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RHODESIEN Schwierige Zeiten

Auf dem Weg in die Unabhängigkeit wurde das Land vorübergehend wieder britische Kolonie. Droht jetzt der Bürgerkrieg?
aus DER SPIEGEL 52/1979

Ein schweißtriefender Weihnachtsmann entsteigt einer Sondermaschine der Royal Air Force. Im Sack trägt er Pakete mit Aufschriften wie »Handel mit USA«, »Handel mit Großbritannien«.

So sah ein Johannesburger Karikaturist die Ankunft des britischen Gouverneurs Lord Christopher Soames vorvergangene Woche in der rhodesischen Hauptstadt Salisbury. »Santa Soames«, jubelte die südafrikanische »Rand Daily Mail«, »bringt Hoffnung für dieses verwüstete Land.«

Bei der Hoffnung bleibt es auf absehbare Zeit -- das machten Rhodesiens schwarze und weiße Herren dem britischen Edelmann« verheiratet mit einer Tochter Winston Churchills, schon gleich nach seiner Ankunft klar.

Zwar spielte die Polizeikapelle fehlerfrei »God Save the Queen«, und eine ehrwürdige Daimler-Karosse war extra aus Südafrika herbeigeschafft worden; doch die Mehrzahl der Rhodesier, schwarze wie weiße, entboten ihrem Gouverneur ein steifes Willkomm.

Ansonsten Rhodesien-Alltag wie gehabt: Kampf im Busch und Angst in den Städten, wo Autofahrer zwar gelegentlich ihren Führerschein mitzunehmen vergessen, nie aber die Pistole im Handschuhfach oder die MPi auf dem Beifahrersitz.

Damit hätte nun eigentlich Schluß sein sollen. Denn 14 Wochen Verhandlungen in London hatten über 14 Jahre Rebellion gegen die Krone beendet. Das Land, einmalig in der Geschichte Afrikas, war nach einseitig erklärter Unabhängigkeit, wieder, für drei Monate, zur Kolonie geworden.

So lange auch, sieht es der in Londons Lancaster House vereinbarte Friedensplan vor, soll Lord Soames unumschränkter Herr der alten und neuen Kolonie sein und die Vorbereitungen von Wahlen überwachen, aus denen dann die Regierung eines unabhängigen Simbabwe hervorgehen soll.

Damit keine Kampfhandlungen den Ablauf der Wahlen stören sollten, so hatte Britanniens Außenminister Lord Carrington vorgeschlagen, sowohl die Streitkräfte der Regierung in Salisbury als auch die Guerrilleros der Patriotischen Front in getrennten, über das Land verstreuten Lagern zusammengezogen werden: die Regierungstruppen in 40 Camps« die Kämpfer der Patriotischen Front in 15.

An dieser Frage wäre Londons Friedensplan beinahe noch gescheitert. Denn Joshua Nkomo und Robert Mugabe, die Präsidenten der Patriotischen Front, fühlten sich durch die Aufteilung benachteiligt.

Nicht ohne Grund: Die Briten hatten vorgesehen, die Guerrilleros lediglich in Camps entlang der Peripherie des Landes zusammenzuziehen. Der strategisch wichtige, industriell am weitesten entwickelte Landbogen, der sich von der Stadt Umtali an der Mosambik-Grenze nach Bulawayo und Plumtree im Südwesten erstreckt, sollte den Regierungstruppen vorbehalten bleiben.

In dieser Aufteilung sahen Nkomo und Mugabe »militärische, psychologische und politische« Nachteile gegenüber ihrem Hauptrivalen, dem afrikanischen Bischof Abel Muzorewa, der bis zum Eintreffen des Gouverneurs Chef der ersten schwarzen Mehrheitsregierung des Landes war.

Die rhodesische Armee könnte innerhalb weniger Stunden einen Vernichtungsschlag gegen die in Buschlagern zusammengezogenen Front-Kämpfer führen. Die 1200 Commonwealth-Soldaten aus Großbritannien, Kenia, Neuseeland, Australien und von den Fidschi-Inseln, die laut Londoner Abkommen den Waffenstillstand überwachen sollen, könnten die Armee kaum hindern.

Lord Soames war schon fast eine Woche in Salisbury, die Londoner Verhandlungen waren offiziell bereits beendet, da erst stimmten Nkomo und Mugabe doch noch dem Friedensabkommen zu: nachdem die Briten ihnen

Bei der Ankunft in Salisbury.

ein Camp im Landesinneren zugestanden hatten.

Auch damit ist eine friedliche Zukunft wohl kaum gesichert. Zu sehr ist das Land in einen Kampf jeder gegen jeden verstrickt: Drei größere Armeen und mehrere kleine Guerilla-Trupps kämpfen nicht nur gegeneinander, sondern sind auch innerlich zerstritten.

Den 25 000 Regierungssoldaten (80 Prozent Schwarze) stehen mindestens 15 000, nach Angaben der Patriotischen Front 35 000 Buschkrieger Nkomos und Mugabes gegenüber.

Dazu kommen noch die Privatarmeen des Bischofs Muzorewa und einiger anderer Nationalisten, die schwer bewaffnet durch die Dörfer ziehen und mit vorgehaltener Waffe Anhänger für ihre Brotherren werben. Noch komplizierter wird die Lage durch einige schwerbewaffnete Räuberbanden, die auf niemanden hören. Viele der noch verbliebenen etwa 220 000 Weißen halten denn auch einen Bürgerkrieg für unvermeidlich.

Aber auch die Afrikaner trauen dem Frieden nicht so recht. Ein junger Mann im Distrikt Chiweshe, wo Robert Mugabes Kämpfer den Ton angeben, erklärte den Druck, dem sich die schwarze Bevölkerung ausgesetzt fühlt: »Wenn ich mich für irgend jemanden entscheide, dann kommt ein anderer und bringt mich um.«

Lord Soames warnte seine neuen Untertanen gleich nach seiner Ankunft übers Fernsehen: »Uns allen stehen schwierige Zeiten bevor.«

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