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IRAK/IRAN Schwert und Sturm

Während Chomeinis Truppen auf irakischem Boden zum Kampf um Basra antraten, wächst der innere Widerstand gegen Iraks Präsident Saddam Hussein.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Der Verwesungsgeruch war unerträglich. Die irakischen Soldaten stopften sich Papiertücher in die Nasenlöcher, als sie das Schlachtfeld besichtigten.

Dennoch zeigten sie Selbstbewußtsein, denn da, in sengender Hitze auf dem Wüstenboden vor Basra, lagen tote Feinde, die zerrissenen Körper von Hunderten gefallener Iraner. Endlich, nach vielen Monaten ständiger Niederlagen, hatte Bagdad wieder einen Sieg zu melden: Die iranische Offensive gegen die südirakische Hafenstadt Basra war, vorerst, zum Stehen gebracht.

Nach der Sitte des jeweils Erfolgreichen im 22monatigen Golfkrieg holten diesmal die Iraker westliche Journalisten auf die Walstatt, führten sie ihnen gefangene Kriegsgegner vor.

Aber da wurde offenbar, daß hier nur eine Episode im Kampf um den südlichen Irak verstrichen war. Denn die Gefangenen waren meist jene zur Selbstaufopferung entschlossenen Revolutionsgardisten, oft noch im Kindesalter, die von den Iranern als erste Welle in den Kampf geschickt werden.

Der Entscheidungskampf im Raum Basra zwischen 120 000 Iranern und rund 100 000 Irakern hatte noch nicht S.81 begonnen. Er könnte nach Meinung von westlichen Militärexperten so erbittert werden wie die blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges.

Denn für die Iraker würde der Verlust der zweitgrößten Stadt ihres Landes bedeuten, daß der Gegner freie Bahn zur Hauptstadt Bagdad hätte. Auch könnte der Irak auf die Dauer ohne seine größten Ölanlagen bei Basra wirtschaftlich nicht überleben und zudem nur schwerlich den Verlust der wichtigen Nachschubverbindung zum benachbarten Fürstentum Kuweit verschmerzen.

Wenn es andererseits den Iranern nicht gelingen sollte, Basra zu nehmen, dann hätten sie kein Faustpfand in der Hand, ihre militärischen, politischen und finanziellen Kriegsziele durchzusetzen: Der »Weg nach Jerusalem« via Bagdad bliebe versperrt, Ajatollah Chomeinis irakischer Gegenspieler Saddam Hussein könnte sich wieder sicherer fühlen. Und schließlich wären einem Irak, dem es gelänge, sich gegen die Iraner zu behaupten, wohl kaum jene aberwitzigen 150 Milliarden Dollar an Reparationszahlungen abzupressen, auf denen Teheran besteht.

Leicht werden es Irans Glaubenskrieger nicht haben. »Das irakische Volk«, erklärte Präsident Saddam Hussein, »wird zehnmal so verbissen kämpfen.«

Das wird auch nötig sein. Denn vor allem in der letzten Phase des Krieges hatten die irakischen Soldaten oft schon nach kurzer Gegenwehr kapituliert. Den Sinn des Einmarschs ins Nachbarland hatten sie ohnehin nie recht verstanden, ebensowenig wie die wirren Anweisungen ihrer Offiziere, die ihnen eine Niederlage nach der anderen eintrugen.

Möglich, daß die Verteidigung des Vaterlands da neue Kräfte freisetzt. Vor allem kommen den Irakern nun Vorteile zustatten, die bisher ihr Gegner hatte.

So sind jetzt zum Beispiel die Nachschubwege für die Iraker kürzer geworden. Nur mit Schwierigkeiten können die Iraner durch die Sümpfe des südlichen Irak ihr schweres Gerät heranschaffen und laufen Gefahr, wie die ersten Kämpfe in der Basra-Region zeigten, auf den engen Wüstenstreifen zwischen den Morasten von den gut postierten Irakern zusammengeschossen zu werden.

Indessen bereitet Saddam Hussein seine Landsleute auf weitere Opfer vor, »wenn Opfer die einzige Alternative sind, unsere Einheit, Unabhängigkeit und Ehre zu verteidigen«. Fraglich aber ist, ob die kriegsmüden Iraker - 60 000 sind gefallen, 40 000 in Gefangenschaft - noch weiter bereit sind, für Saddam Husseins Regime zu bluten.

Als der bedrängte Staatschef am 10. Juni einen einseitigen Waffenstillstand verkündete, gab es in Bagdad Begeisterungskundgebungen. Die Iraker lachten und tanzten auf den Straßen, feuerten aus Gewehren Freudenschüsse in die Luft und gaben erst Ruhe, nachdem sie mehrfach übers Fernsehen streng ermahnt worden waren.

Den Kleingläubigen in der Nation hielt Saddam Hussein in einer Rede vor: »Es kommt bei der Schlachtenplanung nicht auf die Zahl der Gefangenen an. Im Zweiten Weltkrieg machten beide Seiten Gefangene zu Tausenden, ja sogar zu Millionen.«

Doch immer weniger Iraker möchten sich widerspruchslos auf den Weg zum Heldentod führen lassen. Am gleichen Tag, an dem der Waffenstillstand verkündet wurde, soll Fasel Barat, Chef der Polizei des Irak, einen Putschversuch unternommen haben. Dabei sollen 28 Menschen ums Leben gekommen sein, unter ihnen auch der Stiefbruder Saddam Husseins.

»Die Feinde«, so sagte der Oberste Kriegsherr den Irakern, »versuchten Sabotage von innen her. Aber all diese Verschwörungen wurden auf dem Felsen der nationalen Einheit zerschmettert.«

Einen ständigen Gefahrenherd für den Iraker bilden die von ihren Glaubensbrüdern im Iran bezahlten schiitischen Untergrundkämpfer der Dawa-Organisation. Laut »Newsweek« sollen einige Dawa-Mitglieder erst kürzlich einen Anschlag auf Saddam Hussein unternommen haben, der fehlschlug.

Die Mehrheit der Schiiten des Landes, über die Hälfte der Bevölkerung, bewahrte noch Ruhe. Saddam Hussein, selbst Sunnit, bezahlt teuer dafür, spendet reichlich Gelder für Heiligtümer, läßt moderne Wohnsiedlungen für die Glaubensbrüder der iranischen Feinde errichten.

Auch andere innenpolitische Gegner sucht er durch Gunsterweise für sich einzunehmen. So verkündete er eine Amnestie für die kurdischen Rebellen, die an der Nordflanke des Irak für Unruhe sorgten, ordnete sogar die Freilassung der inhaftierten irakischen Kommunisten an, die zuvor gnadenlos verfolgt worden waren. Jahrelang hatte sich Moskau vergebens für die irakischen Genossen eingesetzt. Saddam Hussein aber hatte sich taub gestellt.

Jetzt ist er dringend auf Nachschub an Waffen aus der Sowjet-Union angewiesen, mit denen seine Armee hauptsächlich ausgerüstet ist - deshalb seine Milde. Doch jetzt will Moskau nicht - aus Angst, den Ajatollah zu verprellen, der seinerseits, mit Erfolg, die umgekehrte Taktik verfolgt.

So wurde in Teheran vor kurzem ein führendes Mitglied der kommunistischen Tudeh-Partei verhaftet und die Tudeh-Zeitung »Ettehad-i-mardom« verboten. Um den Ajatollah nicht zu verärgern, schweigen die Sowjets dazu - und schicken den Persern angeblich weiter Waffen.

Saddam Hussein blieb nur, auf seine arabischen Bürger zu vertrauen, auf die Gelder aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten, auf Waffen und Freiwillige aus Ägypten und Jordanien. In der Hauptstadt versuchte er, die angeknackste Moral seiner Soldaten wiederaufzurichten.

»Laßt jedes Staubkorn irakischen Bodens«, beschwor er seine Landsleute, »zum Schwert im Angesicht der Feinde werden und die Luft Mesopotamiens zum sengenden Sturm gegen Aggressoren und Habgierige«, eine Aufforderung, die Saddam Hussein ernst meint, wie seine Soldaten wissen.

Mangelnden Einsatz bestraft er hart. Nach der Schlappe von Chorramschahr zog er nicht weniger als 300 Offiziere zur Verantwortung. Einige kamen mit Degradierung davon, andere wurden hingerichtet.

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