmt: sichere Treffer auf Entfernungen von mehreren Kilometern.

Zwar kann der neue Panzer noch nicht auf einem Luftkissen durchs Gelände und über Gewässer gleiten, weil die Konstrukteure glauben, nicht auf die bewährten Ketten verzichten zu können; jedoch wird das Fahrzeug schwimm- und watfähig sein.

Das Fahrgestell soll eine hydraulische Federung haben, wie sie bereits die US-Geschütze auf Selbstfahrlafette »M 107« und »M 110« besitzen. Mit dieser Federung kann sich der Panzer zur Feuerabgabe flach auf den Boden aufsetzen und so den Rückstoß besser auffangen oder in einer Hinterhangstellung den Neigungswinkel der Kanone vergrößern.

Mit seiner außerordentlich flachen Silhouette und seiner hohen Widerstandsfähigkeit dürfte der neue Panzer selbst der Druckwelle atomarer Detonationen wenig Angriffsflächen bieten.

Zwar haben auch die derzeitigen Kampfwagen noch eine reelle Überlebens-Chance, wenn sie zum Beispiel mehr als 500 Meter vom Nullpunkt einer Hiroshima-Detonation (20 KT) entfernt sind. Die zusätzliche Kunststoffhülle aber soll auch die Besatzung des Zukunfts-Panzers weitgehend gegen die Kernstrahlung abschirmen.

Selbst ein Gelände, das durch radioaktiven Niederschlag verstrahlt, durch chemisch-biologische Kampfstoffe vergiftet oder verseucht ist, wird die Gefechtsfähigkeit des modernen Panzers wenig beeinträchtigen können.

Völlig abgedichtet mit wirkungsvollen Luftfiltern oder gar mit eigener Sauerstoffanlage versehen, bietet der neue »M 70« seiner Besatzung auf dem Gefechtsfeld einen höheren Schutz als die Luftschutzbunker und verstärkten Keller der zivilen Bevölkerung.

Bis 1970 sollen etwa die Hälfte der zur Zeit in der Bundeswehr verwendeten amerikanischen Panzer »M 47« und »M 48« durch »Leopards« ersetzt werden. Spätestens von 1975 an aber dürfte - so die Panzer-Experten der Bundeswehr - die »Leopard«-Konstruktion nicht mehr den Anforderungen moderner Kampffuhrung gewachsen sein. Dann soll der deutsch-amerikanische Zukunfts-Panzer eingesetzt werden.

Die Franzosen allerdings glauben, daß von 1970 an gepanzerte Fahrzeuge auf dem atomaren Gefechtsfeld nicht mehr wirkungsvoll kämpfen können.

In Bonn vermutet man jedoch, daß die pessimistische Ansicht der französischen Kriegs-Bildner möglicherweise finanzielle Gründe hat: Moderne, für der. Atomkrieg geeignete Panzer sind teurer als die bisherigen Modelle.

Während die Kosten eines »Leopard« im Verteidigungshaushalt noch mit etwa einer Million Mark veranschlagt werden, dürfte der deutsch-amerikanische Zukunfts-Panzer rund das Doppelte kosten.

»M 70«-Skizze: Der Turbinen-Panzer...

Deutscher Panzer »Leopard«

... löst ein Fahrzeug ab ...

Französischer Panzer »A. M. X. 30«

... dessen Produktion noch nicht begann

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