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LIBYEN Schwieriges Gelände

Die militärischen Mißerfolge im Tschad bringen Gaddafis Herrschaft in Gefahr. *
aus DER SPIEGEL 14/1987

In der Hafenstadt Misrata jagten »Offiziere des nationalen Widerstands« ein Munitionslager in die Luft. Kurz danach explodierte im ostlibyschen Bengasi im Büro des lokalen Volkskomitees eine Sprengladung.

In der Oasen-Garnison Kufra meuterten Offiziere gegen ihren bevorstehenden Einsatz im Norden des Tschad. Bei einer nächtlichen Schießerei zwischen einer rebellierenden Armee-Einheit und einer schleunigst aus Tripolis eingeflogenen Sondereinheit der bewaffneten Volksmiliz kamen 14 Soldaten ums Leben.

Im Reich des Revolutionsführers Muammar el-Gaddafi häufen sich seit neuestem solche Zwischenfälle. Gruppen von Offizieren und Soldaten rebellieren gegen den selbstherrlichen Oberst, der seine Armee in einen ruhmlosen und verlustreichen Kampf gegen den südlichen Nachbarn Tschad verwickelt hat.

Volksmiliz und Staatssicherheitsdienst fahnden nach über 2000 Fahnenflüchtigen, die oft wenige Stunden vor dem Abtransport ins Kriegsgebiet das Weite suchten. »Aufgegriffene Deserteure werden nicht erschossen, sondern in Sonderlagern von Spezialisten einer Gehirnwäsche unterzogen«, berichtet ein nach Kairo geflüchteter Libyer.

Aber die zu »Aufpassern des Volkes« ernannten »Volkskomitees« scheuen sich auch nicht, brutal durchzugreifen, um oppositionelle Regungen zu unterdrücken. Das libysche Fernsehen zeigte die Hinrichtung von sechs »Volksfeinden«; ihnen war vorgeworfen worden,

Anschläge auf sowjetische Berater im Land geplant zu haben. Am selben Tag meldete das Verteidigungsministerium die Erschießung von drei Soldaten, die ähnlicher Verbrechen bezichtigt wurden.

Offiziere, die sich gefährdet wähnten, setzten sich ins Ausland ab; im Februar baten acht Luftwaffen-Angehörige in Algerien um politisches Asyl. Von einem libysch kontrollierten Flughafen im Nord-Tschad flohen Pilot und Kopilot mit einer Transportmaschine nach Abu Simbel in Ägypten.

Der italienische Geheimdienst, der sich in Roms einstiger Kolonie immer noch gut auskennt, berichtete, daß Gaddafi im Januar zweimal nur knapp einem Attentat entkommen sei. Laut CIA-Berichten hatte schon Ende 1981 ein General des libyschen Expeditionskorps im Tschad versucht, den Revolutionsführer während einer gemeinsamen Jeep-Fahrt niederzuschießen. Er verfehlte das Ziel und wurde von einem der Sicherheitsbeamten Gaddafis, vermutlich einem Ostdeutschen, getötet. Nach diesem Anschlag sah man Gaddafi 40 Tage lang nicht in der Öffentlichkeit.

Der Revolutionsführer, seit dem amerikanischen Bombenangriff vom April 1986 noch argwöhnischer und abweisender als früher, hält sich nur noch selten in Tripolis auf, weil die Hauptstadt ihm zu unsicher scheint. Der unberechenbare »Bruder Oberst« zog es vor, sein neues Basislager in der kleinen Siedlung el-Dschufra, 500 Kilometer tief in der Wüste, aufzuschlagen.

Den Schwierigkeiten aber, die das Land und sein Regime bedrängen, kann er damit nicht entfliehen.

Die Spannungen zwischen der Armee und den von Gaddafi gehätschelten »Revolutionsgarden nehmen zu. Das Militär, laut Gaddafi »in der Endphase der logischen Entwicklung der grünen Theorie« zum Verschwinden verurteilt, tritt als zunehmend kritische Macht auf, gehorcht nicht mehr bedingungslos den Anordnungen des Revolutionsführers.

Vor allem das Engagement im Tschad strapaziert die Loyalität der Truppe. Über 3000 libysche Soldaten sind schon im Kampf gegen die Soldaten von Präsident Hussein Habre gefallen, 26 Jagdbomber wurden abgeschossen, Dutzende sowjetischer T-55-Panzer erbeutet. Habres Streitmacht, durch Überläufer aus den Reihen der jahrelang von Libyen ausgehaltenen Tschad-Rebellen verstärkt, ist seit Anfang des Jahres auf dem

Vormarsch. Der Krieg kostet Libyen täglich zwei Millionen Dollar.

Auch der libysche Versuch, eine Nachschubkolonne über sudanesisches Territorium umzudirigieren, scheiterte. Vorletzten Sonntag gelang es den Tschad-Soldaten gar, den Luftstützpunkt Wadi Doum, eine Schlüsselstellung der Libyer, einzunehmen. Bei den Kämpfen sind nach Erkenntnissen französischer Experten 1269 Libyer gefallen.

Nach dem Fall von Wadi Doum, von dessen 3800 Meter langer Piste Transportmaschinen und Jagdbomber aufsteigen konnten, beschränkt sich die libysche Präsenz nördlich des 16. Breitengrads auf einen gut ausgebauten Stützpunkt in der Oase Faya-Largeau, Geburtsort des Tschad-Präsidenten Habre. Doch die dort eingeigelten Libyer können nur noch aus der Luft versorgt werden. Schon begannen die libyschen Einheiten, sich aus den ausgedehnten Palmenhainen der 80 Kilometer langen Oase zurückzuziehen, in Richtung Norden.

Aus Angst vor den neuen französischen und amerikanischen Boden-Luft-Raketen verzichtet die libysche Luftwaffe inzwischen auf riskante Tieflüge. Davon profitieren die Tschad-Krieger, denen das schwierige Gelände ohnehin Vorteile bringt. Alle libyschen Versuche, das Tibesti-Gebirge mit Bodentruppen zu stürmen, sind gescheitert. Für Habres kundige Infanteristen sind die libyschen Militärkolonnen in den engen Schluchten und unbefestigten Paßstraßen ein leichtes Opfer. Allein in der Nähe des Gebirgsortes Zouar fielen 178 Libyer, unter ihnen Oberst Chalifa Iftar, der schon seit 1980 für Gaddafi im Tschad kämpfte.

»Die Libyer verlieren im Schnitt zwölf Mann am Tag, die Tschad-Soldaten höchstens einen«, sagt ein westlicher Botschafter in Tripolis, »das ist ein Aderlaß, den die kleine libysche Armee sich auf die Dauer nicht leisten kann.«

Libysche Patrouillen wagen keinen Vorstoß mehr auf der Verbindungsstraße zwischen Südlibyen und dem Zentral-Tschad, die über das natürliche Bollwerk des bis zu 3415 Meter hohen Tibesti-Massivs führt. Sogar im annektierten Aozou-Grenzstreifen (in dem reiche Uranvorkommen entdeckt wurden) stießen die Libyer zum erstenmal seit 1973 auf Widerstand: Mitte Februar drang ein Spähtrupp der Tschad-Armee in die libysche »Sicherheitszone« ein und zerstörte die Radaranlagen des Luftstützpunktes von Aozou.

Das Ennedi-Gebirge weiter im Südosten, von wo aus Gaddafi früher Attacken gegen Habres Armee startete, ist der libyschen Kontrolle entglitten. Die Tschad-Armee baut dort eine neue Kampflinie auf, um in einem günstigen Augenblick weiter nach Norden vorzustoßen und den Libyern wieder ein Stück des von ihnen besetzten Territoriums zu entreißen.

»Gaddafi«, freut sich ein Tschad-Diplomat in Kairo, »schuf sich mit eigenen Händen sein Afghanistan.« Die Moral der hochgerüsteten, aber schlecht ausgebildeten und taktisch unerfahrenen libyschen Armee ist auf dem Tiefpunkt.

Vorige Woche drohte der Oberst da mit - auch das ein Zeichen seiner inzwischen fast totalen diplomatischen Isolation -, dem Warschauer Pakt beizutreten und sowjetische Raketen an der Mittelmeerküste zu stationieren.

Den kostspieligen Abnützungskrieg kann sich Libyen nach dem drastischen Rückgang seiner Erdöleinnahmen kaum noch leisten. Die Devisenreserven des einst reichen Ölexporteurs reichen nicht einmal mehr aus, dringend benotigte Lebensmittel zu kaufen. Es fehlt an Zucker und Getreide, an Ersatzteilen für Maschinen und selbst an Textilien. Schlangen vor den verstaatlichten Kaufhäusern, vor wenigen Jahren noch undenkbar, gehören zum Alltag in Tripolis.

Der bedrängte Gaddafi mißtraut inzwischen selbst engsten Mitarbeitern. Abd el-Salam Dschallud, Mitstreiter aus den ersten Revolutionstagen und langjähriger zweiter Mann im Staat, ist in Ungnade gefallen, weil er den Tschad-Krieg abbrechen und einen Ausgleich mit dem Westen vorbereiten wollte.

Monatelang hielt sich Dschallud in Damaskus auf und ließ zuletzt auch seine Familie nachkommen. »Gaddafi hat meine Verwandten und Stammesangehörigen aus der Armee und allen staatlichen Institutionen entfernt, weil ich seine Konfrontationspolitik gegenüber dem Westen nicht billige«, beklagte sich Dschallud beim syrischen Vizepräsidenten Chaddam. Erst nach Vermittlung des syrischen Staatschefs Hafis el-Assad und des iranischen Parlamentspräsidenten Rafsandschani traute er sich nach Tripolis zurück.

Vor wenigen Wochen entmachtete Gaddafi seinen zweitwichtigsten Helfer: Abu Bakr Junis, bis dahin Oberkommandierender der Streitkräfte und Chef des Generalstabs. Gaddafi lastet dem altgedienten Offizier die Schuld an den militärischen Mißerfolgen und an der Unzufriedenheit der Streitkräfte an. Junis wurde vom Generalmajor zum Oberst degradiert und unter Hausarrest gestellt.

In seinem neuen Wüstensitz el-Dschufra kann sich Gaddafi einstweilen sicher fühlen. Das über Nacht zum Regierungshauptquartier aufgestiegene Nest liegt im Gebiet von Gaddafis Heimatstamm. Zudem befindet sich dort das Hauptquartier der »Grünen Brigade«, jener Beduinen-Sondertruppe, deren einzige Aufgabe darin besteht, Gaddafis Leben zu beschützen.

Mohammed Magirjef, Chef der Nationalen Front zur Rettung Libyens, prophezeit dennoch im Kairoer Exil: »Gaddafi wird das Jahr 1987 nicht überleben.«

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Zentralafrikanisches Gebiet von Libyen annektiertes Gebiet

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