Zur Ausgabe
Artikel 25 / 106
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AFFÄREN Schweres Handicap

Katherina Reiche, die Vorzeige-Frau aus Stoibers Wahlkampfteam, ist in eine dubiose Firmenabwicklung verstrickt. Hat sie Fördergelder für den Wahlkampf genutzt?
Von Stefan Berg und Irina Repke
aus DER SPIEGEL 37/2003

In sandfarbener Kostümjacke und mit dem obligatorischen Lächeln auf den Lippen reiste die Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche, 30, von Firma zu Firma. Die Frau, die am Abend der Bundestagswahl für Stunden als designierte Familienministerin eines vermeintlichen Kanzlers Stoiber galt, erkundigte sich am vergangenen Montag nach dem Schicksal märkischer Wirtschaftsunternehmen.

Nur um einen Betrieb machte sie einen weiten Bogen: die Hesco Kunststoffverarbeitung in Luckenwalde. Dabei sind die Sorgen der Mitarbeiter in der Firma besonders groß. Und Reiche, die sich im Bundestagswahlkampf noch als junge Unternehmerin feiern ließ, müsste sich hier eigentlich besonders gut auskennen. Bis zum 30. Mai war sie Miteigentümerin des elterlichen Vorgänger-Betriebs Hesco Kunststofferzeugnisse.

Die sonst so gesprächige Karrierefrau mag auf die äußerst dubiose Geschichte des Betriebs nicht angesprochen werden. Zu dem Verdacht, von knapp einer Million Euro Fördermittel seien womöglich etliche Euro in ihren Wahlkampf geflossen, will sie sich nicht äußern. Auch ihre Mutter Birgitt, langjährige Hesco-Geschäftsführerin und amtierende CDU-Fraktionschefin im Kreistag von Teltow-Fläming, hüllt sich in Schweigen.

Dabei weckt die Firmengeschichte längst die Neugier von Polizei und Politik. Brandenburgs CDU-Landeschef, Innenminister Jörg Schönbohm, will bei den Kommunalwahlen in diesem Herbst die SPD schlagen. Ein Skandal um zwei gescheiterte CDU-Unternehmerinnen wäre dabei ein schweres Handicap. Intern hat er bereits die Reißleine gezogen und für den Rücktritt Birgitt Reiches plädiert. Ihr müsste dann fast zwangsläufig Tochter Katherina in das politische Abseits folgen.

Das letzte Kapitel jener Firmengeschichte, die mit der Rückgabe des »VEB Plastverarbeitung« an die Reiches nach der Wende so hoffnungsvoll begonnen hatte, könnte bald auch die Staatsanwaltschaft beschäftigen. 1999 spendierte die brandenburgische Investitionsbank ILB dem Unternehmen 980 000 Euro Fördermittel. Die Banker prüfen nun, ob Gelder zweckwidrig ausgegeben wurden. In der Landtagssitzung Ende August wurde gar von »gezieltem Subventionsbetrug« gesprochen.

Noch im Frühjahr schien die Welt der Reiches in bester Ordnung. Gründonnerstag saßen die Hesco-Leute beim Osterfeuer auf dem Werksgelände, tranken Bier und aßen Buletten. Auch die Beinahe-Ministerin lächelte in die Runde.

Viele der Mitarbeiter hatten im Bundestagswahlkampf, erinnert sich der Betriebsrat Eberhard Neumann, helfen müssen, dieses Lächeln populär zu machen. Wahlkampfplakate seien im Betrieb eingelagert, Gerüste für Plakataufsteller auf dem Firmengelände zusammengeschraubt worden. Wurden in Katherina Reiches Wahlkreis Stoiber-Plakate zerstört, mussten Mitarbeiter mit Firmenwagen ausrücken und sie

reparieren. »Vielleicht rund hundert Stunden«, schätzt Neumann, »haben wir 2002 für den Wahlkampf von Frau Reiche gerackert.« Nach Angaben von Unionspolitikern sei die Sachleistung aber nicht als Einnahme verbucht worden, obwohl dies das Parteiengesetz vorschreibt.

Auch sonst müssen einige Euro in der Hesco-Kasse gefehlt haben. Jedenfalls stand die Firma im Frühjahr vor dem Aus. Und die Reiches begannen eine verdächtige Operation, die ihr Anwalt als »kreative Gestaltung zur Rettung des Produktionsstandortes« bezeichnet.

Am 30. Mai beschloss die Hesco-Gesellschafterversammlung, bestehend aus fünf Familienmitgliedern, die Umbenennung der Firma in HC Kunststofferzeugnisse GmbH. Zugleich machte sich Katherina vom Firmenacker - und übertrug ihre Anteile an ihre Mutter.

Die gründete mit ihrem Mann am 13. Juni eilends eine neue Firma - die Hesco Kunststoffverarbeitung GmbH. Die soll zukünftig am alten Firmensitz etliche Maschinen des früheren Unternehmens nutzen, eine Privatfirma soll die neuen Mitarbeiter beschäftigen. Der kümmerliche Rest des einstigen Vorzeigeunternehmens wurde indes einem neuen Geschäftsführer anvertraut, der sich als so genannter Firmenbestatter einen Namen gemacht hat. Nur wenig später erhielten die 60 Mitarbeiter die Kündigung. So sei das Vorgänger-Unternehmen, klagt der Betriebsrat, »regelrecht ausgeschlachtet« worden.

Das vorerst letzte Kapitel der einst staatlich gepäppelten Firma endet in Sachsen-Anhalt, im Dörfchen Horla, 13 Kilometer vor Sangerhausen. Wer eine ruhige Grabstelle für seine todgeweihte Firma sucht, wird keinen besseren Standort finden. An einem Haus in der Dorfstraße klebt ein kleines Papierschild mit der Aufschrift »HC Kunststofferzeugnisse«. Hierhin kann sich die brandenburgische Förderbank wenden, die jetzt Aufklärung über den Verbleib ihrer Gelder verlangt.

Vielleicht erhalten die Prüfer dann Antwort vom Grundstücksbesitzer - offensichtlich ein schwerer Junge, auch wenn dessen Anwalt, der auch die Reiche-Firma betreut, einen Teil der Vorwürfe bestreitet. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann aus Horla schwere räuberische Erpressung und schweren Raub in Tateinheit mit Freiheitsberaubung vor.

Kein guter Umgang für eine Frau, die einst auszog, die Bundesrepublik mit zu regieren. »Ob die Reiches hier mal auftauchen«, erklärt der Mann am Telefon, »weiß ich nicht.« Viel Zeit bleibt nicht, den Sitz des neuen Unternehmens zu besichtigen. Für die Firma ist Insolvenz beantragt, und das Grundstück wird demnächst versteigert. STEFAN BERG, IRINA REPKE

* Töchter Lisa, Maria, Ehemann Sven Petke.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 25 / 106
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.