Zur Ausgabe
Artikel 50 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FRANKREICH Schwieriges Umfeld

17 000 in den Streitkräften, 700 in Offizierslaufbahnen und nun eine Staatssekretärin im Verteidigungsministerium - Frankreichs Frauen drängen in die Armee. *
aus DER SPIEGEL 33/1984

Vermutlich sollte es ein Kompliment sein: »Eine Frau, aber auch eine Spezialistin«, schrieb der linke Pariser »Matin«, als aus Edwige Avice, der bisherigen Ressortchefin für Jugend und Sport, bei der jüngsten Regierungsumbildung in Paris eine Staatssekretärin im Verteidigungsministerium wurde.

Unter den sechs Frauen _(Drei mit Kabinettsrang: Edith Cresson ) _((Industrie und Außenhandel), Georgina ) _(Dufoix (Soziales), Huguette Bouchardeau ) _((Umwelt); eine beigeordnete Ministerin: ) _(Yvette Roudy (Frauenfragen); zwei ) _(Staatssekretärinnen: Catherine Lalumiere ) _((Verbraucherschutz) und Edwige Avice. )

der neuen Regierung Fabius fällt Edwige Avice auf - noch niemals wurde den französischen Militärs eine Frau übergeordnet.

Doch Edwige Avice, 39, diplomierte Politologin und Juristin, versteht tatsächlich etwas von Sicherheitsfragen. Als die Politikerin, vom äußersten linken Flügel der Sozialistischen Partei, 1978 in die Nationalversammlung gewählt wurde, kam sie sogleich in den Verteidigungsausschuß. Ein Jahr später übernahm sie in der Partei die Verantwortung für Wehrdienstfragen. Sie legte eine Reihe beachteter Gesetzentwürfe vor, etwa zur Wehrdienstverweigerung und zur Abschaffung der Militärgerichte in Friedenszeiten.

Die neue Staatssekretärin soll vor allem für die Ausbildungsfragen der Streitkräfte zuständig sein - doch sie darf sich auch als Frau unter Frauen fühlen. Denn in ihren Dienstbereich gehören die weiblichen Soldaten - in Frankreich längst keine Seltenheit mehr.

Regelmäßig werden die Soldatinnen bei der großen Parade zum Nationalfeiertag am 14. Juli dem Volk auf den Champs-Elysees vorgeführt: mit umgehängter Maschinenpistole oder gezücktem Säbel, im kriegerischen Tarnanzug wie im gutsitzenden Uniformkostüm.

Über 17 000 Frauen tun heute in den französischen Streitkräften Dienst, darunter über 700 in Offizierslaufbahnen - die »fortschreitende Feminisierung der Armee« (so das Verteidigungsministerium) ist nicht aufzuhalten.

Die Zeiten sind vorbei, da Frauen nur als Sekretärinnen oder als Krankenschwestern geduldet wurden. Längst werden sie wie die Männer ausgebildet und sind bis in hohe Ränge vorgedrungen - vor allem in Sparten, die man herkömmlicherweise mit Frauen assoziiert.

Illustres Vorbild ist die Ärztin Valerie Andre, die es bis zum Rang eines Divisionsgenerals brachte. Der »Haudegen mit der medaillengeschmückten Brust« ("Le Figaro") tat sich vor allem im Indochina- und im Algerienkrieg hervor und sprang gar mit dem Fallschirm zu Notoperationen über der Front ab.

Ende 1981 beendete die Generalin Andre als Chefin des Gesundheitswesens der Armee ihren aktiven Dienst. Seit dem 1. Juli 1984 hat sie in der Generalin Michele Chanteloube wieder eine Nachfolgerin, die zugleich die ranghöchste Frau der französischen Armee ist.

In niedrigeren Rängen tun weibliche Offiziere aber auch schon bei Kampfeinheiten Dienst, zumeist freilich in technischen und Verwaltungsfunktionen. Sie fahren auf dem Flugzeugträger »Clemenceau«

und auf dem Schulschiff »Jeanne d''Arc« zur See. Die ersten drei Militärpilotinnen werden vom kommenden Jahr an Transportmaschinen wie die »Transall« fliegen.

Die Stelle des Heeresattaches an der französischen Botschaft in Washington hat ein weiblicher Oberstleutnant inne. Auch die Militärschulen öffneten sich für weibliche Bewerber.

Zur Ecole polytechnique, einer der traditionellen, dem Verteidigungsminister unterstellten Elite-Zuchtanstalten des Landes, wurden junge Frauen schon 1970 zugelassen. Gleich im ersten gemischten Jahrgang glänzte die Studentin Anne Chopinet. Schon bei der Parade zum 14. Juli 1973 trug sie die Fahne der Ecole polytechnique.

Auch in der Offiziersschule von Saint-Cyr, der Kaderschmiede für die ranghöchsten französischen Militärs, sitzen derzeit nach harter Auslese zwei junge Frauen. Als letzte männliche Bastion öffnete vergangenes Jahr das schon 1604 gegründete und von einem hohen Offizier geleitete Lycee militaire in La Fleche den Zugang für Mädchen. Sandrine, die bisher einzige Schülerin, braucht genau wie ihre Kameraden kein Schulgeld zu zahlen, wenn sie sich verpflichtet, nach dem Abitur mindestens fünf Jahre bei der Armee zu bleiben.

Ganz am Anfang steht die Feminisierung noch bei der in Frankreich dem Verteidigungsminister unterstehenden Gendarmerie: Zwar patrouillieren derzeit schon 765 weibliche Gendarmen, doch zum Gendarmerie-Offizier hat es noch keine gebracht.

Verteidigungsminister Charles Hernu ist überzeugt, daß die Frauen immer stärker in die militärischen Berufe drängen, und tut alles, um dem entgegenzukommen. So ergriff er 1982 eine Reihe von Maßnahmen, die weiblichen Soldaten den Weg in die Hierarchie freiräumen sollen.

Den schon 1971 eingeführten einjährigen freiwilligen Militärdienst für Mädchen ab 18 absolvieren derzeit im Heer 600 junge Französinnen. Sehr kriegerisch geht es dabei nicht zu. Nach einigen Wochen gemeinsamer Grundausbildung mit männlichen Rekruten warten herkömmliche Frauenjobs auf die weiblichen Soldaten, vor allem Telephonistin, Arzt- oder Bibliothekshelferin.

Doch nachdem der Minister eine Staatssekretärin an seiner Seite hat, soll auch eines der letzten Männerprivilegien fallen: Zumindest im Heer will Hernu künftig weibliche Offiziere wie Unteroffiziere ohne Einschränkung an alle Waffen lassen. _(Studentin Anne Chopinet. )

Drei mit Kabinettsrang: Edith Cresson (Industrie und Außenhandel),Georgina Dufoix (Soziales), Huguette Bouchardeau (Umwelt); einebeigeordnete Ministerin: Yvette Roudy (Frauenfragen); zweiStaatssekretärinnen: Catherine Lalumiere (Verbraucherschutz) undEdwige Avice.Studentin Anne Chopinet.

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.